Aidas Popkolumne: Rap liebt KI
Zumindest scheinen es Songs wie „Rubberz“ von Fenix und „Wieso sagt ChatGPT“ von Nimi und Manuellsen uns nahezulegen. Aber warum?
Freund:innen des Pop, wir sind sowas von cooked. Als wäre es nicht schon genug, uns überlegen zu müssen, was schon KI ist, was echt – und was überhaupt noch „echt“ ist –, wird es jetzt noch wilder: Artists, die wir schon seit Jahren oder Jahrzehnten kennen, finden es aus unerfindlichen Gründen richtig cool, sich selbst durch KI zu ersetzen.
Da wäre zum Beispiel der Song „Rubberz“ des US-amerikanischen Rappers Fenix, der Rap und 80s Synths mischt und verdächtig nach KI klingt. Hat Fenix womöglich seine eigene Stimme geklont und ihr einen britischen Akzent gegeben? Sieht so aus – auch wenn Fenix es bestreitet. In Videos, mit denen er beweisen wollte, dass er diesen Song wirklich aufgenommen hat, klingt er anders, oder es ist offensichtlich, dass der Sound nicht mit der Performance am Mikro übereinstimmt.
Ist das alles ein großer Joke? Oder werden wir für dämlich verkauft? Ich weiß es nicht.
Manuellsen kollaboriert mit KI
Aber wir müssen nicht mal in die USA rüberschauen, auch bei uns hält KI Einzug im Rap. Ein besonders weirdes Beispiel, über das ich gestern in einem Video des geschätzten Kollegen Ridal Carel Tchoukuegno gestolpert bin, ist der „Rapper“ Nimi. Seit Wochen geht der Song „Wieso sagt ChatGPT?“ viral. Der Inhalt: so erwartbar wie sexistisch und heulsusig. Nimi steigt ein mit der Zeile „Wieso sagt ChatGPT, dass du eine Hure bist“, und danach wird’s auch nicht viel besser. Es geht um ein gebrochenes Herz unseres Stars, um eine toxische Beziehung, und um viel mehr dann auch nicht, denn der Song ist nicht einmal ganze zwei Minuten lang. Nur: Er kann gar kein Herz haben, denn er ist digital zusammenhalluziniert.
Nina Chuba singt den Song in ihrem Podcast, die Originalversion wurde auf Spotify mittlerweile über 1,2 Millionen Mal gehört, auf Social Media sehen wir Videosnippets, in denen „Nimi“ im Späti, in der U-Bahn (alles eher nach New York aussehend als nach Duisburg oder Neukölln), bei einer akustischen Livesession am Piano oder sogar auf einem Konzert vor Tausenden Zuschauer:innen den Song performt. Alles natürlich KI-generiert. Und dann wird’s richtig wild, denn der wahrhaftige Manuellsen, Rapper, Podcaster, NRW-Verbot-Erteiler (die Älteren werden sich erinnern), Boxer und Influencer, steigt in den Song ein und tritt auch als KI-Version in den vermeintlichen Videoclips auf.
Und im Internet läuft es, wie es immer läuft: Manche erkennen den Song als KI und rufen „Achtung, Slop!“, manche checken es nicht und verlieben sich in Nimis „Stimme“, andere erkennen den Song als KI und feiern ihn trotzdem, weil eh alles egal ist. Warum gibt sich Manuellsen für so einen Song her und macht sich zum Sidekick einer KI-Figur? Hat er so wenig Vertrauen in seine eigenen Fähigkeiten, ein Publikum zu ziehen?
Rassistische Klischees und Stereotype
Und dann gibt es noch eine ganz andere problematische Ebene des Songs, die Carel in seiner Analyse auf Instagram erklärt: digitaler Rassismus. Nimi wird als stereotypischer Schwarzer Künstler inszeniert, in stereotypischen Outfits (oder auch abwesenden Klamotten), Umgebungen und Situationen – er wird also auf Klischees über Schwarze Männer reduziert. Dass KI zu klischeehaften bis rassistischen, sexistischen, ableistischen, heteronormativen und allen möglichen weiteren -ismen neigt, ist kein Geheimnis und mittlerweile gut erforscht, KI wurde schließlich mit dem Internet trainiert – und das ist, naja, ein Film für sich.
Hinter der Kunst- und KI-Figur Nimi sollte, so hieß es zumindest eine Weile und so zitiert es auch Carel, ein Schwarzer Mann stecken – selbst wenn das wahr gewesen wäre, könnte man kritisch über die Stereotypen sprechen, die in den Videoclips verbreitet werden. Nur stimmt das wohl auch nicht, denn ein Blick in die Datenbank der GEMA, der deutschen Verwertungsgesellschaft für Musik, zeigt: Songautor und -produzent ist Askin Mertcan Acar, Tiktoker und aspiring Influencer, der vielleicht eine familiäre Migrationsbiographie hat, hier aber wohl ein wenig „digital blackfacing“ betrieben hat. Darunter versteht man, dass sich jemand als Schwarz darstellt, obwohl er es gar nicht ist, wie es Carel in seinem Video erklärt. Und nicht nur ich habe diesen Verdacht, sondern auch die Kolleg:innen vom BR, die bei ihrer Recherche für das Format „Puls Musikanalyse“ zum gleichen Ergebnis gekommen sind. Acar hatte den Song unter seinem anderen Künstlernamen „Babymoench“ veröffentlicht, da ging er noch nicht so steil. Erst mit der Figur des Nimi scheint der Track wirklich viral gegangen zu sein – vielleicht, weil Stimme und Produktion „glatter“ und „perfekter“ klingen, vielleicht, weil die Figur des Nimi mit all seinen Klischees erwartbarer und damit auch vermarkt- und konsumierbarer wirkt.
Was es noch absurder macht, dass Manuellsen sich auf dieses Feature eingelassen hat: Schließlich erteilte er einst Bushido und Fler NRW-Verbot, weil die sich rassistisch oder diskriminierend gegenüber rassifizierten Kollegen geäußert hatten. Aber jetzt ist ein bisschen digitales Blackfacing okay? Seltsam.
Warum also lassen sich ausgerechnet Hiphop-Künstler:innen auf KI-Ausflüge ein, warum ersetzen sie sich selbst durch KI-Halluzinationen, gerade in einem Genre und einer Szene, in der es um Realness und Authentizität geht? Vielleicht, weil für viele genau diese Realness zu einer leeren Worthülse verkommen ist. Vibe und Scheine sind alles, Realität nichts. Dann doch lieber Hure als ChatGPT.






