Interview

Arlo Parks im Interview: „Am Ende der Fragen stehen nur weitere Fragen“

Arlo Parks erzählt, wie Clubnächte und Neugier ihr Album „Ambiguous Desire“ formten – und warum sie sich heute mehr als Autorin denn als Musikerin sieht.

Auf ihren ersten beiden Alben erzählte Arlo Parks von Einsamkeit, Freundschaft und inneren Landschaften – meist leise, oft nach innen gewandt. Mit ihrem dritten Album „Ambiguous Desire“ verschiebt sich der Blick. Raus aus dem Schlafzimmer, hinein in Clubs, auf Dancefloors und in Räume voller Menschen. Bewegung, Körperlichkeit und kollektive Energie wurden zu ihren neuen kreativen Impulsen. Tanzen statt Grübeln, Instinkt und Flow statt Kontrolle – ohne dass ihre Songs dabei an Intimität verlieren. Im Gespräch berichtet die 25-Jährige, wie Nachtleben, Community und Neugier ihren Sound verändert haben.

Im Zoom-Fenster bleibt die Kamera ausgeschaltet – eine Grenze, die von Anfang an klar ist. Trotzdem wirkt Arlo Parks offener als in früheren Interviews. Sie spricht mit lächelnder, warmer Stimme und kein bisschen zurückgenommen. Auch wenn sie nicht zu sehr über sich als Person reden möchte, entwickeln sich die 45 Minuten zu einem leichten Gespräch über die Gefühls- und die Clubwelt, über kreative Ansätze und die Magie von Worten. Immer wieder landet sie bei der gleichen Idee: dass gute Songs selten Antworten liefern. „Am Ende der Fragen“, sagt sie irgendwann, „stehen meist nur weitere Fragen.“ Eine gute Sache?

Das Album ist stark im Nachtleben verwurzelt. Was setzen Clubs bei dir kreativ frei?

In Clubs gibt es dieses beständige Gefühl von Offenheit und Verbundenheit. Bei mir pusht das die Verbindung zum Bauchgefühl und ermöglicht mir eine instinktivere Herangehensweise an Sound. Ich mag, dass man im Club Teil dieser kollektiven Masse von Körpern ist, die dieselben Klänge erleben und erforschen. Darüber nachzudenken, wie sich ein Song in einem Raum voller Menschen anfühlen kann, hat mich inspiriert und ermutigt, großzügiger und freier an Klang und Songwriting heranzugehen.

Das passt zu meinem Gefühl, dass „Ambiguous Desire“ nach außen gerichteter wirkt als deine früheren Platten. Hat es auch verändert, wie du über Verletzlichkeit denkst?

Es stimmt, die Musik ist so, dass man mehr zu ihr tanzen oder auch Zeit mit Freunden verbringen möchte. Aber die Texte fühlen sich für mich immer noch wie Tagebucheinträge an. Insofern hat sich das für mich nicht geändert – ich bleibe im Songwriting ehrlich und verletzlich. Die Lyrics sind extrem persönliche, kleine Ausschnitte aus meinem Leben. Meiner Geschichte.

Dann gibt es da noch diese Dualität zwischen der Verbindung, von der du in Club-Räumen sprichst, und gleichzeitig der Anonymität, die ein Dancefloor mit sich bringt.

Für mich als Künstlerin war es schon immer etwas sehr Schönes, mich in diesen Räumen zu verlieren, anonym und unter Fremden zu sein – und zu spüren, wie sich das anfühlt. Wie du vorher schon sagtest, ist das ein Kontrast zu vielen Songs, die ich früher gemacht habe. Es hatte etwas damit zu tun, mich in diesen Räumen treiben zu lassen, in einen Flow-Zustand zu kommen, statt allein dazusitzen und Songs auszuknobeln. Als ich mich später hingesetzt habe, um die neuen Tracks zu finalisieren, konnte ich aus diesem Zustand schöpfen – aus einem Moment, in dem ich wirklich offen war und Dinge über mich hinwegspülen ließ. Meine Praxis wird wahrscheinlich immer etwas Einsames bleiben. Aber der Ursprung lag darin, mir zu erlauben, mich zu verlieren. Das hat den Songs definitiv eine andere Färbung gegeben.

