Mauerblümchen in der Mono Kultur


Das Platin-Trio dominiert die deutschen LP-Charts wie selten zuvor: Grönemeyer, Westernhagen, BAP — und dann kommt erst mal gar nichts. Ist Talent in Deutschland ausgestorben? Oder sieht man den Wald vor lauter Bäumen nicht? ME/Sounds versuchte der Frage nachzugehen, warum Nachwuchsarbeit in Deutschland derart im Argen liegt.

DIE SITUATION hat inzwischen derart krasse Formen angenommen, daß selbst einer der großen Drei Unheil in dieser Entwicklung wittert. So ließ Herbert Grönemeyer im Berliner „TIP“ eine geharnischte Kritik an der kurzsichtigen Politik der deutschen Plattenindustrie vom Stapel. „Das Mega-System der Wenigen ganz oben wird sich bald totlaufen. Die Firmen schreien ja jetzt schon: Hilfe, wo bleibt unser Nachwuchs? Jahrelang haben sie sich nicht darum gekümmert und mit ihren dikken Hintern nur auf die paar Etablierten gesetzt. Die jungen Bands blieben draußen, haben frustriert angefangen, englisch zu singen. Ich weiß das ja von meiner eigenen Firma. Die EMI hat fünf, sechs Jahre keinerlei Nachwuchsarbeit gemacht. 1990 hatten sie Riesenumsätze mit Grönemeyer, EAV und BAP. Und denen sitzt jetzt natürlich das Management aus der Zentrale in London im Nakken. Die erwarten für 1991 wieder zehn Prozent mehr Umsatz. Aber von uns kommt dann keine neue Platte. Das heißt, die fallen in ein Loch, wenn sie jetzt nicht alle Ohren aufmachen, wieder rausgehen in die Clubs und neue Talente finden.“

Andere Beurteilungen der Situation sind allerdings auch zu haben. So sieht Polydor-Mann Tim Renner, als A&R-Manager von Musikern wie Phillip Boa oder Jeremy Days mit den Problemen vertraut, die Chancen für junge Gruppen zur Zeit eher gestiegen. “ Unsere Firma hat im Newcomer-Bereich bereits ein Image, und wir nehmen weiterhin Gruppen unter Vertrag, um dieses Image zu halten. Am Ende sollten aber auch diese Bands Geld bringen. Und mit der richtigen Politik ist das durchaus zu schaffen.“

Interessant ist die Vielfalt der Gründe, die für die Schwierigkeiten bei der Etablierung von neuen deutschen Gruppen genannt werden. Einigkeit auf der ganzen Linie besteht allenfalls in der Kritik an Funk und Fernsehen. Dort nämlich würden diese Gruppen nicht mal zur Kenntnis genommen, geschweige denn in den wenigen noch existierenden Musiksendungen präsentiert. Habe man dort die Wahl, bevorzuge man im Zweifelsfall immer das musikalische Establishment. „Wenn jemand wie Grönemeyer in einer regionalen Sendung wie ,Op’n Swutsch‘ aufiritt, blockiert er auf jeden Fall Möglichkeiten für den Nachwuchs“, gibt Tim Renner den Ball zurück.

Noch schärfer beurteilt er die Musikpolitik der öffentlich-rechtlichen Sender. „Sie verletzen ihren Verfassungsauftrag zur pluralistischen Darstellung“, meint er. „Wenn überhaupt noch etwas geht, dann nur auf der Regionalschiene“.

In das gleiche Hörn stößt auch Franz von Auersperg, der Artist & Repertoire-Chef von BMG Ariola Hamburg (RCA): „Speziell von den privaten Radiostationen bin ich unheimlich enttäuscht. Sie degenerieren mehr und mehr zu Top 40-Sendern, die nur noch das gängigste Hitparaden-Material runterspielen“. Wenig Chancen also für deutsche Gruppen wie etwa The Riff und Chinchilla Green, die er unter seinen Fittichen hat.

