Paulas Popwoche: Es gibt Leute, die müssen arbeiten
Wie Influencer Trends für sich selbst erfinden – und dabei die Realität von vielen übersehen.
Helau! Es gibt mal wieder ein Phänomen, zu dem alle etwas sagen müssen. Und wenn ich „alle“ sage, meine ich die Leute im Internet. Und wenn ich „die Leute im Internet“ sage, meine ich Leute, die das halbwegs professionell machen, das mit dem Internet. Die beruflich im Internet sein müssen. Und zwar weil sie Content Creator, Social Media Manager, Influencer oder irgendwelche Medienmenschen sind.
Immer wieder ein neues Phänomen
Es hat sich nämlich was eingebürgert: Alle paar Monate oder Wochen wird ein Online-Phänomen besprochen. Und zwar nicht auf der Straße oder so, sondern in Feuilletons, in Kultur-Podcasts, auf bestimmten Social-Media-Kanälen. Das Ding ist, dass die Leute, die diese Phänomene besprechen, meinem Gefühl nach die gleichen sind, die diese Phänomene überhaupt kreiert oder groß gemacht haben. Früher nannte man das Kekswichsen, glaube ich. Heute zum Glück nicht mehr, es steht jetzt aber trotzdem hier drin. Den Begriff „Echokammer“ gibt es auch noch, aber das ist so ein Wort für Lehrer.
Stichwort Body Positivity
Ihr braucht ein Beispiel, schon klar. Also, das Gefühl beschlich mich schon beim Thema „Body Positivity“. Dazu las ich Artikel um Artikel, hörte Podcast über Podcast, sah Beiträge und noch mehr Beiträge. Es ging darum, wie viel heute so möglich sei, was als schön gelte und so weiter. Die Referenz war, dass Dove, H&M und Karl Lagerfeld mal was mit Dicken gemacht haben, in Serien dicke Frauen auch mal Sex haben durften und auf Instagram dicke Frauen Unterwäschefotos posteten im Zuge von Werbedeals. Models, Schauspielerinnen, Influencer – die bilden nicht gerade den Großteil der Menschheit ab. Davon abgesehen, dass es nur darum ging, noch mehr Frauen dem patriarchalen Male Gaze auszusetzen, spielte sich das alles nur in der Werbe- und Medienwelt ab. Die meisten dicken Menschen wurden immer noch beim Arzt, bei der Job- und Wohnungssuche und auf der Straße diskriminiert. Irgendwann sah man in den Medien immer weniger dicke Menschen, also schrieben und plapperten die Medienmenschen und Influencer vom Ende der Body Positivity, während fast alle dicken Menschen auf der Welt gar nichts von irgendwas mitbekommen haben. Die Debatte ist an ihnen vorbeigesaust wie ein Vogelschwarm auf dem Weg ab in den Süden. Sommer, Sonne, Sonnenschein.
Der 2016er-Hype: Ein Inside-Job
Okay, aktuelleres Beispiel: Der angebliche 2016er-Hype. Die angebliche Sehnsucht nach diesem Jahr, seiner Ästhetik und der übersichtlicheren politischen und gesellschaftlichen Situation wurde in jedem Kulturmedium durchgekaut. Allein: Die Leute, die sich da in nostalgischen oder retrogeilen Postings versuchten, waren doch auch wieder fast ausnahmslos andere Medienheinis und Influencer. Und wieder ging es vor allem darum, die Produktegeilheit anzuheizen. Was hatten wir damals an? Auf welchem Handy haben wir gepostet? Wie hieß nochmal der Lippenstift? Und so weiter. Ich sag’s euch, wie es ist: Der 2016er-Hype war ein Inside-Job!
Chronically offline: Die neueste Kreisstrullerei
Besonders auffällig finde ich die Kreisstrullerei (neues Wort …) bei dem neuesten DING, das seit einem Jahr in der USA-Medienproduktion und jetzt auch in Deutschland immer öfter durchgenudelt (gestrullert?) wird: chronically offline sein. Es passt auch gut zum 2016er-Ding, weil es schon wieder vor allem um kaufbare Ästhetik geht.
Es geht darum, dass Leute, die besonders viel online sind, jetzt Videos darüber machen, dass man das nicht mehr sein sollte. Und wenn ich „man“ sage, meine ich diese Leute. Sie reden mit sich selbst. Es sind Content Creatorinnen, Influencer und Medienleute. Leute, die das professionell machen und deswegen logischerweise zu viel. Aber statt zu sagen: Ich arbeite zu viel und meine Arbeit ist sinnlos, kreieren sie eine weitere (Online-)Bewegung. Manche nennen das vermeintliche Phänomen auch: analog leben. Hier wird es besonders widersprüchlich, weil die Begriffe durcheinander geraten sind. Was aber auch nur ein Zeichen dafür ist, dass das alles egal ist und man eben nur mal wieder ein Phänomen zum Bequatschen braucht. Analog bedeutet für die Leute, die das dieser Tage beschwören und bewerben, zum Beispiel: ein Klapphandy zu haben, einen MP3-Player zu benutzen, eine Digitalkamera, sich Boxsets von Serien zu kaufen und die dann mit portablem DVD-Player zu gucken. Diese Leute beschwören, dass man Sachen wieder haptisch haben soll, statt sie zu streamen, und das sei analog, eben weil man nicht online ist beim Medienkonsum.
