Abschiede in Pop: Hosen, Howie, Fanta 4 … bewegend oder egal?

Komm wir nehmen Abschied. Drei Institutionen deutschsprachiger Musik sagen dieses Jahr leise (okay, laut) „Servus“. Linus Volkmann versucht unbeholfen unsere Tränen zu trocknen.

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„Alles hat mal ein Ende, weiß doch jeder von euch, auf Wiedersehen“.

Diese Zeilen aus dem Fun-Punk-Klassiker „Für immer Punk“ der Goldenen Zitronen besitzen heute kaum noch eine Bedeutung für den Musikbetrieb. Denn gefühlt machen alle Bands immer weiter, die Goldenen Zitronen nicht ausgenommen. Und wenn eine Band dann doch mal unmissverständlich over ist, kann sie ja immer noch von einer Netflix-Serie wiederentdeckt werden, oder über einen Marvel-Film ihre Wiedergeburt in den Charts erleben, ein Comeback mit Avataren starten und selbst wenn all das nicht der Fall ist, dann begleitet uns die Musik (zumindest theoretisch) durch ihre Verfügbarkeit auf den Streamingportalen immer noch bis ans Ende aller Tage (des Kapitalismus). Abschied in der Hyper-Link-Postmoderne ist mehr denn je zu einer Illusion, zu einem gebrochenen Versprechen geworden. Man kann die Dinge gar nicht mehr wirklich loswerden – und hey, irgendwie ist das ja auch schön. Den Tod überwinden in der Cloud? Immerhin besser als ständig mit langem Gesicht über den Friedhof schlurfen zu müssen, Fingernägel voller Erde, weil man mal wieder alles Mögliche ausbuddeln wollte.

Mitten in die digitale Gewissheit einer (vermeintlichen) Unendlichkeit von Kulturprodukten, knallte zuletzt aber die Nachricht, dass sowohl Die Fantastischen Vier wie auch Die Toten Hosen dieses Jahr Schluss machen wollen. Eine Platte, eine Tour, das war es dann. Von Howard „Howie“ Carpendale ganz zu schweigen. Sterblichkeit, halt die Klappe!, wir haben doch gerade schon geklärt, dass heute die Enden auf ewig offen bleiben werden. Trotzdem macht bereits die bloße Idee davon, dass es weder die Fanta Vier noch die Toten Hosen mehr geben soll, ein wenig wehmütig, oder? Wer nah am Wasser gebaut ist (ich), ahnt schon, dass dieser Umstand einen irgendwann völlig überraschend dann doch wieder zu Tränen rühren wird. Auch schon wieder peinlich, aber was will man machen?

Moment, mir fällt da tatsächlich was ein! Und zwar ein paar Schmähkritiken schreiben, um uns allen den Abschied zu erleichtern. Alles natürlich nicht so gemeint. Bitte verklagt mich nicht dafür – und wenn ihr wisst, wo mein Auto steht, schneidet auch nicht die Bremsschläuche durch oder werft Waschbetonplatten durch die Scheiben, sondern steckt lieber einfach eine Blume hinter die Scheibenwischer. Ich weiß dann schon Bescheid.
Auf dass uns die Trauer nicht vergiften möge, hier nun drei Nachrufe, mit einem ungebührlichen Fokus auf den unattraktiven Aspekten der Acts. Abschied leicht gemacht.

R.i.P. Die Toten Hosen

Das Schicksal meinte es nicht gut mit uns in den 80er Jahren. Es strafte uns mit Schulterpolstern, ungünstigen Dauerwellen und Banjo, einem Schokoriegel, der nach Rehgips schmeckte – und als ob das nicht gereicht hätte, fiel das Schicksal auch noch mit breitem Arsch auf die Reaktoren von Tschernobyl und braute für die Toten Hosen aus Düsseldorf eine langatmige Karriere zusammen – auf unser aller Kosten, versteht sich. Die Toten Hosen: Fünf Männer mit Frisuren, am eindrucksvollsten stets die von Gitarrist Breiti. Hochverdichteter Vokuhila und dazu die rehbraunen Augen eines nachdenklichen Kaufhausdetektivs. Ein facettenreicher Mann aber an der falschen Stelle zum falschen Ort. Ihm gegenüber der bleiche Bassist Andi, der schöne Kuddel, der anstrengende Campino und wechselnde Schlagzeuger.

