Holly Humberstone im Interview: „Authentizität ist der Schlüssel zum Erfolg“
Nach monatelangem Touren kam die Sinnfrage: Humberstone erzählt, wie alte Grimm-Märchen & Ballettschuhe ihr neues Album formten.
Für Holly Humberstone fühlt sich ihr rasanter Aufstieg noch immer ein wenig unwirklich an. Zwischen Tourleben, wachsendem Erfolgsdruck und der Suche nach der eigenen Identität entstand ihr neues Album CRUEL WORLD (VÖ 10. April) ein sehr persönliches Werk, das von Nostalgie, weiblicher Stärke und den widersprüchlichen Seiten der Liebe geprägt ist. Im Gespräch mit MUSIKEXPRESS spricht die 26-Jährige über kreative Selbstzweifel, den Mut zur Verletzlichkeit und darüber, warum Authentizität für sie der wichtigste Kompass ist.
ME Wie hat der kreative Prozess zu CRUEL WORLD gestartet?
Holly Humberstone: Als ich im September 2024 vom monatelangen Touren zurückkam, hatte ich plötzlich eine kleine Identitätskrise und dachte: Wer bin ich eigentlich als Person? Ich wusste ziemlich genau, wer ich als Künstlerin bin, aber als Mensch habe ich mich sehr verändert, seitdem ich viele meiner ersten Songs geschrieben habe. Und plötzlich sollte ich ein neues Album schreiben und wusste gar nicht so genau, wer ich außerhalb dieser Rolle eigentlich bin. Die Musikindustrie ist sehr überwältigend, überstimulierend und extrem schnelllebig. Man denkt ständig darüber nach, was als Nächstes kommt, wo der nächste Auftritt ist oder wann man wieder die Koffer packen muss, weil man weiterreist. Seit dem Lockdown, seit meine Karriere begonnen hat, hatte ich das Gefühl, nie wirklich die Chance gehabt zu haben, einmal richtig nachzudenken.
Diese Phase der Selbstreflexion klingt sehr intensiv. Was hat dir dabei geholfen, zu dir selbst zurückzufinden?
Beim Auszug aus meinem Elternhaus musste ich circa 23 Jahre an angesammelten Dingen aussortieren. Während dieses Prozesses habe ich vieles wiederentdeckt, das mich mal ausgemacht hat, zu dem ich allerdings den Kontakt verloren hatte: alte Gegenstände, die mir früher unglaublich viel bedeutet haben – meine alten Ballettschuhe zum Beispiel oder alte Schmuckstücke, eine Schmuckschatulle, die ich als Kind geliebt habe, mit einer kleinen Ballerina, die sich dreht. Oder ein altes Buch mit Grimm-Märchen, das ich sehr geschätzt habe. Auch alte Geschichten, CDs und Filme, die damals meine Identität geprägt haben.
Dieses Zurückblicken scheint stark von Erinnerungen geprägt zu sein. Nostalgie ist also ein essenzieller Aspekt deines neuen Werkes – was noch?
Während der Entstehung des Albums habe ich außerdem gelernt, dass Liebe im Kern eine sehr schmerzhafte Emotion ist. Für mich ist sie ähnlich wie Nostalgie. Beide Gefühle sind unglaublich stark. Das Besondere daran ist, dass sie gleichzeitig eine sehr schöne, euphorische Seite haben und eine sehr traurige, schmerzhafte. Man kann diese beiden Seiten nicht voneinander trennen, sie existieren im selben Raum. Diese Gegensätze und Referenzen finden sich in den Lyrics und auch in der Musik meiner neuen Tracks wieder.
Viele dieser Gefühle wirken sehr persönlich, gleichzeitig schreibst du oft über dir nahestehende Personen. Hast du manchmal Angst davor, zu viel von dir selbst in deiner Musik preiszugeben?
Als eine von vier Schwestern war ich in unserer Familienkonstellation definitiv nicht die, die den Ton angab. Meine Rolle war es eher, zu beobachten, zuzuhören und empathisch zu sein. Deshalb bin ich von Natur aus ziemlich gut darin, die Emotionen anderer Menschen zu lesen und zu verstehen. Es fällt mir daher oft leichter, über die Erfahrungen anderer Menschen zu schreiben als über meine eigenen. Aber gleichzeitig hat es auch etwas sehr Befriedigendes, einen Song darüber zu schreiben, wie ich mich selbst fühle. Ich bin mit „Scarlett“, „Lauren“ und „Lucy“ auf so vielen Ebenen verbunden, weil ich darin über sehr universelle Gefühle schreibe, selbst wenn ich sie gerade nicht direkt erlebe. Songs zu veröffentlichen, die so persönlich sind, dass sie fast ein bisschen peinlich wirken, ist natürlich immer etwas beängstigend.
Ein zentrales Thema dabei scheint auch Weiblichkeit zu sein. Das neue Album klingt sehr feminin. Welche Rolle spielen Frauen in deinem Leben und wie beeinflussen sie dein Selbstbild und deine Musik?
