Aidas Popkolumne: Einmal Hedonismus mit Weltuntergangsstimmung, bitte
Aida war am Wochenende auf dem Rewire Festival in Den Haag. Bei der Weltlage richtig abschalten – geht das überhaupt? Und ist es wünschenswert?
Um mich herum löste sich am Samstag die Welt auf. Ich stand in der Crowd bei einem Auftritt der Poetin und Experimentaljazzerin Moor Mother und der Metal-Supergroup Sumac auf dem Rewire Festival in Den Haag. Es war eine der härtesten und intensivsten Shows, die ich seit geraumer Zeit gesehen habe. „Hat hier jemand im Raum Hoffnung?“ rief sie irgendwann in die Menge, und ein paar Menschen jubelten. „Was ist mit euch los? Der Rest von uns glaubt, dass wir fucked sind“, antwortete sie. Und sie hat nicht unrecht.
Es gibt sogar Forschung dazu: Während persönliche Lebenszufriedenheit im globalen Norden noch relativ hoch ist, sieht es bei sozialer Zufriedenheit und Hoffnung unterschiedlichen Studien zufolge anders aus. Menschen sorgen sich, dass kommende Generationen eine niedrigere Lebensqualität haben werden. Die Hoffnung auf eine Lösung der Klimakrise schwindet. Kriege, Konflikte und Politiker:innen, die jenseits von Logik und Menschlichkeit handeln, tragen das Übrige dazu bei.
Gefangen in der Zwischenwelt
Ich merke es auch an mir selbst: Als Kind iranischer Eltern waren die letzten Monate ziemlich bitter. Damit bin ich nicht allein – rund ein Viertel der Einwohner:innen Deutschlands hat irgendeine Form von familiärer Migrationsbiographie. Nicht alle zu einem Land, das gerade in einem völlig wahnsinnigen Krieg ist und gleichzeitig seine eigene Bevölkerung ermordet – doch an vielen anderen Orten der Welt ist es kaum besser. Und gleichzeitig lebt man hier im noch halbwegs sicheren Mitteleuropa sein normales Leben weiter, oder das, was man dafür hält. Es fühlt sich an, als wäre man in einer Zwischenwelt gefangen: Am Wochenende stand ich auf einer Empore im großen Konzertsaal Amare in Den Haag und sah die fantastische Kim Gordon – und wollte gleichzeitig alle fünf Sekunden mein Handy auskramen und die Nachrichten abscannen. Was zur Hölle mache ich hier?
Hedonismus hat einen schlechten Ruf: Er gilt als kopflos, gedankenlos, egozentrisch. Und was ist hedonistischer als ein Musikfestival? Vier, fünf Tage irgendwo anders, ausgeklinkt aus der realen Welt. Doch es muss nicht so sein. Denn Kunst ist kein mindless escape, sondern ein Raum, in dem wir unseren Blick auf die Welt verhandeln.
Heulend im Kunstnebel
Am Donnerstag eröffnete die in Berlin lebende italienische Komponistin und Experimentalkünstlerin Caterina Barbieri das Rewire mit einer hymnischen Performance – erst mit, dann ohne Orchester, mit Synths, Chören und viel Nebelmaschine. Und ich? Ich heulte. Heulte, weil es so kantig war und so schön. Heulte, weil die Musik in diesem Moment wie ein Loch bohrte, aus dem die ganze Trauer und Anxiety über die Welt aus mir herausbrach. Eben weil es eine Performance war, die nicht auf Hedonismus angelegt war, sondern sich eher anfühlte wie eine Antwort auf den Schmerz der Zeit. Ähnliches gilt für die Performance der belgischen Akkordeonspielerin Suzan Peeters, die aus dem Akkordeon experimentellen Goth presste und ihn mit kapitalismus- und konsumkritischen Samples kreuzte. Oder Laurel Halo, die einen Film des Schweizer Videokünstlers Julian Charrière vertonte – über Tiefseebergbau und brutale Eingriffe in unser Ökosystem.
Wegrennen vor der Realität war am Wochenende also nicht. Grenzüberschreitende Musik kann uns einen Weg zeigen, wie wir mit dieser Welt klarkommen – einen Weg, der weder aus Verdrängung besteht noch daraus, an den Nachrichten zu kleben, wie ich dazu neige. Der Weg aus der Doomspirale heraus besteht, daran glaube ich zumindest fest, aus einem Gleichgewicht: Wissen um das, was draußen in der Welt passiert, Trauer darüber – und zugleich Release. Dieser Release kann eine Metalshow wie Moor Mother und Sumac sein oder eine Performance wie die des balinesischen Digital-Hardcore-Duos Gabber Modus Operandi, bei dem ich von der ersten Sekunde an quer durch den Raum hüpfte.
„Musik ist Medizin“
Es kann die verstörenden Bilder im Hintergrund beim Auftritt der Noise-Pop-Band Xiu Xiu sein, die stachlige, doppelbödige Show der dänischen Band Smerz, der liebevolle Nihilismus der Einstürzenden Neubauten oder der Internetlärm des Hypes der Stunde: Tracey, die klingen wie Kids, die mit viel zu viel Cornflakeszucker im Blut in den Nullerjahren erst Aaliyah und Destiny’s Child vor’m Fernseher vergöttert haben und dann irgendwann angefangen haben, den Witch House von Salem zu hören. Es kann auch klingen wie der ätherische Gesang der Jazzkünstlerin Ganavya, die um kurz vor Mitternacht in einer Kirche einen Text des zu Unrecht zum Tode verurteilten und exekutierten Dichters Marcellus Williams gemeinsam mit dem Publikum sang.
Die Bilder aus Budapest, die seit der Verkündung des Wahlergebnisses am Sonntag durch das Netz geistern, zeigen es: Tanzen, Singen, Feiern – wir brauchen das. Wir brauchen die körperliche Erfahrung von Freude und unseres eigenen Lebenswillens, so kitschig das auch klingt. Wir müssen uns von Zeit zu Zeit daran erinnern, warum es sich lohnt, für eine bessere Welt zu kämpfen. „Musik ist Medizin“, sagte die Jazzmusikerin Elizabeth Glenn-Copeland beim Auftritt von ihr und ihrem Mann, dem legendären Singer-Songwriter Beverly Glenn-Copeland. Musik ist Medizin – trotz allem, trotz einer Industrie, die Täter:innen schützt, trotz den Ausbeutungsstrukturen der Streamingservices, trotz Skandalen wie aktuell um die Influencer-Agentur Chaotic Good und ihrem Einsatz von Fake Fans. Musik bleibt Medizin. Und mein Wochenende in Den Haag war genau das, was ich gebraucht habe.