Jede Republik bekommt eben die Big Band, die sie verdient. Dabei konnte die humorbefreite Fun-Punk-Band diverse beliebte deutsche Musikstile bedienen: „10 kleine Jägermeister“ (Schützenfest-Schlager für belastende Teenager), „Steh auf, wenn Du am Boden bist“ (Tumber Erbauungs-Schlager für alle, denen die Onkelz eine Nummer zu fies waren) und natürlich „An Tagen wie diesen“ (Stadion-Schlager für Bratwürste). Noch weniger Akkorde und sie hätten als No-Wave-Kunstprojekt durchgehen können, aber in der dargereichten Form funktionierte das alles als kumpeliger Sparkassenpunkrock. Eine Karriere wie ein bereits warm gepupster Kinosessel – und es läuft für immer „Die Supernasen“.

R.i.P. Die Fantastischen Vier

Das Schicksal meinte es nicht gut mit uns in den 90er Jahren. Es strafte uns mit Arschgeweih, Vision Street Wear und dieser Werbung für Schöfferhofer, wo sich die Leute scheinbar gegenseitig vergoren riechendes Weizenbier in ihre wollmaus-verstopften Bauchnabel gekippt haben – und als ob das nicht gereicht hätte, beendeten sowohl Steffi Graf als auch Kurt Cobain ihre Laufbahnen und die Fantastischen Vier aus Stuttgart nahmen für Jahrzehnte ungefragt auf unserem Gesicht Platz.

Zweifellos der beste Fanta (sagt man das so?) ist And.Y, denn er hält sich als hagestolziger Joker einfach mal 35 Jahre komplett bedeckt. Geheimnisvoll! Vielleicht kommt da noch was, vielleicht kommt da auch nichts mehr. Auf jeden Fall spannend. Bei den anderen drei weiß man dagegen, was sie im Schrank haben – denn sie werden nicht müde, es uns immer wieder und wieder zu zeigen. Dabei scheint es gar nicht soviel zu sein, aber wenn man mit Wiederholungen und Spiegeln arbeitet, lässt sich am Ende auch noch das ganz große Nichts aufblasen. Obwohl nichts gegen Reflektor Falke, dieser New-Age-Inkarnation von Thomas D. Ich kenne selbst Leute, die auf psychedelischen Drogen und/oder Bhagwan hängen geblieben sind – und finde es mutig, dass er via Rollenprosa anspricht, was für schreckliche Schicksale sich dahinter verbergen. Michi Beck hat uns früher zumindest mit seinen langen, seidigen Haaren verwöhnt und Smudo hat, während ich diese Zeilen hier schreibe, garantiert schon wieder drei neue Firmen gegründet.

Musikalisch wird von den vier Freunden vor allem die Gewissheit bleiben, dass deutschsprachiger Rap möglich ist, man sich über seine Notwendigkeit dagegen streiten kann. Als Abschiedsgeschenk an uns Fans würde ich mir eine DVD wünschen, die alle Werbekampagnen der Band zusammenfasst, bitte mit Audiokommentar! Ein solches Sammler-Item könnte es von der Dauer her vermutlich mit meiner „Herr Der Ringe – Director’s Cut“-DVD-Box aufnehmen.

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R.i.P. Howard Carpendale

Das Schicksal meinte es nicht gut mit uns in den, keine Ahnung, 50er Jahren oder 30ern? Naja, jedenfalls das Jahrzehnt, für das Howard Carpendale steht – ihr habt die Mechanik dieser Texte hier ja mittlerweile eh schon erfasst. Howard Carpendale konnte uns Popnerds natürlich nie wirklich enttäuschen, denn wir suchten ja stets Musik, die explizit nicht so klingt wie dieser handwarme Schlager-Stuhl, den man aus der ZDF Hitparade kannte. Howard Carpendale war zeitlebens ein Mahnmal, wo es hinführt, wenn man musikalisch nicht aufpasst. Irgendwann legt man statt Slayers „Angel Of Death“ dann doch lieber diesen Testbild-Soundtrack mit dem lustigen Akzent auf, weil man einfach nicht mehr kann. Howard Carpendale Platten, das ist Schwäche, die die Stereoanlage verlässt und in unsere Körper eindringt.