Auch Heide Bieger, Geschäftsführerin des Münchener Marlboro Music Labels, sieht das Engagement der Sender kritisch: „Grundsätzlich nehmen die Redakteure nur Stars in ihre Sendungen auf. Für den Nachwuchs bleibt überhaupt kein Platz, und für innovative Musik sieht es noch schlechter aus.“

Nun sind die von Marlboro Music betreuten Acts (wie Playhaus und Franz Benton) gar nicht so weit vom Mainstream entfernt. Und konnten über Resonanz im Radio auch gar nicht mal klagen. Doch nicht immer bringt ein ansprechender Funk-Einsatz auch die entsprechenden Resultate auf dem Verkaufssektor. Bieger weiter: „Wir hatten einen Künstler, der es auf 129 Funk-Einsätze in der Woche brachte. Die Singlesverkäufe im selben Zeitraum: drei Exemplare.“

Nicht immer ist also nur Funk und Fernsehen an der Nachwuchs-Misere schuld; selbst bei positiver Resonanz passiert im Markt oft genug nichts. Dennoch ist der Aufbau eines Images für eine Newcomer-Band unerläßlich, und das läßt sich nun einmal am besten über die etablierten Schienen realisieren.

Während bei Funk und Fernsehen so manches im Argen liegt, sind im Bereich der Print-Medien durchaus positive Entwicklungen zu verzeichnen. Tim Renner, bei Polydor für das „Progressive Label“ zuständig, ist hauptsächlich mit dem Aufbau junger Gruppen beschäftigt und spricht wohl für viele, wenn er behauptet:

„Unerläßlich fiir den Außau einer neuen Gruppe ist es, die richtige Presse-Promotion zu betreiben. Hier ist die Situation auf dem Print-Sektor massiv besser geworden. Vorreiter dieser Entwicklung waren die Stadtzeitungen, die schon immer ein offenes Ohr fiir innovative Klänge halten, insbesondere wenn sie aus der jeweiligen Region kamen. Inzwischen sind selbst etablierte Medien wie ME/Sounds bereit, diesem Bereich mehr Beachtung zu schenken. Während in den Ausgaben vor vier Jahren immer noch die Klasse von 1970 abgefeiert wurde, finde ich jetzt in fast jedem Heft einen Beitrag über neue alternative Künstler. „

Allzu viele andere Wege stehen den Musikern ohnehin nicht offen. Einer der wenigen Alternativen besteht darin, über die Live-Schiene in den Clubs eine tragfeste Basis zu bekommen. Gerade hier ist das Interesse durchaus gegenseitig, sind doch die Klein-Veranstalter auch auf neue und erschwingliche Bands angewiesen. Im Idealfall existiert sogar ein symbiotisches Verhältnis zwischen Club und Industrie, und so ist es nicht überraschend, daß die Entwicklungen im Live-Bereich von der Industrie wohlwollend beobachtet werden. „Die Clubszene hat sich erfreulicherweise erholt“, meint Franz von Auersperg. Ob diese Tendenz wirklich auf einem gestiegenen Interesse an neuer Musik beruht, mag auf einem anderen Blatt stehen. Es könnte auch sein, daß die Langeweile, ausgelöst durch Monotonie in Disco. Kino und Glotze, die Leute wieder verstärkt zur Live-Musik treibt.

Die unzweifelhaft positiven Tendenzen in diesem Sektor werden jedenfalls allgemein anerkannt. So läßt Walter Holzbaur vom Wintrup-Musikverlag seinen neuen Act „Die Antwort“ in jedem Club drei bis vier Tage spielen. „Am ersten Tag haben wir vielleicht nur 50 oder 60 Leute, aber die übernehmen dann die Promotion ßr uns, und so kommen jeden Tag mehr.“ Sie lösen im besten Fall das aus, was man in der Szene einen“.Buzz“ nennt.

Plattenfirmen und Verlage haben das von Grönemeyer so drastisch angesprochene Problem im Prinzip schon lange erkannt. Ihre Bereitschaft, sich auf junge Bands einzulassen (und in diese auch entsprechende Summen zu investieren), ist in den letzten Jahren eher gestiegen. Die WEA in Hamburg gründete gar das autonom agierende Label „Königshaus“, um sich konzentrierter dem deutschen Nachwuchs widmen zu können. Mit dem ehemaligen Fehlfarben-Gitarristen Thomas Schwebel verpflichtete man einen A&R-Mitarbeiter. der die Probleme selbst noch aus erster Hand kennt.

