Kolumne

Aidas Popkolumne: Quoten für Musik & die ewige Diskussion aus der Mottenkiste

Letzte Woche schlugen die Ministerpräsidenten von Sachsen-Anhalt und Thüringen vor, deutschsprachige Musik stärker zu fördern – und wärmten damit eine Debatte auf, die schon seit 1996 langweilt.

Haben wir keine anderen Probleme? Letzten Montag fühlten sich Mario Voigt (Thüringen, CDU) und Sven Schulze (Sachsen-Anhalt, CDU) dazu bemüßigt, unter dem Titel „Wir brauchen mehr Raum für deutsche Stimmen“ in der „Welt“ einen Gastbeitrag zu veröffentlichen, in dem sie bemängeln, dass zu wenig deutschsprachige Musik im Radio laufe – drei Prozent insgesamt, zehn Prozent bei öffentlich-rechtlichen Sendern. 2013 waren es noch zehn und 16 Prozent. Und weil ihnen die Debatte so am Herzen liegt, wurde der Artikel wohl mindestens zu großen Teilen von einer KI generiert. Darauf wies zunächst der Journalist Jonathan Peaceman auf Bluesky hin, dann fragten Tageszeitungen bei den beiden Staatskanzleien nach. Die Antwort ließ tief blicken: „Selbstverständlich nutzen wir bei unserer Arbeit auch moderne digitale Werkzeuge, darunter KI-Anwendungen. Der Beitrag wurde eigenständig erstellt und im Redaktionsprozess mehrfach bearbeitet.“ Aha.

Kein Bock auf „Heimatduseligkeit“

Doch um den KI-Slop-Text soll es gar nicht gehen, sondern um die Debatte selbst – denn Schulze und Voigt wärmten eine Diskussion auf, die seit 1996 läuft. Damals forderte Heinz-Rudolf Kunze im „Spiegel“ eine Quote für Musik aus Deutschland. Er ekle sich ja selbst davor, sagte er damals, aber anders bekäme der Musiknachwuchs in Deutschland keine Chance. Herbert Grönemeyer schloss sich der Idee an, Bands wie Tocotronic, Element of Crime und Blumfeld lehnten sie ab. Sven Regener von Element of Crime fühlte sich an die DDR erinnert, in der eine 60-Prozent-Quote für Musik aus der DDR und dem sozialistischen Wirtschaftsraum vorgegeben war (auch, um GEMA-Gebühren zu sparen). Blumfeld und Tocotronic hatten auf „Deutschtümelei und Heimatduseligkeit“, so Tocotronic, keinen Bock.

Totzukriegen war das Thema nicht mehr, alle paar Jahre zog es irgendjemand aus der Mottenkiste hervor: 2002 forderten die CSU und der Verein Deutsche Sprache (jener, der von der Sprachwissenschaft ziemlich einhellig abgelehnt wird und sich heute durch AfD-Nähe hervortut) eine Radioquote. 2004 kam die Forderung von der anderen Seite des politischen Spektrums: den damaligen Regierungsparteien SPD und Grüne, die eine Selbstverpflichtung für Radiosender vorschlugen. 35 Prozent deutschsprachige Musik sollten es werden – interessierte in den Sendern aber niemanden. 2015 sah die Junge Union die Vintage-Debatte herrenlos herumliegen und wärmte sie erneut auf, denn der damalige Nachwuchspolitiker Franz-Robert Liskow (heute, wie sein Vater einst, Landtagsmitglied in Mecklenburg-Vorpommern) war Schlager-Fan und sah das Genre im Radio als unterrepräsentiert. Vielleicht war ihm die Existenz von Schlagersendern nicht bewusst. Und jetzt wieder die CDU – diesmal mit Schulze und Voigt vom Chefsessel aus.

An den Problemen der Wähler:innen vorbei

Mit ihren Forderungen bleiben sie vage: Die Freiheit des Rundfunks wollen sie nicht antasten, also fordern sie keine festen Quoten wie in Frankreich, Kanada oder Australien, sondern etwas schwammig „Förderungen und Kooperationen zwischen Rundfunk, Musikbranche und Festivals“. Denn, so schrieben sie – oder ließen die KI schreiben: „Gerade in einer Zeit, in der vieles globaler, schneller und austauschbarer wird, wächst das Bedürfnis nach Orientierung. Nach etwas, das bleibt. Unsere Sprache ist ein solcher Anker. Unsere Kultur ist ein solcher Anker.“

