Album der Woche

Arlo Parks Collapsed In Sunbeams


PIAS/Transgressive/Rough Trade (VÖ: 29.1.)

von

„Wouldn’t it be lovely to feel something for once“: Supertraurige Sätze wie diesen in tiefenentspanntem Sound rüberzubringen ist ein kennzeichnendes Merkmal von Anaïs Oluwatoyin Estelle Marinho alias Arlo Parks. Die Songs der 20-jährigen Westlondonerin mit französischen und nigerianischen Wurzeln sind in Musik gegossene Achtsamkeitsübungen, nur ohne kitschige Wandtattoo-Slogans.

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Parks’ Ansatz ist zugewandt, aber pragmatisch: Nimm deine Medizin, singt sie mit beruhigender Stimme in „Black Dog“, ich bringe dir was zu essen. Als der sparsam instrumentierte, sowohl Folk- als auch Soul-inspirierte Track (benannt nach Winston Churchills Geheimwort für seine Depressionen) im Frühsommer 2020 herauskam, schien er all diejenigen direkt anzusprechen, die unter der pandemiebedingten Isolation besonders litten.

Die Kraft der Literatur wird immer wieder beschworen

Doch der offene Umgang mit psychischen Problemen prägte schon Parks’ erste Veröffentlichungen inklusive der EP „Supersad Generation“ von 2019, die ihr viel Lob und prominente Fans wie Billie Eilish, Phoebe Bridgers und Florence Welch einbrachte. Und kürzlich coverte die britische Band Cassia ihren Song „Hurt“, aus dem das Eingangszitat stammt – keine schlechten Referenzen für eine Newcomerin.

Den Titel ihres Full-Length-Debüts fand sie in Zadie Smiths Roman „On Beauty“, überhaupt wird die Kraft der Literatur auf COLLAPSED IN SUNBEAMS immer wieder beschworen: „You know I bought a couple books I think you’d like just hold on for tonight“, heißt es in „For Violet“, in „Eugene“ ist es für die queere Ich-Erzählerin ein Vertrauensbruch, dass die geliebte Freundin dem blöden Typ Sylvia Plath vorliest. „I thought that that was our thing / You know I like you like that / I hate that son of a bitch.“

So derb wird Arlo Parks allerdings nur selten. Das Album beginnt zwar mit einer kurzen Spoken-Word-Passage, die Nähe zu Kate Tempest oder Mike Skinner herstellt, aber deren Wut wird durch Weichheit und Durchlässigkeit ersetzt. Ihre Fähigkeit, anderen zuzuhören und sich in sie hineinzuversetzen, sei ihre „Superpower“, verriet Parks unlängst in einem Interview. Vielleicht ist ihre Musik deshalb so entspannt, ein Antidot, eine kuschlige Decke, die sich um die heftigen Inhalte legt: „Caroline“ zum Beispiel handelt vom gewalttätigen Streit eines Paares auf offener Straße, doch der Song ist leichtfüßiger Soulpop, zu dem man ganz beschwingt mitpfeifen und -tänzeln kann.

Ein zärtlicher Flow aus R’n’B, TripHop und Bedroompop

Auch „Just Go“ könnte ein fröhlicher Radiohit sein, wären da nicht die bitteren, an die unehrliche Exfreundin gerichteten Zeilen: „Can’t forget her necklace in the backseat of your car.“ Stilistisch von Portishead, Elliott Smith und Earl Sweatshirt beeinflusst, entwickelt Parks ihren eigenen, zärtlichen Flow aus R’n’B, TripHop und Bedroompop zur Folkgitarre, die sie seit Kindertagen spielt. Wie man Beats baut, hat sie sich als Teenie mit der Software GarageBand selbst beigebracht, und auch, wie man an den passenden Stellen jazzige Bläser einbaut. Eingängig und fluffig kommen die Tracks daher, erinnern stellenweise an New-British-Soul-Künstler*innen wie Lianne La Havas oder Rox, und doch ist Arlo Parks ganz anders.

An Selbstdarstellung ist ihr nicht gelegen. Sie kennt die Codes – sehr stark ist ihr (leider) einziger Rap-Part am Ende des Albums –, weiß aber auch, dass Coolness in emotionaler Not nicht hilft. Arlo Parks reicht dir die Hand und sagt, es ist nicht alles gut, aber lass uns drüber reden. Es gibt Hoffnung, auch für dich. Und okay, einen Wandtattoo-Spruch bringt sie doch: „Making rainbows out of something painful“, singt sie in „Portra 400“, aber wir alle können etwas Hoffnung doch gerade gut gebrauchen.

„COLLAPSED IN SUNBEAMS“ im Stream hören:


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