Doch auch hier muß man auf die Realitäten Rücksicht nehmen: Ursprünglich für letzten Herbst geplant, verschob „Königshaus“-Geschäftsführer Horst Luedtke den Start seines Labels, weil ihm die großen Drei in die Quere kamen: „Wenn da BAP, Grönemeyer und Marius gleichzeitig rauskommen, ist der Markt erstmal auf Wochen dicht.“

Der gute Wille ist ohne Zweifel bei vielen Firmen vorhanden, doch Ideen neue und Konzepte sind beim Aufbau der Newcomer Mangelware. Im Grunde wurschtelt jede Firma genau so weiter, wie sie es schon immer getan hat — und hofft händeringend auf wohlmeinende Reaktionen des Marktes. In Zeiten explodierender Produktionsbudgets ist dieser Ansatz allerdings kaum weniger riskant als russisches Roulette.

In punkto Produktionskosten scheiden sich allerdings die Geister. Während Auersperg pro Band eine jährliche Gesamtinvestition von 600.Ü00 DM (für die reinen Produktionskosten als auch für Marketingaufwand) veranschlagt, möchten manche Kollegen in diesem Punkt eher sparen — um so mehr Bands in die Gewinnzone bringen zu können. Bestätigt wird von fast allen Branchenkennern die Faustregel, daß lediglich fünf bis zehn Prozent aller produzierten Titel überhaupt Gewinn einfahren. Diese fünf bis zehn Prozent müssen dann den gesamten Rest mitfinanzieren — in der Tat eine recht ungesunde Mischkalkulation.

„Was machen die Firmen, wenn ihre Umsatzträger in einem Jahr mal keine neue LP herausbringen?“, fragte eingangs Herbert Grönemeyer.

Man kann aber auch anders kalkulieren. „Wenn man in die erste LP einer neuen Gruppe so wenig investiert, daß man keinen Verlust macht, dann liegt man falsch“, weiß Tim

Renner von Polydor. „Meine Kalkulation bezieht sich immer auf drei LPs: Die erste bringt in der Regel Verlust, die zwei bestenfalls Breakeven. Erst die dritte LP sollte soviel umsetzen, daß die Verluste aus der ersten und zweiten Produktion wieder eingespielt werden — und dann beginnt im Grunde erst das Geldverdienen. „

Ausnahmen wie beispielsweise Jeremy Days, denen schon mit ihrer ersten LP ein beachtlicher Chart-Erfolg gelang, bestätigen die Regel. Aber auch in einem solchen Fall ist der Erfolg kein Abonnement: Die zweite Scheibe der Gruppe konnte die Resultate der ersten nicht in vollem Umfang wiederholen.

Die Charts sprechen eine deutliche Sprache, was den Erfolg deutscher Produktionen angeht. Nur 86 von 390 aller in den Media-Control-Charts gelisteten LP-Titel kamen 1990 aus dem deutschsprachigen Raum, das entspricht 22,87 Prozent. Und die vorderen Platze sind, von den erwähnten Bestsellern abgesehen, für Newcomer weit entfernt. Phillip Boas LP HISPA-NOLA erreichte den 86. Platz, Fury In The Slaughterhouse mit JAU gelang den 223. Rang, dicht gefolgt von den Abstürzenden Brieftauben und Jeremy Days. Während die Gruppe Camouflage von ihrer LP METHODS OF SILENCE weltweit immerhin 400.000 Stück verkaufte, gelang ihnen in der Liste der bestverkaufenden LPs gerade mal Rang 371.

Angesichts dieser Resultate ist es umso tödlicher, daß sich die Produktionskosten nicht an dieses niedrige Niveau halten wollen. Einer der Faktoren, die zu immer höheren Kosten führen, ist die wachsende Zahl von Produktionen in England. „Immer noch“, meint Heide Bieger, „sind die englischen Produzenten einfach besser. Und gerade für eine Gruppe mit englischen Texten ist das Umfeld in London einfach hip.“ Das allerdings führt zwangsläufig zu höheren Kosten, nicht zuletzt auch deswegen, weil sich die Ausgaben der Gruppe im Ausland nicht so exakt kontrollieren lassen.

