Aidas Popkolumne: Kunstfreiheit ist auch kein Naturgesetz
Aida hat die Oscars verschlafen und natürlich trotzdem eine Meinung dazu. Sind wir zu still, während um uns herum die Kunst- und Meinungsfreiheit eingeschränkt werden?
Seid ihr wachgeblieben, um die Oscars zu schauen? Ich geb’s zu – ich nicht. Aber natürlich habe ich direkt um sechs Uhr morgens geschaut, wer alles gewonnen hat, was ich verpasst habe und welche Entscheidungen der Academy einfach komplett falsch und daneben waren.
Sean Penn mit seinem rassistischen General aus „One Battle After Another“ als beste Nebenrolle? Bitte, so ein offensichtlicher Oscar-Bait darf nicht auch noch belohnt werden, nicht wenn auch Benicio del Toro für seine Wahnsinnsrolle im gleichen Film nominiert ist (danach wollte ich mir sogar ich als Nicht-Biertrinkerin „a few small beers“ hinter die Binde kippen) und Delroy Lindo für seinen fantastischen Mundharmonika-Spieler im mindestens genauso fantastischen Musik-Zombie-Rassismus-Thriller „Sinners“. „Marty Supreme“ komplett leer ausgegangen? Vielleicht nach Timothée Chalamets dummen Aussagen zu Oper und Ballett nachvollziehbar, aber für den ziemlich kurzweiligen Film schade, und natürlich, dass die Welt brennt und die Verleihung so tut als wäre alles in Ordnung.
Mein Film des Jahres
Dazu passt auch, dass der für mich beste Film des Jahres (und einer der besten, die ich jemals in meinem ganzen Leben gesehen habe) zwar in zwei Kategorien nominiert war, aber keine Statue mitnehmen durfte: „Ein einfacher Unfall“. Jafar Panahis Film über Moral, Humanismus und das Bedürfnis nach Rache angesichts unmenschlicher Gewalt ist für mich der Film des Jahres und hat mit dem staatlich durchgeführten Massaker im Iran im Januar und dem mittlerweile seit zwei Wochen laufenden Krieg erschreckende Aktualität gewonnen.
Aber es geht nicht nur um den Iran in dem Film, sondern vor allem darum, was uns zum Menschen macht. Sollten wir uns unseren niederen Gelüsten nach Rache hingeben? Darf man sich angesichts einer gewalttätigen Übermacht auf ihr Niveau herabgehen und genauso scheiße sein wie die Monster, die man bekämpft? Oder müssen wir uns unsere Menschlichkeit behalten, unseren Humanismus und unseren Sinn für Gerechtigkeit – auch und erst recht, wenn uns das schwer fällt? Jede:r wird das für sich vermutlich anders beantworten. Aber es ist wichtig, darüber nachzudenken.
Für Witze sterben können
Der Regisseur Jafar Panahi – der selbst als politischer Häftling im Iran im Knast saß und jahrelang mit einem Ausreise- und Arbeitsverbot belegt war (und das letztere ignorierte) – war in den letzten Monaten auf der ganzen Welt unterwegs, um über seinen Film zu sprechen. In Cannes natürlich, wo er die Goldene Palme als besten Film gewonnen hat, in Berlin zur Berlinale, wo ich ihn habe sprechen hören, und in einem eindrucksvollen Interview bei Jon Stewart von der „Daily Show“. Da eröffnete er das Gespräch damit, Stewart zu sagen, dass er im Iran schon von der Todesstrafe bedroht sein würde, wenn er nur ein Hundertstel von dem sagen würde, was Stewart und seine Kolleg:innen jeden Abend in ihren Late Night-Shows raushauen.
Und das bringt uns dann wieder nach Deutschland: noch haben wir Kunst- und Meinungsfreiheit, sie ist garantiert im Grundgesetz (Artikel 5, ich hab’s kürzlich nochmal nachgeschaut, aus Gründen). Aber irgendwie scheint mir, als ob es sehr en vogue ist, den Vorschlaghammer dranzusetzen. In der letzten Kolumne schrieb ich ja schon über die Vorgänge bei der Berlinale und die Versuche des Kulturstaatsministers und seines Hauses, die Intendantin Tricia Tuttle aus fadenscheinigen Gründen aus dem Amt zu ekeln. Das hat zwar vorerst nicht geklappt, aber ob die Berlinale wirklich weiter dieses stolz politische Festival bleibt, das einst als „Schaufenster der freien Welt“ gegründet wurde, wage ich zu bezweifeln.