Er ist wie ein Schatten, der auf alles fällt. „Am Ende landest auch du bei mir, am Ende schalle ich durch die Lautsprecher im Gemeinschaftsraum deines Discounter-Altersheims.“ Klingt lustig, ist aber vermutlich einfach nur wahr. Jan Müller von der angenehm abschiedsbefreiten Band Tocotronic hat in seinem Reflektor-Podcast schon mal den Vorstoß gewagt, sich der Suppe freiwillig zu nähern. Hut ab vor soviel Courage. Da springe ich allerdings lieber Bungee an gewachster Zahnseide, als mir eine solche Mutprobe zu geben. Howard Carpendale ist übrigens der Meister des zerdehnten Abschieds. Und eigentlich kann nichts so lustig sein wie diese Meldung von 2003 auf einer Newsseite:

„‘Der richtige Moment‘“ heißt das Album zur Abschiedstournee, das im April dieses Jahres erschien und wochenlang die deutschen Charts belegte. Der Titel ist zugleich Ankündigung seines Abgangs von der Bühne: ‚Es ist besser zu gehen, wenn die Leute traurig darüber sind, als wenn sie sagen: Langsam wird’s Zeit.‘ Auch wolle er nicht unglaubwürdig wirken, indem er wie einige Kollegen immer neue Abschiedskonzerte gibt.“

Richtig gelesen: Diese Worte stammen von 2003! In diesem Sinne, mögen all die Abschiede, die uns selbst noch im Leben bevorstehen, mit so einem Dauerwurst-Faktor in die Länge gezogen werden.

PS: „Kunst ohne Emotion hat in meinem Leben nichts verloren“ Die Sache mit KI-Bildern

Unter diesem Titel fungierte meine letzte Kolumne, es ging darum, mit welcher Vehemenz, Dreistig- und Trostlosigkeit  die KI heute Graphiker:innen die Gestaltungsmöglichkeiten abknöpft. Lest selbst noch mal nach …

Dort habe ich angekündigt, dass ich immer wieder tolle Leute am Stift vorstellen will, die auch wirklich atmen, die Ideen und einen eigenen Stil haben. Schaut hin und wenn ihr mal ein Bild oder eine Broschüre oder was auch immer braucht, bucht echte Menschen. It’s way more fun – und sieht besser aus.

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Andri Beyeler // Tuschezeichnung

Andri Beyeler
Bern. Andri kann nicht nur dramatisch zeichnen sondern ist auch Dramaturg beim Theater. Wundert gar nicht. Wer Talent hat, soll eben auch aus dem Vollen schöpfen. Monochrom in allen Schattierungen und immer ein Gespür für die Storys von Bildern https://www.instagram.com/andriandruschka/

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Hannes Naumann a.k.a. Captain Ashi // Selbstbildnis

Hannes Naumann a.k.a. Captain Ashi
Erfurt/Weimar. Er spielte auch bei der beliebten Audiolith-Band Captain Capa und gestaltete Cover für Acts wie Egotronic, Herrenmagazin, Heinz Strunk, Pöbel MC, Milli Dance, ZSK, Frittenbude … Unschlagbarer Style – und der Künstler selbst sympathischer als ein Korb Hundewelpen. www.instagram.com/captainashi/

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Nora Fuchs // Schinken Omi

Nora Fuchs
Münster. Zusammen mit dieser hochbegabten Illustratorin habe ich selbst in den Zehner Jahren Comics zu der hochgetagten Figur Schinken Omi aufgestellt (schreibt mir, wenn ihr noch mehr als diesen Casper-Cartoon hier sehen mögt). Nora Fuchs ist heute noch aktiv, zeichnet schöner, bunter denn je. https://www.instagram.com/no_ra_fu/

Linus Volkmann

Linus Volkmann schreibt freiberuflich unter anderem für MUSIKEXPRESS. Weitere Artikel und das Autorenprofil gibt es hier.