Aidas Popwoche: Sommer, Sonne, Pop und Freude
Während ihr das hier lest, liegt Aida hoffentlich am Strand. Und will doch nur ein bisschen Spaß.
Hallo von dem neuen Platz im Redaktionskalender – Linus und ich haben die Plätze getauscht, und so habe ich seit dieser Woche die Ehre, mich mit Paula Irmschler alle zwei Wochen abzuwechseln. Wohooo! Und auch ein sommerliches Hallo aus dem Urlaub: zwei Wochen Mittelmeerstrand und Sonne auf meine Plautze (natürlich nur eingecremt mit LSF 50, eh klar!). Keine Nächte, die ich mir im Dienste der Musik um die Ohren schlage, kein Freelancer-Hustle – und vielleicht schaffe ich es ja sogar, nicht den ganzen Tag an den Nachrichten zu kleben? Naja, wir wollen’s mal nicht übertreiben.
So richtig abzuschalten fällt mir schwer – nicht nur, weil ich nicht der Typ dafür bin, sondern auch, weil es die Welt gerade nicht hergibt. Wie soll ich als Tochter iranischer Einwanderer:innen abschalten können, wenn im Heimatland meiner Eltern unschuldige Menschen hingerichtet werden und gleichzeitig Krieg in der ganzen Region herrscht? Wie sollen wir abschalten, wenn auch bei uns die Zeiten immer schwieriger werden: mit einer Pflegereform, die ich als Berufsjugendliche einerseits versuche zu ignorieren, der mir aber andererseits schon den Angstschweiß kalt den Rücken runterläuft; mit einem Kanzler, dessen Performance sich vor allem dadurch auszeichnet, dass er sich in Publikumsbeschimpfung übt. Und dann wären da noch die anstehenden Wahlen in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und natürlich auch meiner Wahlheimat Berlin.
Mit Gelli Haha in andere Welten
Dabei wäre es genau deswegen wichtig, auch mal einen Gang runterzuschalten, denn Pausen sind wichtig, um Kraft zu haben, irgendwie weiterzumachen. Und Pausen müssen ja auch nicht immer die Form vom faulen Tag am fernen Strand haben oder ein Wellness-Retreat sein. Meistens reicht mir auch ein Hangout mit meinen Freundinnen, bei dem ich eine viel zu gute Zeit habe, um auf mein Handy zu gucken; eine Nacht im Club, bei der ich meinen Körper und meinen Geist aus der kapitalistischen Verwertungslogik rausschiebe und meine Muskeln müde tanze; oder ein richtig gutes Konzert, das mich in eine andere Welt befördert.
So ging es mir vor ein paar Tagen beim Auftritt von Gelli Haha, einer in LA lebenden Künstlerin, deren Album „Switcheroo“ letztes Jahr ein bisschen an mir vorbeiging. Aber was für ein Fehler! Erstens macht ihr Synth-Pop einfach nur Spaß, zweitens wabert er irgendwo zwischen Humor, Confessional und geradezu schmerzhafter Sehnsucht – wer sonst würde „Tiramisu“ auf „I miss you“ reimen?! Die Show war ein wilder Ritt durch Zirkusnummern und surreale Space-Age-Performance und damit wahrscheinlich das außergewöhnlichste Konzert, das ich zumindest seit langer, langer Zeit gesehen habe.
Aber außer meinen Freundinnen und mir waren so gut wie keine Journalist:innen da, und ausverkauft war das Konzert auch nicht – obwohl Gelli Haha und vor allem ihre durchgedrehten, einzigartigen Shows auf der anderen Seite des Atlantiks gerade einer der absoluten Geheimtipps unter Journalist:innen und Musiknerds sind. Das kann viele Gründe haben, liegt aber leider oft daran, dass ein solcher Hype sich nur noch übersetzt, wenn eine Marketingagentur richtig Geld hineinkippt. Virale Hits entstehen organisch nur noch selten.
