Eklat am Kanzleramt: Xavier Naidoos Auftritt bei der Epstein-Demo

Kundgebung zu Kindesmissbrauch – und ein prominenter Auftritt.

Vor dem Bundeskanzleramt in Berlin ist es am Rande einer Demonstration gegen sexualisierte Gewalt an Kindern am 17. Februar zu einem Zwischenfall mit Xavier Naidoo gekommen. Der 54-jährige Sänger trat dort am späten Nachmittag vor verbliebene Teilnehmer:innen einer bereits offiziell beendeten Kundgebung und äußerte sich in drastischer Wortwahl.

Die ursprünglich angemeldete Demonstration stand im Zusammenhang mit der Veröffentlichung weiterer Dokumente im Fall des verurteilten und inzwischen verstorbenen Sexualstraftäters Jeffrey Epstein. Unter dem Motto „Sexuelle Gewalt an Kindern stoppen“ war die Versammlung von 12 bis 15 Uhr genehmigt und wurde im Anschluss aufgelöst. Im Umfeld der Veranstaltung versammelte sich jedoch eine kleinere Gruppe erneut – darunter auch Naidoo.

Begleitung durch verschwörungsideologische Kanäle

Wie „Rolling Stone“ berichtete, soll die spätere Zusammenkunft unter anderem von Akteur:innen aus dem rechten und verschwörungsideologischen Spektrum begleitet worden sein. Entsprechende Netzwerke hätten die Thematik um Epstein aufgegriffen, um eigene Narrative zu verbreiten. Auch ein Videokanal aus dem Umfeld des rechtsextremen Magazins „Compact“ soll vor Ort berichtet haben. Naidoo trat dort als prominente Stimme auf und wurde von Anwesenden zu seiner Haltung zu Kindesmissbrauch befragt.

„Menschen, die unsere Kinder fressen“

Zu Beginn äußerte sich der Sänger vergleichsweise zurückhaltend: Es gehe ihm laut „Bild“-Bericht nicht um „Rehabilitierung“, sondern darum, Wege zu finden, um Kindern zu helfen. Die öffentliche Meinung über seine Person sei ihm dabei gleichgültig. Als ein Teilnehmer von eigenen Missbrauchserfahrungen berichtete, suchte Naidoo das Gespräch und umarmte ihn.

Im weiteren Verlauf verschärfte sich der Ton. Auf Fragen zu den veröffentlichten Epstein-Dokumenten und möglichen Konsequenzen erklärte Naidoo, es müsse „Konsequenzen geben“ und das „ganze System“ müsse aufgearbeitet werden. Dabei verwendete er Formulierungen wie „Menschen, die unsere Kinder fressen“ und sprach mehrfach von „Kinderfressern“. Weiterhin sprach er angeblich von „unaussprechlichem Leid“ und behauptete, „Kannibalen“ hätten ein Interesse daran, dass „wir alle in die Hölle runterfahren“, so „Bild“. Konkrete Belege oder Bezüge nannte er wohl nicht.

Versuch, ins Kanzleramt zu gelangen

Im Anschluss begab sich laut „Bild“ Naidoo in Richtung des Kanzleramtseingangs. Nach Angaben von Anwesenden bat er Polizeikräfte, dem damaligen Bundeskanzler Friedrich Merz auszurichten, man wolle mit ihm sprechen. Die Einsatzkräfte verwiesen ihn angeblich auf einen anderen Bereich und forderten ihn schließlich auf, das Gelände zu verlassen.

Naidoos umstrittene Aussagen: Eine Chronologie

Xavier Naidoos problematische Äußerungen reichen weiter zurück als die Corona-Pandemie. Bereits 2012 sorgte er mit einem Video für Empörung, in dem er behauptete, die Bundesregierung habe „keinen Friedensvertrag“ und sei „nicht legitimiert“. 2014 folgte ein Song mit dem Titel „Raus aus dem Reichstag“, der als Anspielung auf die Reichsbürger-Bewegung interpretiert wurde.

