Aidas Popkolumne: Biggie im Weißen Haus – Pop als Waffe
Eigentlich wollte Aida einen Jahresrückblick schreiben, aber dann kamen Weltpolitik, Biggie und Ragebait dazwischen.
Eigentlich sollte an dieser Stelle ein Jahresrückblick stehen, Pop 2025 – denn es gibt immer noch Platz für einen mehr, oder? Eigentlich hatte ich angefangen, euch voller Scham zu erklären, dass ich in das Album von Geese einfach nicht reinkomme, auch wenn es alle außer mir lieben. Sorry, ich schäme mich ja auch dafür! Aber direkt zu Jahresbeginn steht die Welt ja schon wieder Kopf. Ich weiß, das ist nach den letzten Jahren keine Neuigkeit mehr. Unsere aktuelle Timeline kann anscheinend nichts anderes mehr, als immer noch einen draufzusetzen.
Aber nur um kurz zusammenzufassen: In einigen Bundesländern, zum Beispiel Berlin, hat die Polizei sehr weitreichende Rechte durch neue Polizeigesetze. Aber zur breiten Diskussion über die Abwägung zwischen Recht auf Privatsphäre und vermeintlicher Sicherheit kam es gar nicht, weil wir auf unseren Screens sehen, wie im Iran Menschen auf die Straße gehen und Verhaftung, Folter, Tod riskieren, um gegen das System zu protestieren. Doch darauf können wir uns gar nicht richtig konzentrieren, denn am anderen Ende der Welt lässt Trump den Staatschef von Venezuela, Nicolás Maduro, und dessen Frau verhaften – oder angemessener gesagt: entführen –, in die USA verbringen und dort wegen Drogenhandels anklagen. Maduro hat seinerseits als Diktator regiert, über ein Viertel der Venezolaner:innen sind wegen dessen katastrophaler, autoritärer Politik und Staatsgewalt aus dem Land geflohen. Andererseits ist in ein Land einfallen, den Staatschef festnehmen (oder wie gesagt: entführen) und sagen „wir schmeißen den Laden jetzt und das Öl gehört uns“ nicht okay. Also so auf Völkerrechtsbasis. Und generell im internationalen Miteinander. Auch wenn der betreffende Regierende ein Diktator war, den die überwiegende Mehrheit mutmaßlich loswerden wollte. It’s complicated, aber auch wiederum gar nicht, man kann alles gleichzeitig furchtbar finden. Und sich Sorgen darum machen, was das alles für den Rest der Welt bedeutet, für die Ukraine, für Taiwan, für den Iran, für Gaza, Sudan und Kongo sowieso. Mein Kopf raucht jetzt schon. Im russischen Staatsfernsehen fantasiert Russlands ehemaliger Präsident Dmitri Medwedew schon davon, Merz zu entführen. Good times!
Pop und Politik als untrennbare Einheit
Aber das ist hier ja eine Popkolumne, deswegen müssen wir auch über den Popaspekt des Ganzen sprechen. Und da gibt es eine Menge zu besprechen, denn Pop und Politik waren zwar nie so richtig voneinander zu trennen, aber haben lange zumindest so getan, als ob es unterschiedliche Welten wären. Das ist seit 2025 eindeutig vorbei. Die aktuelle Regierung der USA hat letztes Jahr immer wieder gezeigt, dass sie sich in ihrer Kommunikation gerne Pop- und Internetcodes bedient. Wir erinnern uns: KI-generierte Illustrationen von Festnahmen im Studio-Ghibli-Stil, Verhaftungen als ASMR-Video. Und der aktuellste Streich: Ein Video zur Entführung von Maduro, das das Weiße Haus natürlich in sozialen Medien verbreitet, ist mit Notorious B.I.G.s Überhymne „Hypnotize“ unterlegt. Rollt Biggie im Grab? Sicherlich. Aber das tut, was von ihm übrig ist, bestimmt auch spätestens seit der Veröffentlichung der Diddy-Doku.
Politik hat schon immer mit popkulturellen Codes und Verweisen gearbeitet, mal mehr, mal weniger offensichtlich – aber 2025 scheint mir das Jahr zu sein, in dem diese Praxis endgültig alles dominiert hat. Vielleicht, weil in den USA eine Regierung an der Macht ist, in der eine Menge Leute definitiv zu viel Zeit im Internet verbracht haben. Vielleicht, weil jetzt Millennials und Gen Z an allen Ecken und Enden an den Schaltern der Macht sitzen. Und weil die Postmoderne sich endgültig durchgesetzt hat: Nichts bedeutet mehr irgendetwas, alles wird endlos geremixt und dabei aus dem Kontext gerissen, und recht hat, was Reichweite generiert. Egal, was der Inhalt aussagt.
Ragebait als politische Strategie
Ich glaube, so erklären sich solche Videos: Die Dissonanz zwischen der Musik – Biggie mit seinem eher gespaltenen Verhältnis zur Staatsgewalt –, der kriegerischen Handlung, der Erniedrigung eines Staatschefs (selbst wenn er diktatorisch regiert hat und seine Macht vermutlich nicht mehr demokratisch legitimiert war), alles im Rahmen von großer Weltpolitik, ist einfach zu absurd und sprengt kollektiv unser Gehirn. Klickzahlen und Shares explodieren, Menschen wie ich an dieser Stelle schreiben Thinkpieces dazu, die Reichweite heiligt die Mittel. Da wundert es nicht, dass ein ehemaliges Mitglied der Trump-Administration, Katie Miller, ihrerseits Ehefrau von Trumps wichtigem Berater Stephen Miller, eine Karte von Grönland, eingefärbt in der US-Flagge, auf sozialen Medien verbreitet. Ragebait ist alles, und es funktioniert. So ein Post funktioniert genauso wie eine möglichst eingängige Hook, die dazu geschaffen ist, auf TikTok zum viralen Sound zu werden.
Nur: Wird das für immer funktionieren? Politik ist nicht erst seit gestern ein popkulturelles Aufmerksamkeitsbusiness geworden, seit 2025 versteckt es das allerdings nicht mehr. Aber ich glaube, irgendwann werden wir als Publikum ermüden, die immer gleichen Provokationsmechanismen werden immer weniger Reaktion hervorrufen, denn eines Tages haben wir alles schon gesehen. Es ist wie bei dem anderen großen Horrortrend des letzten Jahres, KI-Musik: Man kann schon immer mehr vom immer gleichen ins Publikum schütten. Nur bleibt irgendwann davon nichts mehr hängen. Wir sehen den Gegentrend ja auch schon in der Popmusik: Nicht jeder für TikTok perfektionierte Popsong geht auch steil, stattdessen feierten wir dieses Jahr sperrige Musik wie Rosalías „Lux“, Bad Bunnys Puerto-Rico-Elegie „DeBÍ TiRAR MáS FOtoS“ oder eben Geeses „Getting Killed“.
Was wünsche ich mir für 2026? Dass wir kollektiv dieses Ragebait-Spielchen ins Leere laufen lassen. Dass wir uns Zeit nehmen für Nuancen. Und ich wünsche mir Subversion statt Mittelmaß. Dafür höre ich mir auch nochmal Geese an.







