Attacke Azteka: Airen und Norteños

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Das ist jetzt wirklich der allerübelste Scheiss. Seit ich vor vier Jahren das erste Mal diese Musik zu hören bekam, musste ich mir bestimmt schon an die 500  Norteños antun. Nicht einer hat sich von dem ersten unterschieden.

Norteños könnte man auch auf deutsch übersetzen und im Musikantenstadel playbacken lassen ohne dass es irgendjemandem auffiele. Es ist billigste Volksfest-Stimmungsmucke, schmachtend, jämmerlich, mit eintönigen Melodien. Der immergleiche Zweiviertelbass, um-tscha, um-tscha, die verstimmten Saxophone, der schräge, falsche Gesang, der immer wieder die aber auch wirklich exakt gleiche Melodie verhunzt. Dazu das frenetische Geklatsche irgendwelcher Besoffener im Hintergrund.

Man kennt das ähnlich schlecht aus der Alpenregion und das ist auch schlüssig: Mexiko wurde im 19. Jahrhundert von einem österreichischen Kaiser regiert. Maximilian I. wurde 1867 in Queretaro standrechtlich erschossen, aber das verhängnisvolle Vermächtnis dümmlicher Alm-Schnulzen lebt bis heute in Mexiko weiter. Festgesetzt hat sich dieser Stil vor Allem in den nördlichen Bundesstaaten, daher auch der Name „Norteño“. Erschreckend finde ich immer wieder, dass diese Musik hier auch von so vielen jungen Menschen gehört wird. Schamlos stehen da irgendwelche tättowierten Rocker im SUV neben dir an der Ampel und lassen diese Rührschinken aus den Boxen. Ich sag zu den Leuten auch immer: „Ey Alter, merkst du nicht? Der singt falsch!“ Feelingmäßig geht da bei mir gar nix ab. Billige Schema-F-Musik, die auf vorhersehbare Weise auf die Tränendrüse der schlichteren Gemüter drückt.

Eigentlich. Gäbe es da nicht eine interessante Untervariante:

Die Narco-Corridos  

Auch wenn diese Musik formal zur unsäglichen Musica Norteña gehört, habe ich noch nie einen falsch gesungenen Corrido gehört.

Worum gehts? Kleine Saiten- und Bläserbands verherrlichen die Großtaten ansässiger Großdealer. Um Mut und Eier geht es da viel, um abgeschnittene Köpfe, Maschinenpistolen und Todesverachtung. Denn der Drogenlord XY scheisst sich ja auch gar nichts und mit sagenhafter Verwegenheit führt er Polizei und Feinde an der Nase herum. Es dreht sich um Muskeln, Mut und Millionen; reine Drogen, listige Deals und einen ganzen Haufen Kohle. Die Bands schlagen sich damit meist auf die Seite eines bestimmten Kartells und oft genug werden Gruppenmitglieder zu prestigeträchtigen Opfern der Gegenseite und dann auch extra mit Eiern im Maul oder frisch gehäutet an großen Straßenkreuzungen präsentiert. Hey, aber Hauptsache die Mucke stimmt, und die plätschert weiter fröhlich nach vorne.

Und was sagt Airen so zu mexikanischer Musik á la Cumbia und Mariachi? Außerdem bekam Airen in der letzten Woche auch noch Besuch von der lieben Verwandtschaft.


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