Frauen definieren mich sehr stark, ich bin ja mit drei Schwestern aufgewachsen und habe eine Mädchenschule besucht. Ich bin unglaublich dankbar, so viele inspirierende Frauen um mich herum zu haben – ohne sie würde ich mich vermutlich nicht stark genug fühlen, diesen Beruf auszuüben. Allerdings habe ich früher nie wirklich darüber geschrieben, wie es ist, eine Frau und Teil dieser „Sisterhood“ zu sein. Wir haben unglaublich viele Stärken und auch einige versteckte Superkräfte, die ich auf dem Album feiern wollte – in einer Welt, die uns oft klein und schwach fühlen lässt. Eigenschaften wie Empathie, die Fähigkeit, Menschen zu lesen und zu verstehen, sich mit ihnen zu identifizieren, einfühlsam zu sein und eher an das Kollektiv zu denken als nur an sich selbst, werden oft als „weiblich“ bezeichnet und abgetan. Mir war es ein Anliegen, andere und auch mich selbst daran zu erinnern, dass wir stark sind und unsere Fähigkeiten großartig sind.
Deine Lyrics zeichnen Bilder und sind vielschichtig. Fällt es dir leicht, deine Ideen in Lyrics zu verwandeln?
Ehrlich gesagt, sind die meisten lyrischen Einfälle, die ich zu Beginn einer Session habe, ziemlich schlecht – und das ist auch völlig okay so. Ich muss jedes Mal aufs Neue die schlechten Ideen aus meinem System bekommen. Nur so stolpere ich über etwas, das womöglich genial ist und mit dem sich andere Menschen identifizieren können. Songwriting ist Chaos, es gibt keine echte Formel. Man muss einfach ins Studio gehen, emotional offen sein und schauen, was an diesem Tag geschrieben werden möchte – und dabei immer mutig bleiben. Ich kann meine Kreativität nicht einfach einschalten, sie ist kein Wasserhahn, sondern ein Prozess. Deshalb ist es für mich wichtig, mit Menschen zu arbeiten, denen ich vertraue und die verstehen, dass nicht jeden Tag ein Song entsteht. Die bereit dazu sind, mit mir darauf zu warten, dass sich die Inspiration einstellt. Ich muss und kann nicht die ganze Zeit kreativ sein. Ich sollte es nur dann sein, wenn sich der Moment richtig anfühlt, wenn ich Lust darauf habe und wenn ich auch wirklich inspiriert bin.
Du hast in der Vergangenheit für zahlreiche Artists Shows eröffnet – darunter auch Taylor Swift. Was hast du von deinen musikalischen Vorbildern über Erfolg und Authentizität gelernt?
Von Artists wie Taylor Swift, Sam Fender, girl in red, Olivia Rodrigo und Lewis Capaldi, die ich schon so lange bewundere, wahrgenommen zu werden, fühlt sich unglaublich an. Es gibt mir das Gefühl, als Künstlerin ernst genommen zu werden und zeigt mir, dass ich auf dem richtigen Weg bin und dranbleiben sollte. Eine Beobachtung, die mir bei all diesen Künstler:innen besonders aufgefallen ist: Jede und jeder Einzelne von ihnen hat etwas sehr Eigenes und Besonderes an sich. Wenn man herausfindet, was das bei einem selbst ist, sollte man sich darauf konzentrieren und diesen Aspekt noch stärker betonen. Außerdem haben sie mir beigebracht, dass Authentizität der Schlüssel zum Erfolg ist. Man sollte einfach man selbst sein, denn andere Menschen existieren bereits. Wenn man wirklich zu sich selbst steht, können Menschen sich mit einem verbinden, weil man einfach menschlich ist.
Wenn du auf diesen ganzen Prozess zurückblickst: Was hat dir die Entstehungsphase des Albums über dich selbst gelehrt?
Während man mitten im Prozess steckt, ist es oft schwer, Abstand zu gewinnen und Dinge für das zu sehen, was sie sind. Wenn ich jetzt zurückblicke, habe ich verstanden, dass ich Selbstbestimmung besitze – als Frau, als erwachsene Person und als Künstlerin. Ich habe gelernt, mir selbst zu vertrauen und die Musik zu machen, die ich machen möchte. Am Ende verstehe ich mich selbst und mein eigenes Projekt besser als irgendjemand sonst. In den letzten anderthalb Jahren des Albumprozesses habe ich das Gefühl bekommen, erwachsen geworden zu sein, und habe erkannt, dass ich fähig und gut in dem bin, was ich mache. Das Wichtigste, das ich auf dem Weg gelernt habe, ist, freundlicher zu mir selbst zu sein. Denn es geht nicht um Leben und Tod: am Ende des Tages ist es einfach nur Musik.
Und wer Holly Humberstone nun live erleben will: Die Indie-Künstlerin gibt im September eine Reihe von Konzerten in Deutschland: am 20.09. in Köln, am 26.09. in Hamburg, am 27.09. in Berlin und am 28.09. in München.



 by Giovanni Mourin.jpg)