Während der Pandemie intensivierten sich seine Aussagen. Im März 2020 veröffentlichte Naidoo ein Video, in dem er weinend von „satanischen Ritualen“ und „Kindern, die gequält werden“ sprach. Er behauptete, Eliten würden „Adrenochrom“ aus dem Blut gefolterter Kinder gewinnen – eine zentrale Erzählung der QAnon-Bewegung.

In weiteren Videos verbreitete Naidoo die Behauptung, Angela Merkel sei Teil einer „pädophilen Elite“. Er sprach von unterirdischen Tunnelsystemen, in denen Kinder gefangen gehalten würden. Diese Narrative übernahmen verschwörungsideologische Muster, die in rechtsextremen und antisemitischen Kreisen kursieren.

Seine Aussagen führten 2024 zu einer Anklage wegen Volksverhetzung. Laut Anklageschrift soll er im März 2021 über einen Telegram-Kanal „antisemitische und den Holocaust leugnende Inhalte“ verbreitet haben. Eine rechtskräftige Verurteilung liegt bislang nicht vor, ein vorheriger Prozess endete ohne Urteil.

Erst wenige Wochen zuvor hatte Naidoo eine ausverkaufte Comeback-Tour absolviert.

Jeffrey Epstein: Missbrauch und Machtmissbrauch

Die neu veröffentlichten Epstein-Dokumente betreffen den US-Finanzier Jeffrey Epstein, der 2019 in Untersuchungshaft starb. Epstein wurde beschuldigt, jahrzehntelang einen Sexhandelsring betrieben zu haben, bei dem er minderjährige Mädchen missbrauchte. Die im Januar 2026 entsiegelten Gerichtsakten umfassen rund 900 Seiten und nennen zahlreiche prominente Namen aus seinem Umfeld.

Die Dokumente bestätigen, dass Epstein systematisch minderjährige Mädchen – teilweise im Alter von 14 Jahren – rekrutierte und diese an reiche und einflussreiche Männer vermittelte. Zu seinem Netzwerk zählten laut den Akten Geschäftsleute, Politiker:innen und Prominente, darunter Prinz Andrew. Die Aussagen stammen größtenteils aus Gerichtsverfahren, die von Epsteins Opfern angestrengt wurden.

Epstein nutzte seine Kontakte zur Elite, um seine Verbrechen zu verschleiern. Er pflegte Beziehungen zu Personen wie Bill Clinton, Donald Trump und weiteren Mächtigen – wobei die bloße Nennung in den Dokumenten nicht automatisch auf Beteiligung an Straftaten hinweist. Die Akten belegen jedoch das Ausmaß eines Missbrauchssystems, das über Jahre funktionierte.

Die Enthüllungen lösten weltweit Entsetzen aus und befeuerten Diskussionen über Machtmissbrauch in elitären Kreisen. Allerdings: Die Dokumente belegen organisierte Sexualverbrechen, nicht jedoch die von Verschwörungstheoretiker:innen behaupteten satanistischen Rituale oder Adrenochrom-Theorien.

Wo liegt die Wahrheit?

Die Epstein-Akten bestätigen schwerwiegende Verbrechen an Kindern und Jugendlichen durch einen Finanzier mit Kontakten zu Mächtigen. Sie belegen jedoch nicht die spezifischen Behauptungen, die Xavier Naidoo verbreitete: keine satanistischen Rituale, keine Adrenochrom-Gewinnung, keine kannibalistische Praktiken.

Kritiker:innen der Rehabilitationsforderung betonen diese Differenzierung. Während Epsteins Verbrechen real sind, bleiben Naidoos Verschwörungsnarrative unbewiesen. Die antisemitischen Untertöne seiner Aussagen – etwa die Rede von einer „globalen Elite“ – folgen zudem problematischen Mustern.

Expert:innen warnen davor, reale Missbrauchsfälle mit Verschwörungsmythen zu vermischen. Dies schade den tatsächlichen Opfern und verharmlose die realen Strukturen sexueller Gewalt, die sich fundamental von phantastischen Ritualmord-Szenarien unterscheiden.