James Blake teilt gegen Musikjournalismus aus
Damit wären wir beim Thema der Woche: James Blakes Rant über Musikjournalismus und das Business. Blake hat am Dienstag auf Instagram einen Rant rausgehauen, in dem er KI-Musik, Clipfarming wie von der Agentur Chaotic Good für Geese und Fake-Fans, verzerrte Listener-Zahlen durch Bots und angeblich bezahlte Musikjournalist:innen in einen Topf geworfen hat. Wo er bei den meisten Punkten recht hat, wird es unfair gegenüber den wenigen verbliebenen Musikjournalist:innen, die für wenig Geld noch versuchen, ihren Job so gewissenhaft wie möglich zu machen. Wo Geld von Labels direkt fließt, sind Musik-Influencer:innen am Werk – aber im Modebereich wissen wir zum Beispiel, dass kritischer Modejournalismus und Influencing zwei unterschiedliche Dinge sind. Warum sind wir bei Musik noch nicht so kritisch? Das bedeutet nicht, dass Accounts wie etwa der tolle Trackstar einen schlechten Job machen – nur ist es ein anderer als der von uns hier. Schade, dass ausgerechnet James Blake den Unterschied nicht erkennt, dessen Karriere maßgeblich von Kritiker:innen ermöglicht wurde, wie die Kolleg:innen von Drowned in Sound aus dem UK schreiben:
Ganz unrecht hat James Blake trotzdem nicht: Wir befinden uns in einer Medien- und damit auch Musikwelt, in der wir nur noch wenig vertrauen können und in der weniges noch wirklich „echt“ oder „Zufall“ ist. Wochenlang haben wir beispielsweise darüber debattiert, ob Geese eine „Psy-Op“ ist, wie das US-Magazin Wired schrieb, und ob ihr spektakulärer Aufstieg der oben schon erwähnten Chaotic Good zumindest teilweise zuzuschreiben ist. Und plötzlich, nur wenige Wochen später, scheint das Thema völlig vergessen und jeder kritische Gedanke wie weggeblasen – als KitschKriegs „Du bist gut genug“ von US-amerikanischen Accounts abgefeiert zu werden schien, wie Kollegin Paula bereits in ihrem Text letzte Woche geschrieben hat. Wissen wir, ob dahinter eine gezielte, gesteuerte Kampagne lag? Nein. Aber einzelne Hinweise sind da: ein Song, der wie über Nacht in ganz anderen Bubbles als den eigenen viral zu gehen schien, kein nachvollziehbarer, langsamer Aufbau – auf Plattformen, auf denen Viralität kaum noch organisch zu erreichen ist. Macht das den Song schlechter? Auch nein. Doch gerade in einer Medienumgebung, in der man kaum noch den eigenen Augen oder Ohren trauen kann, ist es wichtig, kritischer denn je zu sein. Und Paulas Text zu lesen, eh klar.
Atemlose Berichterstattung übersieht zu viel
Außerdem sorgt die atemlose Berichterstattung über den Song und seine Rezeption in den USA dafür, dass dabei ganz andere Themen übersehen werden. Zum Beispiel, dass mit Skee Mask ein elektronischer Musiker in den letzten Jahren in den USA richtig erfolgreich war, ohne allerdings eine Promoagentur hinter sich zu haben, die im deutschen Vorabendfernsehen anruft und ein Feature platziert. Oder dass Bands wie Kraftwerk, die Einstürzenden Neubauten oder The Notwist – um nur einige zu nennen – schon seit Jahrzehnten internationale Musik geprägt haben.
Darüber kann man natürlich bitter ranten wie James Blake – oder sich daran erinnern, dass Musik trotz allem, trotz Fake-Fans und womöglich gesteuerter Viralität, vor allem Spaß machen sollte. Und uns in diesen Zeiten Kraft geben, um weiterzumachen.
Also mache ich Gelli Hahas Album „Switcheroo“ heute Abend in meiner Unterkunft an und werde wie ein Flummi durch den Raum hüpfen. Abhauen ins Weltall ist keine Option – aber ins Gelliverse abhauen, das würde uns allen gerade mal ganz gut tun.