Wo ist eigentlich die Musikwelt?
Und die Versuche der Einflussnahme enden nicht: In den letzten zwei Wochen war ein Preis in aller Munde, den davor so gut wie alle immer ignoriert haben, der Buchhandlungspreis. Und warum hat er dieses Jahr endlich angemessene Aufmerksamkeit erhalten? Weil drei nominierte Buchläden aus mutmaßlich politischen Gründen von der Liste der Preisträger gestrichen wurden. Eh, was bitte? Zum Glück regnete es Kritik und sogar Rücktrittsforderungen an Weimer. Gut so, denn zumindest zeigt der Kulturbetrieb endlich mal, dass noch Leben ihn ihm steckt. Oder?
Ich weiß es nicht genau, aus der Musikszene ist es angesichts dieser Debatten reichlich leise. Glauben wir etwa, dass es Pop und Co. nicht früher oder später auch treffen wird? Weite Teile der Musikszene sind von staatlicher Förderung abhängig, und war nicht nur die Indies, sondern auch so manche Majorprojekte, die eben nicht Shirin David oder Helene Fischer heißen. Das können Fördertöpfe für Aufnahmen sein, für das Touren, für internationale Auftritte und die Möglichkeit, auf Showcases aufzutreten. Können wir uns sicher sein, dass derlei Eingriffe des Bundes in die Kunstfreiheit am Pop vorbeigehen? Ich halte das für reichlich naiv.
Protest – aber bitte nicht zu konkret
Der Kabarettist und ehemalige EU-Abgeordnete Nico Semsrott hat Ende letzten Jahres die PRÜF-Demos initiiert, die über monatliche Demos überall in Deutschland Druck aufbauen sollen, damit Parteien, die als rechtsextremer Verdachtsfall oder gesichert rechtsextrem eingestuft werden, geprüft werden, ob sie sich noch auf Boden der freiheitlich-demokratischen Grundordnung befinden. Am Samstag beispielsweise gab es Demos unter anderem in Berlin. Gute Sache – aber noch ist die Resonanz aus der Musikwelt verhalten. Zwar ist in Berlin zum Beispiel Kid Simius aufgetreten, aber im Vergleich zu früheren Demos war es doch recht mau. Wir erinnern uns: Bei den Anti-AfD-Demos vergangener Jahre standen auch richtig große Namen auf der Bühne und haben durchaus Publikum gezogen. Diese Demos waren aber, das wissen wir heute, reichlich diffus und ohne konkrete Forderungen. Und deswegen womöglich auch so erfolglos. Jetzt wird’s konkret – und es scheint, als ob da dann viele lieber erst einmal abwarten.
Aber worauf warten wir? Dass die Angriffe auf Kunst- und Meinungsfreiheit noch stärker werden? Dass der – sowieso schon fragile und nie wirklich dem Ideal entsprechende – Grundkonsens des demokratischen Lebens komplett gesprengt wird? Die Wahlen in Baden-Württemberg haben gezeigt, dass rechtsextreme Aussagen kein Hinderungsgrund für den Aufstieg einer Partei mehr sind, und wir haben noch eine Menge Wahlen vor uns dieses Jahr. Mit jeder dieser Wahlen wächst die Wahrscheinlichkeit, dass eine Partei an die Macht kommt, die von Kunst- und Meinungsfreiheit gar nichts wissen will.
Wo das endet, sehen wir beispielsweise in Ungarn, dessen Ministerpräsident Victor Orbán in den letzten Jahren, man kann es kaum anders sagen, teils sehr erfolgreich versucht hat, Medien- und Kulturbetrieb unter seine Kontrolle zu bringen. Dafür wurde er dieser Tage von den Kolleg:innen der Zeitung Welt mit einem Gastbeitrag belohnt. Der Vibeshift, er scheint real. Aber eigentlich zeigt uns die ältere und auch neuere Popgeschichte ja eines zumindest eines eindeutig: Autoritarismus und Faschismus klingen Scheiße. Vielleicht steht die Popwelt ja wenigstens dagegen auf.






