Attacke Azteka: Time To Chill

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Und da ist er wieder: Der friedvolle Moment gnädiger Marihuana-Sedierung. Da liegt die Plastiktüte mit dem faustgroßen Grasstengel neben dem Laptop, da zerbrechen die Zigarettenschachteln rechtwinklig auf der Stickdecke, da fallen die Schatten langsamer, da riecht es… hier… auch…. gleich… ein bisschen mehr nach Mar und Caribe bei mir im Zimmer, yeah, und die Palmen wehen im Wind.

Asian Dub Foundation hypnotisieren mich weiter, ziehen mich tiefer in den Raum, coole Stimme, schöne Boxen auf dem Tisch, “Rebel Warrior” läuft da gerade auch im OXXO-Markt, wo der Film anläuft und ich ziemlich klar noch die Indio-Kaguama kaufe. Total überdrehtes Licht an der Kasse. Überschminkte Mexi-Tussi zieht hektisch die Pulle über den Scanner und sucht zwischen den Schachteln und holt die weißen Camels hinter sich aus dem Regal.

Pralle Hitze. Schwarzes Leder unter der Scheibe Mann, dann fährt dir die Mittagssonne erst so richtig ein. Dann wirkt das erst so wirklich echt, die ganze Galapagos-Aktion, das ganze Operieren auf tropischen Breiten. So steckst du erst die ganzen surrealen Seitenhiebe weg, die Verhexungen, den bösen Zauber: immer sich voll hingeben diesem Land, Tempi missachten, mal atmen zwischendurch. Samstagmittag, wenig zu tun. Die kichernde Oma im Auto, Lily irgendwie im Kampf mit dem Kind. Rundherum das überbunte Mexiko-Chaos. Die stechende, senkrechte Mai-Sonne blitzt vom Lack meines Autos. Spitze Strahlen aus Spiegeln und Chrom und Lackierung. Rundum Werkstätten und Labore. Ziemlich sanfter Siesta-Wind jetzt hier unten. In Mexiko. Vormittag. Mal warten, bis paar Schuppen über den Moment gewachsen sind. Ich stehe unter einer riesigen Palme, und der hohe, majestätische Schatten ihrer Krone fällt genau auf den Maverick runter. Blaues Eisbeben. Genau in der mörderischsten Mittagshitze. Aber das war vorher. Jetzt stehe ich in der prallen Sonne vor dem OXXO-Supermarkt, ein unscheinbarer Eingang, Mörderhitze, Gatorade-Werbung, das Surren der Klimaanlage, der Eisanlage, tagein, tagaus werden da in der Hitze Cuernavacas Eis und Bier gekühlt, so kauft also Lily jetzt dort eine gekühlte Flasche Indio-Bier, sitzt dann wieder neben mir am Rand des Boulevard Canahuac und ich habe diese frische Pulle Bier zwischen den Eiern und werde von Strahlen aus allen Ecken geblendet. Es ist halt echt richtig fickende Mittagshitze, time to chill, zu heiß für alles, Hitzefrei, Zeit für Siesta.

Rein also nach hause, Computer anschließen, Hirn anschließen, Sound anschließen, Gras anschließen, Tür abschließen.

Neuer Track auf der Playlist: neuer Schub auf dem Level-Generator. Links dann aber auch voll cool: Der Blick aus dem Arbeitszimmer ist echt paradiesisch – erst das verschnörkelte Metallgitter vor den beiden Eckfenstern, da kann ich links und geradeaus zugleich rausschauen, der ganze Horizont voll mit grünen Blättern und Palmstauden. Blühende Bougainvillea ragen über die Mauer, das leuchtende Violett ihrer Blüten das inoffizielle Wahrzeichen von Cuernavaca. Dann Palmen und Büsche und Sträucher. Dahinter ein Ziegelhaus. Vögel zwitschern. Vögel sind hier das ganze Jahr da. Der Elektriker unten bettelt um ein Bier. Es ist der Vater von Lilys Stiefmutter, zuletzt war er zwei Jahre verschwunden, untergetaucht auf der Straße, saufend, alle hatten ihn schon für tot gehalten, und jetzt ist er wieder da und repariert elektrische Maschinen. Also hat ihn Lily zum Reparieren von Waschmaschine, Ventilator und Wasserpumpe nach Cuernavaca einbestellt. Eine Dose nur, damit er Hunger bekommt. “FM4 Liquid Radio” und saulangsame Beats fallen bröckchenweise aus dem Lautsprecher. Dann schleicht sich der 4/4-tel an. Die Palmen nicken : “Okay!”.


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