Das klingt sehr nach Kopfausschalten. Hast du dich hundertprozentig daran gehalten?

Weil mir meine Musik so sehr am Herzen liegt, gibt es natürlich immer wieder Hindernisse, Zweifel, Momente, in denen ich mich frage: „Habe ich zu viel geteilt? Vermittle ich diese Idee richtig? Lassen sich diese Geschichten richtig übersetzen?“ Es steckt also immer noch viel Nachdenken darin – und jahrelanges Feilen an der Produktion. Es ist auf jeden Fall Arbeit. Aber ich war mir viel stärker bewusst, dass es auch Spaß machen und spielerisch sein sollte. Deshalb gab es viele Momente des Fließens, in denen ich mich wieder wie mit 16 fühlte – allein in meinem Zimmer, beim Ausprobieren. Das war der wunderbarste Ort, an dem man überhaupt sein konnte. Damals fühlte ich mich völlig unbeobachtet. Ich wollte an diese Energie anknüpfen und ein Album umsetzen, das ich so angehe, als würde es nie jemand hören.

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Lass uns zum tanzbaren Part von „Ambiguous Desire“ zurückkehren: Was gibt dir Bewegung, was dir das Sitzen mit einer Gitarre nie geben könnte?

Tanzen hilft mir, aus dem Kopf heraus und in den Körper zu kommen. Bewegung hat mir erlaubt, mich weniger zu beurteilen und die Dinge nicht ganz so ernst zu nehmen. Es gab mehr Spiel, mehr ein Gefühl von: Ich finde das, was erst mal noch Fragezeichen sind, schon noch unterwegs heraus. Wenn man allein mit einem Instrument dasitzt, kann man an einen sehr schönen, inneren Ort gelangen. Aber manchmal ist das auch zu in sich gekehrt, um die spielerischen, instinktiven Teile der Kreativität zu erreichen, die so wichtig sind.

Wenn Menschen nach dem Hören deines Albums wieder ins Tageslicht treten – welches Gefühl soll bei ihnen nachhallen?

Selbstakzeptanz und Verbundenheit. Dieses Album zeigt mich glücklicher, selbstbewusster und bei mir selbst wie nie zuvor. Ich wünsche mir, dass die Musik für die Zuhörenden auch eine Art Begleiter ist und sie inspiriert, freier zu sein und dem nachzugehen, was sich für sie richtig anfühlt.

Deine Musik soll auch dazu führen, dass Menschen sich selbst mehr hinterfragen?

Ja, ich möchte Fragen auslösen. Meine eigenen Lieblingsalben sind die, die mich aufrütteln und noch lange beschäftigen, weil ich mir plötzlich ganz neue Fragen stelle. In meinen Songs verhandele ich meist die Fragenkomplexe: Was ist Liebe? Was ist Vergebung? Wie lässt man Dinge los, die man schon sein ganzes Leben mit sich herumgetragen hat? Was ist Freundschaft? Wie lernt man, sich selbst zu lieben? Sich dem immer wieder aus anderen Perspektiven zu widmen, finde ich spannend.

Wenn man dir so zuhört, scheint es, als seien Fragen wichtiger als Antworten.

Gerade in meiner Arbeit – und auch in den Filmen und Romanen, die ich liebe – gehören diese Fragen zum Leben dazu, auch wenn sie nie vollständig beantwortet werden können. Es gibt keine perfekten Loops. Momente, in denen sich ein Kreis schließt, passieren zwar, aber meist bleiben doch Fragen zurück, die sich nie ganz klären lassen. Man muss in dieser Unsicherheit sitzenbleiben und eigene Schlüsse ziehen. Es gibt keinen einen richtigen Weg, ein Leben zu führen und Dinge anzugehen. Vielleicht ist es sogar wichtig, anzunehmen, dass am Ende der Fragen oft nur weitere Fragen stehen.

Das erscheint anstrengend.

Überhaupt nicht. Neugier ist ein großer Teil von dem, was ich tue – aber nicht in diesem permanent hinterfragenden Sinn. Es geht eher darum, offen zu sein. Auch in der Produktion und dem Sound des Albums: Was passiert, wenn ich diese Melodie hier komplett umdrehe? Wenn ich einen ganz bestimmten Gitarreneffekt ausprobiere?

