Unauffällig und diskret: Chris Rea

LONDON. Dieser Mann bringt uns allen Hoffnung: Als Inbegriff dessen, was i n der heutigen Popwelt „unmodisch“ ist, hat er sich mit unbeugsamem Durchhaltewillen in die oberen Starregionen gehievt, ohne je Kompromisse geschlossen zu haben. Inzwischen ist er soweit, daß selbst eine relativ unauffällige Platte wie „God’s Great Banana Skin“ gleich nach Erscheinen vergoldet wird. Während musikalisch ähnlich orientierte Gruppen immer mehr Mühe haben, Kundschaft anzulocken, tritt Rea zwei Nächte lang in der „Wembley Arena“ auf.

Und als Held der Anti-Helden beginnt er die Show absolut standesgemäß:

Zwei Schemwerferkegel finden nach einiger Suche schließlich zwei Holzstühle auf der Bühne, darauf links der zweite Gitarrist, rechts Rea mit der stilprägenden Slide, und neben dem ein putziges Tischchen wie im Cafe. Zusammen liefern sie sich ein zuerst zaghaftes, dann immer herzhafteres Duett. Dann wandert die Band auf die Bühne, und fugenlos gleitet das stille Intro in einen typischen Rea-Rocker—ein scheinbar zwangloser Shuffle. den viele versuchen, aber nur wenige — Rea, Cale, Clapton — so locker hinbringen. Eine Aura gewollter Unscheinbarkeit hat auch das Bühnendekor: Es besteht schlicht aus nichts. Ähnliches gilt für die Band: Nur der Pianist darf mal zu einem Cocktail-Jazz-Solo ansetzen.

Der Sänger selber ist nach seiner Krankheit wieder voll bei Stimme. Er kredenzt einen repräsentativen Hit-Katalog, wobei der Nicht-Fan im Mittelteil von leichter Langeweile bedroht wird: Zu eingleisig wirkt hier die Schablone Slide-Intro/Refrain/Slide-Solo/Refrain.

„Road To Hell“ hingegen wird live zu einem wahren Rollercoaster von Emotionen: So laut wie seine Slide-Gitarre bohren nicht einmal Metallica im Ohr. Jedenfalls klingelten diesem Schreiber noch am nächsten Tag die Höllenglocken im Kopf. Und den zahlreichen älteren Semestern im Publikum stand schon das Entsetzen ins Gesicht geschrieben.

Das restliche Publikum: Es blieb diskret wie Rea selber. War aber offensichtlich begeistert und konnte sich ob des Gebotenen auch kaum beklagen.

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