Die Widersprüche der Analog-Ästhetik
Natürlich muss man sich für diese Ästhetik ganz viel Zeug kaufen, um das Handy zu ersetzen. Gerade war noch Minimalismus, Umwelt und Marie Kondo, jetzt soll man sich wieder zuramschen – laut Influencern halt. Im Zuge dessen werden auch die Nuller romantisiert, als hätte sich diesen ganzen Kram damals jeder leisten können (es waren Statussymbole und wer nicht mithalten konnte, wurde beschämt). Dazu wird Bücherlesen, Yogamachen und Kaffeetrinken in Szene gesetzt, weil die Leute angeblich keine Bücher mehr lesen, Yoga machen und Kaffee trinken, sondern nur am Handy sind. Wie erklärt sich dann die ganzen Booktok-Videos, all die Fitnessvideos und die Postings von Männern und ihren Siebträgermaschinen? Es werden einem genau die gleichen Videos präsentiert wie die letzten zehn Jahre, nur dass „offline“ im Hashtag darunter steht.
Aber es gibt Leute, die müssen arbeiten!
Es ist alles der gleiche Quatsch. Und er wird eben nicht von „den Leuten“ gepostet, sondern von Influencern und Medienheinis. Das sind die Leute, die zu viel am Handy sind, die angestrengt davon sind, ständig posten zu müssen, die ihre Produktplatzierungen immer neu labeln müssen, die immer wieder neue Ästhetiken vermarkten und immer wieder Phänomene brauchen. Aber es gibt Leute, die müssen arbeiten! Will ich dann immer vom Balkon rufen, wenn diese Leute auf der Straße stehen und bis tief in die Nacht in ihre Mikrofone reinsabbeln. Wissen Medienleute bei ihrem ganzen „Wir“-Gequatsche noch, dass es andere Menschen gibt, die nichts mit Medien machen und niemandem was im Internet verkaufen müssen? Aber ich gehöre behämmerterweise ja zu denen. Ich sitze da und schreibe die Kolumne und mache das Fenster zu und frage mich, wie es geschafft wird, immer wieder das Gleiche als vermeintliches Gegenteil zu vermarkten.
Der gute alte Dopaminrausch
Deinfluencing war zum Beispiel sowas. Da sprachen dann Influencer in die Kameras, was man alles nicht brauche, aber was man stattdessen kaufen solle. Und nun soll man chronisch offline sein und fünf Geräte mit sich rumschleppen statt einem. Und dann sagen sie einem, man solle alles Mögliche tracken, um besser im Hier und Jetzt zu leben: wie viele Schritte man geht, wie viele Bücher man liest, welche Filme man gesehen hat, wie viel neue Musik man entdeckt hat. DAS ist Stress, da will ich doch lieber meinen guten alten Dopaminrausch zurück.
Und ein kleiner Funfact bezüglich Romantisierung der Nuller: Das war das gleiche. Ich sehe VIVA Plus vor mir, es läuft „From Zero to Hero“ in einem Drittel des Bildschirms, unten ist die SMS-Grußzeile, in der Leute ihren Schatz grüßen, der Rest ist Jamba-Sparabo-Werbung und Anruf-Abzocke. Und dazu hat man dann noch den Teletext angemacht, um sich noch mehr Kram reinzufahren. Im Computerkabinett hat man mit einem 37-jährigen Schwein gechattet und am Montag auf die Partybilder vom Freitag gewartet. Man war dann auf einem drauf und sah aus, wie man sich am Montag gefühlt hat.

Wenn etwas online nervt, ist es, dass einem die ganze Zeit etwas verkauft werden soll, dass alles voller KI ist, dass politische Inhalte nur Aufmerksamkeit bekommen, wenn sie möglichst persönlich sind. Da plärren sich isolierte Politikinfluencer im Netz die ganze Zeit gegenseitig an, dass sie sich mal in Gruppen offline engagieren sollen, während total viele Leute das schon die ganze Zeit tun und Demos, Streiks und Netzwerke organisieren. Und man wirft sich gegenseitig vor, dass man mal wieder „grass touchen“ soll, während die Parks und Wälder voll sind mit Leuten, die das die ganze Zeit tun. „Die Leute“ haben die Schnauze voll, dass sie nicht mehr mit ihren Freunden agieren können und dass es zu selten um ihre Belange geht, sondern zu oft die Marktlogiken bedient werden. Die Leute machen mittlerweile ihre Stories bei WhatsApp und da sieht man sie dann herrlich wandern oder bei einem Konzert abhotten oder ihren unglaublich süßen Hund.
Woran erkennt man einen chronically offline Mensch? Er sagt’s dir online!
Ab ins echte Leben – Alaaf!
Ihr merkt, ich bin schon jeck … Deswegen muss ich gleich raus, ins echte Leben, offline … Alaaaf! Offlaaaaaf! Übrigens hatte ich die Verkleidungs-Idee, mir ein Stück Rasen mitzunehmen, um dann die zu sein, die ab und zu mal GRASS TOUCHT. Aber wisst ihr, wer diese Idee nicht verstanden hat, als ich sie rumerzählt hab? All meine Freunde, die nicht in den Medien arbeiten und auch nix mit Content machen. Sie kennen diesen Ausdruck gar nicht! Tja. Mit denen touche ich heute zusammen vollgekotztes Gras. Ihr seht bei WhatsApp, wie das ausgegangen ist.






