M.C. Hammer: Prügelknabe


Die "Bad Boys" der Rap-Musik hassen ihn wie die Pest. Für sie ist M.C. Hammer ein angepaßter Spießer, der einen Ausverkauf der Rap-Ideale betreibt. Wie der kalifornische Edel-Rapper mit seinem Image als Buhmann zu leben weiß, erfuhr ME/Sounds-Mitarbeiter Peter Jebsen bei einem Gespräch in Rhode Island.

Den Stein des Anstoßes selbst läßt das kalt, denn die Plattenkäufer lassen sich von derlei Häme nicht aufhalten: Allein in den USA verkaufte sich sein zweites Album PLEASE HAMMER DONT HURT ‚EM knapp fünf Millionen mal; es löste damit das Beastie-Boys-Debüt LICENSED TO ILL als erfolgreichste Rap-LP aller Zeiten ab. Zehn Jahre nach dem ersten Chart-Erfolg der Rap-Musik – „Rapper’s Delight“ mit der Sugarhill Gang – schaffte es der 27jährige Kalifornier, die einstige Untergrund-Musik von der Straße als festen Bestandteil des Mainstream-Pop zu etablieren.

Was seine Show anbetrifft, ist er schon jetzt reif für Las Vegas. Seine aktuelle US-Tournee läuft ganz nach dem Schema der klassischen 60er-Jahre-Revuen ab – Beispiel Providence/Rhode Island: Nachdem die vier (!) Vorgruppen Michelle, Troop, After 7 und Oaktown’s 3-5-7 dem Publikum mit knappen, aber schlagkräftigen Sets eingeheizt haben, ist die Spannung (fast) auf dem Höhepunkt. It’s startime! Rund 25 Sänger, Tänzer und Musiker stürmen auf die Bühne und treiben die 16.000 Zuschauer mit der aufpeitschenden Hymne „Here Comes The Hammer“ auf die Stühle. Ganz oben auf der dreistöckigen Bühne krachen ein paar grelle, ohrenbetäubende Detonationen, und aus den dicken Rauchschwaden tritt THE HAMMER hervor, um 90 Minuten lang die wohl aufsehenerregendste Show anzuführen, die ein Rap-Act je auf die Bühnenbretter gebracht hat.

Während bei den üblichen Rap-Konzerten oft nur ein paar Jungs in Trainingsanzügen mit verschränkten Armen posieren, ist bei M. C. Hammer Nonstop-Action angesagt: Die Tanz-Crew schwingt ihre Beine, um sich Momente später in mehrere Vokal-Formationen aufzuteilen; der hyperaktive Bassist hechtet ununterbrochen von einem Bühnenlevel zum anderen, M. C. Hammer selbst legt Tanzschritte hin, die Paula Abdul um/Michael Jackson alle Ehre machen würden.

Da stört es kaum, daß M. C. Hammers heisere Stimme fast immer durch einen zweiten Rapper unterstützt wird; die Gerüchte, daß trotz eines DJs und der Live-Instrumentalisten ein Teil der Musik (und der Raps?) vom Band kommen soll, bewegen hier niemanden.

M.C. Hammer glaubt, daß blanker Neid für die Pöbeleien der Konkurrenz verantwortlich ist. Nachdem er sich nach seinem schweißtreibenden Auftritt gegen halb eins in der Garderobe durch eine Partie Schattenboxen wiederbelebt hat. gibt er die Kollegenschelte zurück: „Die anderen Rapper können den Rest ihrer Karriere mit dem Versuch verbringen, eine Show wie ich zu bringen – was ihnen wahrscheinlich trotzdem nie gelingen wird! Unsere Konzerte sind für ihre Karrieren der Ruin, weil das Publikum keine Rap-Shows im alten Stil mehr sehen will. Sie sind einfach zu langweilig‘.“

M.C. Hammer, ein Anhänger von Anzügen, Schlipsen und feinen Leder-Outfits. grenzt sich bewußt von fluchenden, aggressiven Ghetto-Reportern wie Eazy-E, N.W.A. und der 2 Live Crew ab. „Es ist einfach nicht notwendig, anstößige Texte zu schreiben, um eine Message rüberzubringen. Es geht auch taktvoll. Und wenn du meine Hüllentexte liest, wirst du sehen, daßich darin Drogen-Dealeraufrufe, keine kleinen Kinder mehr in ihrem Business einzusetzen.“

Glaubt er wirklich, daß ein Appell auf einer Rap-LP hartgesottene Kriminelle auf den rechten Weg zurückführen kann? „Warum nicht? Dealer sind auch nur Menschen, die Gefühle haben …“

Musikalisch geht M.C. Hammer ebenso auf Nummer sicher. Wo andere Rapper versuchen, sich mit mysteriösen Samples zu übertreffen, besteht der größte Teil der jüngsten Hammer-LP aus gerappten Cover-Versionen bewährter Pop-Erfolge – von Rick James („Super Freak“) bis Jackson 5 („Dancin Machine“), von den Chi-Lites („Have You ¿

Seen Her“) bis zu Prince^ („Hammers Pray“ basiert auf einem Riff aus „When Doves Cry“).

Doch auch Saubermann M. C. Hammer kann zur Not mit ein paar Getto-Anekdoten aufwarten, um seine „street credibility“ unter Beweis zu stellen. „In meiner Jugend in Oakland wuchs ich Tür an Tür mit Mördern und Drogen-Dealern auf – ich habe selbst aber nie mitgemacht. Mit den Dealern hatte ich nur zu tun, wenn sie mit ihren Profilen ankamen – dünn hohe ich nämlich ein paar Würfel und versuchte, ihnen das Geld wieder abzunehmen‘.“

Heute macht Stan Kirk Burrell – so Hammers bürgerlicher Name – seine Millionen auf ganz legale Weise. Er ist Chef seiner eigenen Plattenfirma (Bust It Productions), deren Vertrieb sich der Plattenkonzern Capitol Records für eine siebenstellige Dollar-Summe gesichert hat, und will in Zukunft auch im Filmgeschäft tätig werden. Keine schlechte Karriere für den Ex-Assistenten (sprich: Schläger-Träger) eines kalifornischen Baseball-Teams, der damals von seinem Boß „entdeckt“ wurde, als er auf dem Parkplatz des Stadions Tanzroutinen seines großen Idols James Brown vorführte.

Vom „Godfather of Soul“, der seine Band stets mit eiserner Hand regiert, hat M.C. Hammer auch seine Vorliebe für strikte Disziplin übernommen. Nach dem Auftritt beispielsweise müssen sich die Tänzerinnen wie beim Schulausflug in Zweierreihen zum Essenfassen anstellen; und wer sich als Performer gar Fehler erlaubt oder bei Proben zu spät kommt, fängt sich eine Strafe ein (über die Höhe schweigt des Rappers Höflichkeit). Das passiert jedoch – laut Hammer – selten, denn „ich besitze den Respekt meiner 75 Angestellten, weswegen ich meine Autorität nicht allzu oft heraushängen lassen muß. Aber trotzdem hielte ich es für unprofessionell, fürs Zuspätkommen oder bei Fehlern eines Musikers keine Strafen zu verhängen. Ich war als junger Mensch ein paar Jahre lang beim Militär und verstehe daher die Notwendigkeit von Disziplin. Letzten Endes ist es bei uns jedoch eine Situation wie bei einer Familie – wir alle zusammen wollen gewinnen!“

Und Papa Hammer zählt das Geld.