Für Neugier muss man sich auch Zeit nehmen.

Die habe ich mir auch genommen, es gab überhaupt kein Deadline-Gefühl. Ich habe zwei Jahre an „Ambiguous Desire“ gearbeitet und fast jeden Tag Songs geschrieben. Wenn man sich diese Zeit gibt, kann man wirklich Stein für Stein eine eigene neue Welt aufbauen. Die Klangpalette hat sich so ganz organisch entwickeln können, ohne dass ich vorab ein Mission Statement formulieren musste, was ich von dem Album erwarte. Ich habe mir so erlaubt, weniger verkrampft zu sein und gleichzeitig entschlossen dabei, was ich gerade fühle, genau so umzusetzen. Ich habe mir gesagt: „Ich will mein ganzes Leben lang Alben machen, da kann ich jedes einzelne ruhig als Zeitkapsel für sich betrachten.“

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Welcher Song von dir wäre deine Wahl für eine Zeitkapsel, die man erst in 50 Jahren finden und öffnen würde?

Das müsste „Heaven“ aus dem neuen Album sein. Der Song hat etwas wirklich Wahrhaftiges für mich, weil ich genau beschreibe, wie ich Kelly Lee Owens’ DJ-Set am frühen Morgen unter einer Brücke in Los Angeles wahrgenommen habe. Ich beschreibe das Szenario, die Gerüche, was wir getrunken und gemacht haben. Ich erzähle vom „Wir“. Der Sound des Tracks war für mich eine Herausforderung, weil ich die Lyrics nicht verwässern und im Klang komplett selbstbewusst und kraftvoll sein wollte. Mit dem Stück bin ich die meisten Risiken eingegangen – und doch repräsentiert er am meisten mich.

Wie wichtig war diese Art von Community – Freund:innen, DJs und Kollaborateur:innen – für dieses Album?

Unglaublich wichtig! Mit der Zeit habe ich es geschafft, mich mit Menschen zu umgeben, die sich in ganz unterschiedlichen Genres bewegen und mich auf unterschiedlichste Art und Weise inspirieren können. Ich habe Leute aus dem Indie-Bereich um mich, andere machen elektronische oder Ambient-Musik. Es ist echt bereichernd, wenn mir die unterschiedlichsten Freunde ihre Platten schicken oder Gedichte, Romane oder Filme empfehlen. Sie knipsen mich so an. Und das, obwohl sie aus den verschiedensten Bereichen der Kunst kommen. Doch sie alle haben ein ähnliches Arbeitsethos wie ich, kennen aber auch Unsicherheiten und Blockaden beim Arbeiten. Wir alle können uns gegenseitig bei unserer Reise ermutigen.

Apropos Reise: Die Songs auf deinem neuen Album wirken sehr cineastisch. Siehst du dieses Album ebenso visuell wie musikalisch?

Jeder Song fühlt sich für mich wie ein Standbild aus einem Film oder wie eine Fotografie an. Im Album-Entstehungsprozess habe ich zum Beispiel einen Film von Jean Cocteau und ein taiwanesisches New-Wave-Werk geschaut, was mich dazu gebracht hat, zu überlegen, wie ich Musik erschaffen kann, die sich so anfühlt, wie diese Filme aussehen. Ich habe auch Texte geschrieben, die auf Dialogfragmenten aus Filmen basierten, die ich liebe. Und in Bezug auf die Farbpalette für Artwork und Promo-Fotos habe ich mich auf das Buch „The Sensuous Cinema of Wong Kar-wai“ [von Gary Bettinson, 2015 – Anm.] bezogen, in dem über seine visuelle Sprache und die Art, wie Musik darin aufgeht, gesprochen wird. Daraufhin habe ich mich viel mit metallischen und leuchtenden Farben und der Blauen Stunde ausprobiert. Und ein Text von Roland Barthes über einen Club in Paris inspirierte mich noch sehr – denn er hat Licht darin wie einen Schauspieler beschrieben. Diese Vorstellung, dass Licht lebendig ist, hat mir sehr gefallen.

