Aidas Popkolumne: Alles ist ’ne PsyOp
Aida zweifelt an der Realität: Sind Geese nur so erfolgreich, weil uns Bots im Internet davon überzeugt haben? Und haben wir kollektiv schon wieder vergessen, was Michael Jackson getan hat?
Ich komme noch immer nicht über die größte Musikdebatte der letzten zwei Wochen hinweg – wir müssen nochmal darüber reden: Ist der Hype um Geese eine PsyOp, also eine „psychologische Operation“, wie das US-amerikanische Magazin „Wired“ in einer Recherche schrieb, inspiriert von einem Essay der Musikerin Eliza McLamb? Finden wir die Band nur gut, weil eine Agentur namens „Chaotic Good Projects“ tausende Bots und Fake-Fans auf das Internet losgelassen hat, die Kommentarspalten von Videos bevölkerten und selbst Content erstellten, in dem sie die Band abfeierten? Sind wir wirklich so leicht zu beeinflussen – und lässt sich Viralität wirklich so einfach künstlich herstellen? Waren die Zweifel an Geese und Frontmann Cameron Winter, die Menschen, die den Hype nie so richtig nachvollziehen konnten (ich gehöre dazu, wie ihr wisst), berechtigt – und war die Band nichts anderes als ein Haufen Nepo-Babies und sogenannte „Industry Plants“, also ein von der Musikindustrie künstlich aufgebauter Hype?
Chancengleichheit? Haha.
Natürlich ist es, wie immer, nicht so einfach. Nur weil Chaotic Good Projects selbstbewusst in einem Podcast mit der Journalistin Kristin Robinson von „Billboard“ behauptet haben, den Schlüssel zum Viralwerden gefunden zu haben, muss das noch lange nicht stimmen. Immerhin ist es die wichtigste Aufgabe einer Marketingagentur, zunächst einmal sich selbst zu verkaufen. Und wir vergessen alle gerne, dass „Getting Killed“, das letztes Jahr alles dominierende Album von Geese, bereits ihr viertes war. Schon vor einigen Jahren hatten große Indielabels um sie geworben; Partisan, auch das Zuhause von Idles und PJ Harvey, hat sich durchgesetzt. Dennoch lässt sich die Debatte nicht einfach wegwischen, wie es einige Kommentator:innen tun, weil es Marketingkampagnen ja schon immer gab und Agenturen eben das machen, was sie immer gemacht haben – nämlich ohne Nachweise behaupten, sie könnten alles. Denn: Nach wie vor kursiert das Gerücht, das Internet ermögliche allen Musiker:innen die gleichen Chancen, vermeintlich über Nacht zum Superstar zu werden. Dieses Narrativ stimmt heute weniger denn je – und dabei ist es fast egal, ob Chaotic Good Projects’ Behauptungen stimmen oder nicht.
Es hat natürlich noch nie gereicht, einfach Musiker:in zu sein. Wer heute startet, muss gleichzeitig auch Content Creator werden, Regisseur:in und Marketingspezialist:in. Vielleicht hat man dann eine Chance – aber wahrscheinlich eher nicht. Denn während man selbst versuchen kann, vielleicht ein Dutzend Videos und Clips am Tag zu posten und auf hundert Kommentare zu antworten, kann eine Agentur, deren Mitarbeiter:innen diesen Job in Vollzeit erledigen und solche Aufgaben zum Teil mit KI automatisieren, einen viel größeren Impact erzielen. Nur: Eine solche Agentur muss man sich erst einmal leisten können. Wer Zugang zu solchen Agenturen und damit zu diesen Technologien der Einflussnahme hat, ist auch eine Frage der finanziellen Ressourcen.
Die gleichen Strategien wie Trump und die Manosphere?
Sind Geese und Cameron Winter, oklou, Mk.gee, Wet Leg und Dijon damit automatisch schlechte Musiker:innen, deren Erfolg unverdient ist? Natürlich nicht. Fast alle diese Platten gehörten letztes Jahr zu meinen Favoriten – und nachdem ich die Show von Geese in Berlin besucht hatte, haben sie mich trotz meines anfänglichen Unverständnisses fast schon überzeugt. Ich sehe es jedoch kritisch, wenn sich nun auch im Indie-Bereich solche Praktiken durchsetzen. Schließlich brüstet sich dieser Bereich oft mit fairerem Umgang und besseren Werten – teils sogar mit explizit politischer Haltung (Partisan verwaltet auch das musikalische Erbe von Musikerlegende und politischem Aktivisten Fela Kuti). Sollen wir dann wirklich einfach hinnehmen, dass große Indies solche Einflusskampagnen finanzieren und durchführen lassen, wie man sie bei Majors und ihren Industry Plants vielleicht erwartet, von den politischen Kampagnen Trumps, der Brexit-Befürworter:innen oder der AfD kennt und wie Manosphere-Podcaster sie mit ihren Fans perfektioniert haben?
Der kometenhafte Aufstieg vom Manosphere-Loser Andrew Tate beispielsweise beruhte darauf, dass er seine Fans und vor allem die zahlenden Teilnehmer seiner Scam-Onlinekurse dazu animiert hat, Clips seiner Videos massenhaft über TikTok und Instagram zu verbreiten – und so Viralität künstlich herzustellen. Er hat damit geschafft, was Chaotic Good Projects nur behauptet, und die Realität so verbogen, dass er als nischiger Onlinescammer eine große Relevanz beanspruchen konnte.
War das was?
Mit einer kleinen Menge an eingefleischten Fans lässt sich auch versuchen, den Diskurs nicht nur zu beeinflussen, sondern vollständig umzudrehen – wie wir es gerade bei der Debatte um das neue Michael-Jackson-Biopic und vor allem seine auffälligen Leerstellen sehen. Kolleg:innen, die Kritiken zum Film veröffentlicht haben, berichten von Beschimpfungen und Angriffen. Die vielfach vorgebrachten Berichte von sexualisiertem Missbrauch? Egal, alles Fake. Als hätte es die Dokureihe „Leaving Neverland“ nie gegeben, als wären die vielen Opfer, die bis heute auftauchen, alle unglaubwürdig, als gäbe es keinerlei Zweifel und keinen Diskurs.
Was ist Realität? Natürlich immer eine Konstruktion. Aber wir schleudern uns gerade in eine Welt hinein, in der man nicht mehr sicher sein kann, was noch echt ist und was nicht, was glaubwürdig ist und was nicht (und ich habe noch nicht einmal vom Fiebertraum angefangen, den wir gerade mit der Debatte um den Wal in der Ostsee beobachten). „Everything is fake on the internet“, kann man natürlich zynisch entgegnen. Aber müssen wir uns damit abfinden? Wollen wir eine Welt, in der wir uns gegenseitig gar nichts mehr glauben können? Ich jedenfalls nicht. Und finde Geese ganz authentisch lame.







