Jack Antonoff im Interview: Einsamkeit als Antrieb für Bleachers-Musik
Jack Antonoff erklärt, wie Einsamkeit seine Bleachers-Songs prägt und weshalb Konzerte für ihn wie Kirche funktionieren.
Ein Gespräch mit dem Mastermind der Bleachers darüber, wie aus dem Gefühl der Einsamkeit heraus Musik entstehen kann – und darüber, wie es ist, wenn die Klänge auf die Bühne kommen und mithilfe der Crowd ein religiös anmutendes Gemeinschaftsgefühl entsteht.
ME: Viele der neuen Songs kreisen um die Angst, allein zu sein. Wann hast du dich zuletzt einsam gefühlt?
JACK ANTONOFF: Jeden Tag, auf unterschiedliche Weise. Es gibt im Leben verschiedene Arten von Einsamkeit – ganz konkrete, aber auch existenzielle. Auf das, was man einmal gefühlt hat, kann man immer wieder zurückgreifen. Ich bin gerade nicht einsam – ich habe großes Glück, verheiratet zu sein. Aber es gab Zeiten, in denen ich sehr einsam war, und dieses Gefühl lebt noch in mir. Im Songschreiben steckt immer auch etwas Einsames. Du hörst etwas in deinem Kopf, das sonst niemand hört, und willst es unbedingt greifbar machen. Deshalb schreibe ich Songs. Manchmal ist da eine Emotion, die man unbedingt durch Musik zeigen will – so in die Richtung: „So fühlt sich das an, ich zu sein.“
Das heißt, du machst Musik nicht, um der Einsamkeit zu entkommen, sondern um zu lernen, in ihr ruhen zu können?
Ich will ihr entkommen und gleichzeitig tiefer in sie hineingehen. Das ist für mich fast dasselbe. Es ist wie der Unterschied zwischen Rasenmähen und Rasenpflege. Jede Person hat da ihren eigenen Weg. In jedem Fall ist es der Versuch, sich durch etwas hindurchzufinden. Am Ende geht es darum, zu wachsen und sich zu verändern.
Sind wir heute mehr miteinander verbunden oder eher isoliert?
Auf einer spirituellen Ebene sind wir sehr verbunden – weil das, was wir als Menschheit gerade erleben, existenziell ist. Wir alle teilen dieses Gefühl, dass wir nicht wollen, dass unser Sinn uns genommen oder vermarktet wird. Auf der Oberfläche jedoch sind wir ziemlich getrennt voneinander. Deshalb ist es mir wichtig, Menschen zusammenzubringen und sie daran zu erinnern, wie tief unsere Verbindung ist.
Ist ein Konzert für dich ein Ort echter Verbindung?
Ein Konzert funktioniert für mich wie Kirche. Es ist ein Ort, an dem Menschen zusammenkommen, weil sie ein Gefühl teilen, das sie sonst kaum beschreiben können. Sie feiern es und trauern gleichzeitig darum. Ich war nie wirklich religiös, aber das, was Leute in Bezug auf Kirche beschreiben – diesen Gedanken von Gemeinschaft –, habe ich immer in der Musik gefunden. Ein Ort, an dem man Teil von etwas Größerem ist.
EVERYONE FOR TEN MINUTES wirkt sehr in sich geschlossen, geradezu konzeptartig. War das geplant oder ist das einfach passiert?
Die Musik sagt dir, was sie will. Am Anfang habe ich immer Pläne, will mal Pet Shop Boys oder sonst wer sein – und mitten im Prozess vergesse ich diese Ideen komplett. Dann bleiben nur noch die Dinge übrig, die sich vom Bauchgefühl her richtig anfühlen, und darum baue ich alles. Mich interessiert, über Sachen zu schreiben, die ich nicht ganz verstehe, und Klänge zu verfolgen, die sich neu anfühlen. Dann bin ich wie ein Baby, das in den Himmel schaut.
In den Songs auf der neuen Platte kippt Nähe oft schnell in Distanz. Warum reizt dich dieser Wechsel?
Manche Dinge sind für immer, andere nur für eine Phase – Beziehungen, Freundschaften. Ich frage mich immer: Was bedeuten sie, wenn sie vorbei sind? Waren sie dann nichts wert? Man denkt im Moment selbst nicht darüber nach, wie vergänglich alles ist. Man sitzt nicht da und sagt: „Oh, ich liebe meine Freunde, aber ich werde mich wahrscheinlich bald von einigen von ihnen trennen.“ Aber die Wahrheit ist: Menschen verändern sich, sie kommen und gehen. Diesen Wechsel finde ich persönlich interessant – ich habe ihn auch sehr deutlich in „We Should Talk“ verarbeitet. Es hat nichts mit Wut und Boshaftigkeit zu tun, nicht mit der Anschuldigung: „Du hast mir was angetan, fuck you!“ Für mich bleibt eher der Gedanke: Wir hatten ein ganzes Leben zusammen. Und dann hat es aufgehört. Das ist seltsam. Punkt. Ende des Gedankens. Kein Urteil.
Wie hat das Digitale unser Erleben von Nähe verändert?
Ich glaube, wir sind uns einig, dass es früher besser war, draußen zu sein, mit einer Person im Park abzuhängen, zusammen zu sein und trotzdem unterschiedlicher Meinung zu sein. Viele einfache Dinge wirken heute wie Luxus, obwohl sie es nicht sind. Das merken nicht nur ich, sondern viele Menschen gerade. Man sieht es überall, auch bei unseren Shows: Leute versuchen, sich wieder vom Digitalen zu lösen und so Nähe zu finden. Dabei geht es nicht darum, in die Vergangenheit zurückzugehen. Ich will in die Zukunft – in eine, in der die Menschen wieder draußen und miteinander sind.
Wonach suchst du in anderen Menschen?
Nach Verbindung, die sich nicht so leicht erklären lässt. Man kennt das vielleicht noch aus Schulzeiten: Man hasst alles, fühlt sich allein, und dann sieht man in der Ferne auf dem Schulhof diese eine Person. Vielleicht trägt sie das Shirt einer Band, die man mag. Oder man schätzt die Art, wie sie ihre Haare trägt. In jedem Fall kickt der Gedanke rein: „Das ist einer von meinen Leuten.“ Genau dieses Gefühl suche ich. Und ich versuche, Räume zu schaffen, in denen wir das gemeinsam erleben können.






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