Circle Pit frisst Gitarrist: So war der letzte Tag beim Hurricane 2026
Noch ein letztes Mal Festivalwetter, dazu abgefahrener Reggae-Metal und viele Sehnsuchtslieder.
Nach zwei Tagen mit unerbittlicher Sonne zeigt sich das Wetter am Sonntag beim Hurricane gnädig: „Nur“ 27 Grad, hin und wieder schiebt sich sogar eine Wolke vor die Sonne. Auch nicht wirklich kühl, aber immerhin weniger anstrengend als noch an den Tagen davor. Aber wer wird sich da beschweren – das Zwillings-Festival Southside hatte schließlich heftiges Unwetter-Pech.
„Können wir unseren Gitarristen wiederkriegen?“
Als Unpeople um 12.30 Uhr die River Stage eröffnen, ist das Gelände vor der Bühne überschaubar gefüllt. Die britische Band braucht allerdings keine riesige Menge, um einen jener kleinen Festivalmomente zu erzeugen, die später groß in Erinnerung bleiben. Zum Abschluss des energischen Sets mit „The Garden“ öffnet sich ein großer Circle Pit, mit dem sich Gitarrist Luke im Kreis herumtragen lässt. Der Strudel spuckt ihn erst nach einer freundlichen Bitte wieder aus: „Können wir ihn wiederkriegen?“
Vor der Forest Stage ist es bereits deutlich voller, als die Waliser von Skindred ihren Reggae-Heavy-Metal-Hybrid-Sound lostreten. Sänger Benji Webbe greift immer wieder in seine kleine Kostümecke, aus der er mal eine Kette, mal einen roten Fellhut hervorholt. Überhaupt wird bei Skindred nicht dezent kommuniziert. Webbe ruft, flucht und peitscht die Menge nahezu ohne Pause an.
Zwischendurch erklingt das legendäre Shitshow-Sample aus der „Jet2 Holiday“-Werbung, Metallica und Papa Roach werden ebenfalls kurz angespielt. Dann stellt Webbe die entscheidende Frage: Man sehe ja, dass Scheeßel Reggae mag – aber liebt hier irgendjemand auch „heavy fucking metal“? Die Antwort fällt erwartbar aus. Trotz aller Kraftausdrücke bleibt die Botschaft dahinter friedlich: Skindred stehen, wie Webbe betont, für Liebe, Einheit und Zusammenhalt.
„Off Campus“-Fan-Liebe

Danach wird es bei The Beaches melodischer. Der bereits 2009 gegründeten Band aus Toronto hat vor allem der virale Erfolg von „Edge of the Earth“ noch einmal einen kräftigen Schub gegeben. Auf der River Stage zeigt sich, warum: Die Songs sind bissig genug für ein Rockfestival und eingängig genug, um auch Menschen auszubremsen, die eigentlich nur auf dem Weg zum nächsten Getränkestand waren.
Clueso setzt am späten Nachmittag den entspannten Sonntagsvibe fort. Seine Songs eignen sich ohnehin hervorragend für den Zustand zwischen ausgelassenem Tanzen und dem ersten Gedanken an die bevorstehende Heimfahrt. Für seine Verhältnisse dreht der Erfurter bei „Love the People“ allerdings erstaunlich auf: Das Kult-Riff von Rage Against The Machine bringt kurz zusätzliche Härte in die ansonsten angenehm gelöste Show.
Hawaiihemden übernehmen den Eichenring
Nach drei Tagen Scheeßel ist es außerdem Zeit für unseren jährlichen Festival-Trendwatch. Was 2025 noch der niedliche, grüne Froschhut war, ist in diesem Jahr das personalisierte Hawaiihemd. Überall auf dem Gelände begegnen einem Gruppen, die sich für den feschen Infield-Auftritt die Köpfe der eigenen Freundesgruppe, des Partners oder eines besonders braven Haustiers aufdrucken ließen. Ob es der Hype aber rüber ins nächste Jahr schaffen wird? Fraglich! Den Dauerbrenner „Bananenkostüm“ wird das Hawaiihemd wohl nicht ablösen.
ZDF-Fernsehgarten im Weltall

Empire Of The Sun erinnern mit ihrem kostümreichen, aber zahmen Auftritt ein wenig an den ZDF-Fernsehgarten – Thema: Weltreise auf LSD. Sänger Luke Steele und seine Samurai- und Geisha-Dancers wechseln fleißig ihre ausladenden Roben und metallischen Kopfbedeckungen, während auf der Bühne riesige Hände und Köpfe aufragen.
Bei Provinz kehrt später am Abend die große Sehnsucht ein. Die Band besingt das Landleben, die Liebe, Freundschaft und das Leben – also ziemlich genau jene Dinge, über die man am letzten Festivaltag vielleicht ohnehin schon mehr als sonst nachdenkt. Ganz vorn wird mitgefiebert, geweint und gesprungen, weiter hinten schunkelt es sich mit einem kühlen Bierchen immerhin noch gemütlich in den Sonnenuntergang.
Billy Talent: Nach 22 Jahren immer noch gern beim Hurricane

Den letzten großen Auftritt übernehmen Billy Talent: Die Kanadier spielten 2004 erstmals beim Hurricane, nun stehen sie 22 Jahre später wieder auf dem Eichenring für das Finale zum 30. Festival-Geburtstag. Wer die Übertragung zu Hause vor dem Fernseher verfolgt, dürfte vermutlich deutlicher wahrnehmen, dass heute nicht jede Note und Melodie sitzt. Uns auf dem Gelände ist das aber herzlich wurscht.
Nicht zuletzt Hits wie „Try Honesty“, „Fallen Leaves“ und „Red Flag“ besitzen noch immer die Power, dass sich selbst die müdesten Beinpaare noch einmal zum Springen in Bewegung setzen. Sänger Benjamin Kowalewicz sagt es mit Hinblick auf diese derzeit sehr „abgefuckte Welt“ ganz schön: Das Leben ist zu kurz, um es sich von anderen versauen zu lassen. Darum feiern wir weiter – und das hoffentlich auch noch die nächsten 30 Jahre beim Hurricane Festival.