Trotzdem wird die Gruppe Pur. die mit ihrer LP UNENDLICH MEHR zehn Wochen in den Verkaufscharts (Höchstplazierung Platz 35) verbrachte und mehr als 115.000 Exemplare verkaufte, mit ihrem Produzenten Dieter Falk auch nach Amerika gehen, um ihre nächste LP dort zu produzieren. Aufgenommen wird im Hollywood Sound Studio in LA. und gemischt im Sound Slage Studio in Nashville. „Ich arbeite sehr oft don, weil die Musiker, besonders was Bläser, Overdubs und Soli angeht, ganz einfach besser sind“, begründet Falk seine Entscheidung für die höheren Kosten.

Sparen läßt sich allerdings an anderen Stellen. „Die Deutschen sind extrem in die Technik verliebt“, glaubt Tim Renner. „Qualität hat nur selten etwas mit einem hohen Produktionsbudget zu tun. Fast immer läßt sich durch die exakte Vorbereitung einer Produktion enorm Geld sparen, ohne daß die Qualität darunter leidet. Wir geben im Durchschnitt lOO.(XX) DM ßr eine Produktion aus und erzielen damit gute Ergebnisse. Anders lassen sich manche Künstler auch nicht in die Nähe der Gewinnzone bringen. „

Immer wichtiger für eine junge Gruppe wird auch der Verlag als erste Anlaufstelle. Selbst Manager aus den Plattenfirmen gestehen ein, daß wegen der grundsätzlich günstigeren Kostenlage ein Verlag in manchen Fällen besser geeignet ist, einem neuen Produkt auf den Weg zu helfen. So sieht auch Walter Holzbaur vom Wintrup Verlag das Hauptproblem der Plattenfirmen darin, daß sie sich vorwiegend an gängige Trends hängen, um schnell Geld zu verdienen. Nach seiner Ansicht investieren die Firmen zwar oft genug immense Summen, wollen dieses Kapital aber auch bald wiedersehen. „Es fehlt der lange Atem. Aber auch die aufgeblähten Produktionskosten sind ein Problem. Darüber hinaus sollte man einer Gruppe, die mit ihrer ersten LP nicht so erfolgreich war, weitere Chancen bei einem kleineren Label einräumen. Schließlich ist auch der Geschmack des Publikums von einer gewissen Gewöhnungszeit abhängig. Und zuguterletzt sind Neugründungen von Firmen, die gezielt in diesem Bereich arbeiten, wie Königshaus von WEA, durchaus zu begrüßen.“

Neben dem erwähnten „Königshaus“, das sich zur Zeit etwa um deutschsprachige Künstler wie Seni und Die Antwort bemüht, sollte es nach seiner Ansicht noch mehr Szene-Label geben, die direkten Kontakt mit den Musikern haben. Seine Ansicht, die im Grundsatz von vielen geteilt wird, erfährt in diesem konkreten Punkt aber auch Widerspruch: Gerade „Königshaus“ wird in der Branche teilweise als reine „Attrappe“ gesehen. Für optimaler werden hier kleine Arbeitsgruppen innerhalb der Mutterfirmen gehalten, die für nicht-mainstream-Künstler die komplette Abwicklung bis hin zum Vertrieb übernehmen.

Für eine noch striktere Trennung der Arbeit von Plattenfirma und Verlag setzt sich Hartwig Masuch, der Geschäftsführer von BMG UFA Musikverlage in München ein. „Die Gruppen in der Anfängsphase sollten versuchen, sich eine Infrastruktur aufzubauen, die die Plattenfirma ganz bewußt ausschließt. Der Verlag muß die Band autark machen, damit diese sich ganz auf die Musik konzentrieren können. Je nach Bedarf bezahlen wir ßr die Produktion der Demos zwischen 10.000 und 50.000 DM, und zusätzlich müssen wir 2.000 bis 4.000 DM pro Monat an Vorschüssen an die Gruppe auszahlen, damit die Musiker leben können. Mit diesen Investitionen garantieren wir eben auch eine Meinungsvielfalt an musikalischen Stilen, die sonst nicht gegeben wäre.“