Und damit zurück zur Eingangsfrage: Haben wir keine anderen Probleme? Sogar jemand wie ich, der sein Leben der Musik verschrieben hat, war arg irritiert von der Themenwahl von Schulze und Voigt. Ja, es ist Wahlkampf und man muss auf sich aufmerksam machen – aber gerade Thüringen und Sachsen-Anhalt haben aktuell ganz andere Probleme: Landflucht, Ärzte- und Fachkräftemangel, Infrastrukturprobleme. Gleichzeitig steigen auch in Städten wie Magdeburg, Jena und Halle die Mieten. In Sachsen-Anhalt wird Anfang September gewählt, und die AfD könnte sogar die absolute Mehrheit erreichen. In dieser Situation dachten sich Schulze und Voigt, dass Kulturkampf und Identitätspolitik eine gute Idee wären. Ob das die Bedürfnisse, Wünsche und Themen der Bevölkerung widerspiegelt? Bezweifle ich stark.

Keine Angst vor guter Musik

Was nicht bedeutet, dass ich das Thema irrelevant finde – im Gegenteil, ich ärgere mich darüber, dass es in so ausnehmend dämlicher Form in die Öffentlichkeit gebracht wurde, statt es ernsthaft anzugehen. Denn es gibt wirklich ein Problem mit der Musik im Radio. Sogar öffentlich-rechtliche Sender glauben, sich auf „Durchhörbarkeit“ trimmen zu müssen – was auch immer das heißen mag. Das Ergebnis ist Musik, die niemand so richtig hören will, von der man aber glaubt, dass sie niemanden so richtig stört, sodass die Hörer:innen dranbleiben. Das jüngste Beispiel für diesen Kurs: die Umstellung des Senders Cosmo auf das neue Konzept „1Live Street“, einen HipHop-Sender. Was ist schlimmer – der rassistische Name für ein Konzept, das den bekanntesten multikulturellen Sender des Landes verdrängen soll, oder das Level an Cringe, das der Name beinhaltet? Schwer zu sagen.

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Der Streit um Cosmo ist nur ein Aspekt. Tatsächlich bekommen lokale und subkulturelle Szenen viel zu selten Raum im deutschen Radio. Vor einigen Jahren haben die Musikjournalist:innen Melanie Gollin und Martin Hommel das Thema aufgegriffen und für ihre Kampagne „Wo ist hier der Krach?“ mit Radiosendern wie FM4 aus Österreich oder BBC6 aus dem UK gesprochen, die es besser machen. Und siehe da: Man muss sich nur trauen, das Publikum feiert es. Daran mangelt es offenbar. Stattdessen regiert die Angst, dass Hörer:innen abschalten – während sie tatsächlich eher abschalten, weil sie mit einem Musikprogramm, das auf maximale Belanglosigkeit setzt, wenig anfangen können.

Lokal, aber mehrsprachig

In Frankreich und der französischsprachigen kanadischen Region Québec gibt es Sprachquoten, in Australien und dem Rest von Kanada Quoten für lokale Musik. Sie scheinen teilweise zu funktionieren: In Frankreich sind französischsprachige Künstler:innen sehr erfolgreich. Nur ist es auch in Deutschland nicht so, als ob deutschsprachige Musik nicht ihren Weg in die Charts fände – sie wird nur nicht im Radio abgebildet. Wichtiger wäre es, Wege zu finden, lokale Musikbubbles abzubilden und damit wirklich den Nachwuchs zu fördern. Und zwar unabhängig davon, in welcher Sprache er singt. Denn Deutschland ist ein vielsprachiges Land – und das war es schon immer. Von dänisch-, sorbisch- und französischsprachigen Minderheiten über Dialekte bis hin zu unserer gegenwärtigen Vielsprachigkeit, in der Künstler:innen, die hier leben, auf Englisch, Türkisch, Französisch, Patois, Kurdisch, Spanisch, Arabisch und jeder anderen Sprache der Welt singen können.

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Man denke an den bayrischen Fado von Kofelgschroa aus dem Oberammergau und Derya Yıldırım mit ihrer international besetzten Band Grup Şimşek aus Hamburg, die mit Songs auf Türkisch gerade durch die USA touren.

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Man denke an den Dokumentarfilm „Aşk, Mark ve Ölüm – Liebe, D-Mark und Tod“ über die Musik von Gastarbeiter:innen in Deutschland, oder an die Band Engin aus Mannheim, die Indie auf Türkisch, Deutsch und Englisch macht – und an so viele mehr. Vielleicht sollte mal jemand Schulze und Voigt eine Playlist schicken. Garantiert ohne KI erstellt.

Aida Baghernejad schreibt freiberuflich unter anderem für MUSIKEXPRESS. Weitere Artikel und das Autorenprofil gibt es hier.