Du bist in den vergangenen Jahren viel zwischen London, L.A. und New York gependelt. Wie beeinflusst Geografie deinen Sound?

Als ich meine klangliche Recherche für das Album betrieben und verschiedene Sounds erkundet habe, waren die Subkulturen dieser Städte auf ganz unterschiedliche Weise Input für mich. Wenn ich an New York dachte, ließ mich das in Richtung Paradise Garage, The Loft und Studio 54 gehen. Bei London hatte ich die frühen 2000er-Jahre mit Post-Dubstep, James Blake und Joy Orbison im Kopf. In L.A. habe ich mich mehr mit Songwriterinnen wie Joni Mitchell beschäftigt. Aber auch das Umherstreifen durch die Städte, wodurch ich neue Menschen und ihre Geschichten kennenlernen konnte, half mir, Referenzen für meine Musik zu sammeln. Selbst die Vorstellung, wie Songs in verschiedenen Venues klingen würden, die ich auf Reisen besucht habe, spielte eine Rolle.

Eine Art Collagen-Arbeit.

Das ist der Plan, ja. Ich nehme mir auch von Artists verschiedene Fragmente für meine Collagen-Arbeit heraus. Etwa von LCD Soundsystems Synthesizer-Texturen in „Oh, Baby“ und „Someone Great“. Oder von The Streets’ locker-poetischem Storytelling über London. Und bei jemandem wie Elliott Smith oder auch Sufjan Stevens nutzte ich ihre Art der Verletzlichkeit und ihren Umgang mit Sprache für mich. Für mich ist es als Künstlerin essenziell, dass ich neugierig auf alles da draußen bleibe und immer neue Wege finde, mich auszudrücken und meinen Sound in unterschiedliche Richtungen weiterzuentwickeln.

Was bedeutet das konkret?

Ich möchte mein Handwerk vor allem dahingehend weiter verfeinern, Gefühle einzufangen, die jenseits von Sprache liegen. Aber ich möchte auch lernen, eine wahrhaftigere Autorin zu sein. Ehrlich gesagt fühle ich mich mehr als Autorin denn als Musikerin. Was ich damit meine: Ich liebe es, Songs zu machen, aber die Musik ist für mich eher ein Gefäß für Sprache und Geschichten – nicht umgekehrt. Ich schreibe Lieder, weil ich etwas zu sagen habe.

Hast du im Moment ein Mantra, das auch seinen Weg in deine Musik gefunden hat?

Ja, schon: „Schreib alles genau so, wie es sich angefühlt hat.“ Dieser Satz hat mich den gesamten Albumprozess über begleitet. Ich nahm mir vor, keine Angst zu haben und die Sprache nicht zwanghaft poetisch zu machen. Was auch bedeutete, sich selbst nicht zu verurteilen oder sich zu bremsen, indem man denkt: „Das ist nicht gut genug.“ Ich wollte Sanftheit walten lassen.

Arlo Parks in 60 Sekunden

Geboren 2000 in London, fand Anaïs Oluwatoyin Estelle Marinho, wie Arlo Parks bürgerlich heißt, schon als Teenagerin über Gedichte und Bedroom-Demos zur Musik. Mit 21 Jahren veröffentlichte sie 2021 ihr Debütalbum „Collapsed In Sunbeams“ – eine Mischung aus Indie-Pop, Soul und Spoken-Word, getragen von warmen Beats und Beobachtungen über Isolation, Miteinander und mentale Gesundheit. Die Platte brachte Arlo Parks den Mercury Prize, den BRIT Award als „Breakthrough Artist“ und internationale Aufmerksamkeit ein.

2023 folgte mit „My Soft Machine“ ihr zweites Studiowerk – größer produziert, aber wieder mit ihren präzise-persönlichen Alltagsbeobachtungen. Im gleichen Jahr widmete sie sich auch mithilfe des Gedichtbands „The Magic Border“ komplett ihrer Liebe zur Lyrik. Album Nummer drei, „Ambiguous Desire“, ist am 3. April erschienen. Ihre Tour zum Tanz-Werk führt sie hierzulande am 30. Oktober nach Köln, am 31. Oktober nach Berlin und am 16. November nach München.