Hilfreich wäre nach Ansicht aller Beteiligten eine Verbesserung der Management-Szene in Deutschland. Zwar werden auch hier durchaus Fortschritte konstatiert, aber, so von Auersperg: „In den USA und Groß-Britannien sind ganz einfach die finanziellen Resourcen des Managements besser entwickelt. Wir müssen hier doch das Management einer Gruppe in der schwierigen Anfangszeit mitfüttern. „

Noch härter beurteilt Hartwig Masuch die Situation: „Manager können unheimlich viel kaputtmachen. Als Verlag sind wir seit einem Jahr in den Prozessen um die Gruppe Helloween verstrickt, und selbst wenn man Recht hat und auch bekommt, liegt die Band am Ende am Boden. In vielen Fällen werden jungen Musikern auch von ihrem Manager Flausen in den Kopf gesetzt, die dann an der Realität scheitern müssen. „

Was kann man also tun, um einer hoffnungsvollen jungen Band auf die Sprünge zu helfen? Sicher wäre mehr finanzielle Hilfe von Seiten der etablierten Institutionen wie der GEMA notwendig. „Wenn ich die Situation in Frankreich sehe, wo die SACEM (das französische Gegenstück zur GEMA) entsprechend Support leistet. Aber auch eine kanadische Band bekommt zum Beispiel vom Kulturministerium 2O.(HX) Dollar, wenn sie nach Europa kommen. Es wird oft verkannt, daß Musik auch einen interessanten Exportfaktor darstellt. Gerade in Frankreich kann man dies feststellen, wo die Popmusik mit offizieller Hilfe in den letzten Jahren einen ganz enormen Aufschwung genommen hat. „

„Die Gruppen müssen lernen, mehr um den Erfolg zu kämpfen“, stellt Heide Bieger fest. Dabei sollen junge Musiker nach ihrer Ansicht durchaus auch ungewöhnliche Wege gehen, um Aufmerksamkeit bei der Industrie für ihre Musik zu erreichen. „Einmal wollte einer unserer A&R-Manager nach einer Partv mit einem Taxi nach Hause fahren. Ein Mitglied einer unbekannten Gruppe war auch auf dieser Party und arrangierte es, daß ein Freund mit seinem Taxi vor der Tür stand — die Demo-Cassette der Band bereits abspielbereit im Autoradio. Während der Fahrt teufelte er wohl so überzeugend auf den armen A&R-Mann ein, daß dieser am nächsten Morgen sich daran erinnerte und die Gruppe zu einem Termin einlud.“

Noch einen Schritt weiter ging die Kölner Gruppe The Pleasure Principle. Nachdem ihr LP-Erstling, 1990 von der EMI Electrola veröffentlicht, für ausgesprochen positive Resonanz gesorgt hatte, war man auf Seiten der Gruppe zuversichtlich, die erfolgversprechende Zusammenarbeit fortsetzen zu können. Dummerweise hatte dort in der Zwischenzeit das große Stühlerücken stattgefunden: Aufgrund des gähnenden Post-Grönemeyer-Loches war die erfolglose A&R-Leitung in die Wüste geschickt worden. The Pleasure Principle, die in der Zwischenzeit fleißig an ihrem Album weitergearbeitet hatten, wußten plötzlich nicht mehr, ob es überhaupt von Electrola veröffentlicht werden würde. Es gab dort wochenlang nicht einmal einen kompetenten und weisungsberechtigten Ansprechpartner.

Also schritt man zur Selbsthilfe. Am 27. Februar dieses Jahres „besetzte“ die Gruppe das Gelände der Electrola. um auf die untragbare Situation hinzuweisen. Mit einem 45minütigen Konzert und Spruchbändern („BAP, Turner, Cokker — Pleasure bringen’s locker“) wollte man die Electrola endlich zu einem eindeutigen Statement bewegen. „Seit Monaten hat niemand vom Management mit uns gesprochen „, klagt Sänger Axel Fluch. „Wir wollten uns nicht länger im Stillen ärgern.“

Der Coup zeigte jedenfalls prompte Wirkung. Electrola-Planungschef Carl Mahlmann zeigte sich „sehr beeindruckt“ ob der Eigeninitiative und räumte verständnisvoll ein: „Die Gruppe ist im Recht, wenn sie sich schlecht behandelt fühlt.“