Abendanzug

Lächerlich, wie der dasitzt! Klein, verschüchtert, kaum über 30 und schon mit einer Halbglatze gesegnet. So was wäre vor 50 Jahren Kanzleiangestellter gewesen, mit breiten Hosenträgern und Ärmelschonern. Eine wahrhaft kümmerliche Figur gibt dieser Antoine (Michel Blanc) ab. Daß er mit einer so attraktiven Frau verheiratet ist. der er ständig seine Liebe beteuert, macht das Ganze vollends grotesk.

Monique (Miou-Miou) aber hat ihn und seine säuselnden Sprüche schon gründlich satt. Laut schreiend wirft sie es ihm in einem Tanzcafé an den Kopf. Ein Kleiderschrank von einem Mann wird aufmerksam, gesellt sich zu ihnen und bringt im desolaten Alltag des ungleichen Paares bald alles durcheinander.

Gerard Depardieu spielt diesen Berserker, dessen strotzende Vitalität sich gleichermaßen kriminell wie erotisch äußert. Der Frau gefällt das, und man sieht sie schon mit dem Kraftbolzen davonziehen, als sich plötzlich herausstellt, daß der es gar nicht auf sie, sondern vielmehr auf ihr Männchen abgesehen hat. Das macht sie nicht etwa eifersüchtig, im Gegenteil: Die Vorstellung, ihren Schwächling in den Pranken des lüsternen Riesen zu sehen, bereitet ihr größte Genugtuung. Die Verhältnisse kehren sich allerdings gegen sie, als die beiden Männer ein fest eingeschworenes Paar werden, das sie zur Haushälterin erniedrigt. Zum Schluß stehen alle drei auf der Straße und verkaufen sich. Einziger Sieger ist offenbar der „umgedrehte“ Ehemann, der, selbstbewußt in die Kamera lächelnd, seine Lippen mit Rouge nachzieht.

Die rotzfreche Offenheit, mit der „Abendanzug“ moralische Grenzen hinter sich läßt, findet fast ausschließlich auf verbaler Ebene statt. Nackte Instinkte treiben die Handlung voran, werden ohne Rücksicht auf Empfindlichkeiten rausgebrettert. Dabei schürt der Film die Lust aufs süße Gift sexueller Perversionen mit soviel Witz, soviel Power, daß er selbst wie ein großer Verführer daherkommt, dem sich der Zuschauer (halb zieht es ihn, halb sinkt er hin) gerne für anderthalb Stunden überläßt.

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