Kolumne

Aidas Popkolumne: Von Tic Tac Toe und anderen Popkatastrophen

Ein neuer Podcast beschäftigt sich mit dem schnellen Aufstieg & tiefen Fall von Tic Tac Toe – und stürzt Aida mitten ins Rabbithole ihrer Erinnerungen.

Wie nennen wir das eigentlich, wenn man einen Podcast bingt? Ge-binge-listened? Das habe ich jedenfalls letzte Woche getan. The Podcast in question: „Reclaim Tic Tac Toe“ vom BR, gehostet von der Journalistin Meret Reh. Für mich als Millennial war es eine Zeitreise: Tic Tac Toe waren die erste Band, von der ich „Fan“ war. Ich war in der zweiten Klasse oder so, als ich meine Mutter bat, mir eine Maxi-CD zu kaufen. Inhalt: erstmal egal. Und meine Mama kaufte mir „Leck mich am A-B-C“ von den drei Schwarzen Girls aus dem Pott.

Wusste sie, worum es in dem Song ging? Ich glaube nicht. Ich jedenfalls auch nicht – fand das Wortspiel im Titel aber lustig. Und heute, viele Jahre später, rede ich mir ein, dass sich die – seien wir ehrlich: derben – Worte von Lee, Jazzy und Ricky in meinen Gehirnwindungen festgesetzt und mich davor bewahrt haben, mit meiner Gesundheit leichtfertig umzugehen.

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Ich weiß noch, wie wir in der Umkleide der Sporthalle meiner Grundschule die Texte nachrappten, die wir damals definitiv nicht verstanden – was weiß eine Grundschülerin davon, wie sich PMS und Regelschmerzen anfühlen, womit sich „Always Ultra“ auseinandersetzt? – und Ausschnitte aus der Bravo mit Beiträgen über unsere Heroes austauschten.

Man war damals entweder Tic-Tac-Toe-Fan oder obsessed mit Boybands, so verliefen die Fronten. Meine Mutter hatte die Entscheidung mit dem Kauf der ersten Maxi-CD für mich getroffen – ich gehörte zum Team rotzige Gören. Auch wenn ich alles andere als eine rotzige Göre war. Ob Tic Tac Toe der Grund sind, warum ich eine dauerkritische Feministin geworden bin? Wahrscheinlich nicht allein, aber ich bin mir sicher, dass sie nicht ganz unschuldig daran sind.

„Wenn wir Freunde wären …“

Wenn wir heute an Tic Tac Toe denken, erinnern wir uns vor allem an die Trennung der Band auf der Bühne einer Pressekonferenz, an den Satz „Wenn wir Freunde wären, würdest du so einen Scheiß gar nicht machen!“, daran, dass der Aufstieg rasant war und der Downfall noch rasanter. Als ich nach Berlin zog, hörte ich, dass Jazzy angeblich in einer Pizzeria in Ostberlin jobben würde, Ricky sah man irgendwann beim „Perfekten Promi-Dinner“ und von Lee hatte man nur gehört, dass sie als Kassiererin im Kölner Zoo gearbeitet hatte, bevor sie untertauchte. Irgendwann gab es sogar eine Facebookgruppe (remember Facebook?!), die sie suchte – und wohl fand, aber sie wollte in Ruhe gelassen werden.

Nachvollziehbar, wenn man bedenkt, wie die drei Frauen, vor allem Lee, von der Presse regelrecht zerfleischt wurden. Damals, als Pre-Teen, habe ich das gar nicht richtig mitgeschnitten. Doch kurz nach der Pressekonferenz, bei der sich die Band trennte, war die Ära Tic Tac Toe vorbei – auch wenn Jazzy und Lee zunächst zu zweit weitermachen sollten und auch Ricky als Solokünstler Songs veröffentlichte. Der „Reclaim Tic Tac Toe“-Podcast zeichnet Aufstieg und Fall sehr gut nach, vor allem mit viel Empathie für die Künstlerinnen und einem kritischen Blick auf alle, die die Heranwachsenden angesichts einer radikalisierten Presse und rassistischen, klassistischen und nicht zuletzt sexistischen Berichterstattung – oder eher: Hetzjagd – größtenteils sich selbst überließen.

Alles besser … oder?

Gut, dass diese Zeiten vorbei sind. Oder? Ich bin mir da nicht so sicher. Heute hat die Boulevardpresse nicht mehr die gleiche Macht wie früher, und ja, als Gesellschaft sind wir zwischenzeitlich ein paar Schritte weitergekommen – aber hat sich wirklich grundlegend etwas geändert? Ich denke an den Umgang mit Britney Spears, den öffentlichen Zusammenbruch von Amanda Bynes, ich denke an Amy Winehouse, an die Brutalität der Nullerjahre, wie sie etwa die Journalistin Sophie Gilbert in „Girl on Girl“ beschreibt – aber auch an Chappell Roan heute, über die ich hier bereits geschrieben habe, an Manon Bannermann von der Girlgroup Katseye, die als einziges Schwarzes Mitglied der gecasteten „globalen“ Girlgroup rassistisch konnotierten Vorwürfen ausgesetzt war, und an die Normalisierung von Mobbing im Internet, von Gossipseiten, Fandoms und vor allem Hatern.

Junge Nachwuchspopstars werden heute hoffentlich besser geschützt – weil Tabus wie das Sprechen über Mental Health gefallen sind und weil Managements und Labels dazugelernt haben, und sei es nur im eigenen Interesse, ihr „Produkt“ möglichst lange produktiv zu halten. Dafür ist Mobbing, gerade online, verbreiteter denn je und auf eine schreckliche Art demokratisiert. Es trifft nicht mehr nur die absoluten Superstars: Auch du mit deinen 200 Follower:innen auf TikTok oder Instagram kannst Opfer von Mobbing werden, auch du, von der ein unvorteilhaftes Foto im Internet gelandet ist, kannst zum Meme werden. Haben wir als Gesellschaft dazugelernt? Ich weiß es nicht.

Aida Baghernejad schreibt freiberuflich unter anderem für MUSIKEXPRESS. Weitere Artikel und das Autorenprofil gibt es hier.