Highlight: Die 50 besten Songs des Jahres 2017

Tour-Tagebuch

Auf Tour mit Tocotronic – Tag 4, Erlangen: Der Knoten ist geplatzt

Nach dem Konzert steht die verrauchte Luft im Backstage. Tocotronic in Erlangen, das war eine „dunkle Messe“ (O-Ton Paul), eine Prozession des Rock’n’Roll: Das Publikum deutlich jünger als an den ersten drei Tagen, betrunkener, selbstvergessener. Vor der Bühne Moshpit, in die Luft gereckte Arme. Manchmal ist das Publikum lauter als Dirk. Band und Menschen vor der Bühne schwitzen gemeinsam und die Tocos spielen sich durch ein herrlich rockiges Set, in dem ein paar kleine Fehler (Verstimmte Gitarren & vertauschte Strophen) egal sind, einfach weg gelächelt werden, sympathisch sind. Band und Publikum, die Crew hinter der Bühne, alle werden zu einer funktionierenden Einheit, zu einem Organismus. Tosender Applaus. Und dann: „Freiburg“. Langsam, schwer, – „Fahrradfahrer dieser Stadt, ich weiß nicht warum ich euch so hasse“ – und alle schreien mit, Fäuste in der Luft, Euphorie, Glück.

Bandmitglieder, skatend in Erlangen

Irgendwann in den 2000ern habe ich Tocotronic in der Roten Flora in Hamburg gesehen. Da habe ich noch in Ostfriesland gewohnt. War ein Solikonzert für den Erhalt der Roten Flora. Dieser Konzertabend in Erlangen ist der bestmögliche Export der Roten Flora nach Franken: Ein Gefühl von kollektiver Solidarität, ein Miteinander wider dem gesellschaftlichen Gegeneinander. Die Rote Flora steht noch immer. Trotz allem. Und seit heute ist klar: Olaf „Hafengeburtstag“ Scholz drückt sich vor einem erneuten Wahlkampf in Hamburg und wird von seiner Partei wegbefördert für den Mist, den er im Sommer angestellt hat. Hätte mir das jemand erzählt, als während des G20-Gipfels das GSG9 die Wohnung meiner Schwester mit Maschinengewehren im Anschlag gestürmt hat, weil sich auf dem Dach ihres Mietshauses angeblich ein bewaffneter Mob verschanzt hatte, der noch in dieser Nacht die Regierung stürzen wollte, hätte ich ihn mit großer Wahrscheinlichkeit für verrückt erklärt. Während die Situation in den Straßen Hamburgs eskalierte, saß Bürgermeister Scholz in der Elbphilharmonie (Die Hamburger nennen diesen 700-Millionen-Euro-Bau inzwischen liebevoll „Elphi“) und zog sich Beethovens Neunte rein. Die Split-Screen-Bilder gingen um die Welt: Links Trumpmerkelscholz im Konzertsaal, rechts die brennende Stadt. Roland Emmerich kann es noch immer nicht fassen, dass ihm das nicht eingefallen ist. Nach dem Gipfel: Keine Fehler in der Einsatzplanung, keine Polizeigewalt, keine Diskussionen, alles in Ordnung, zurück zur Tagesordnung. War ja schließlich niemand gestorben. Und die Moral von der G’schicht? Scheiß egal, was du für einen Wahnsinn verzapfst – die Konsequenzen musst du als Spitzenpolitiker sowieso nicht tragen. Sondern wirst Vizekanzler in einer Koalition, die deine Partei nach der Wahl noch kategorisch ausgeschlossen hat. Und am Ende wundert man sich dann, dass die Leute keinen Bock mehr auf etablierte Parteien haben und die Biege nach Rechtsaußen machen.

In Erlangen verdient die Backstage-Party endlich ihren Namen

Feldreport von Ilgen: Dirk ist Widder, Rick Krebs (chinesisches Sternzeichen Metallhund – engl. Metaldog, fucking hell!) Jan Zwilling, Arne Löwe. Morgen ist Offday, die Backstage-Party verdient daher heute zum ersten Mal ihren Namen. Alle sind da – außer Dirk, der muss Kräfte schonen und ist direkt ins Hotel. Alle anderen machen den Kühlschrank leer, morgen ist frei, übermorgen Erfurt.

Heute schlafen wir bei Armin – dem anderen Teil von Laurens Band LBKK – in Fürth. Das Haus unseres Gastgebers ist ein verwunschenes Einfamilienschloss, überall stehen weiße Sneaker, Vintage-Gitarren und Verstärker. Schallplattenstapel stapeln sich auf dem Fußboden. Armin liebt Musik, spielt in mehreren Bands und verdient sein Geld als KFZ-Werkstattmeister. An seinem Küchentisch gründen wir a) die Punkband Spalt (benannt nach einem Pils – Titel des Debütalbums: „Sex is sexy“), definieren b) aus, welches die besten fünf Toco-Alben sind (1. „KOOK“ 2. „Weißes Album“ 3. „Digital ist besser“ 4. „Wie wir leben wollen“ 5. „Pure Vernunft darf niemals siegen“) und rufen c) zwischen drei- und viermal die Weltrevolution aus. Der Vorrat an Rotwein scheint unerschöpflich und die Zigaretten brennen lichterloh. Irgendwann fallen wir trotzdem ins Bett.

„Paul, wenn du ein Tier wärst, was wärst du?“ „Halt die Klappe“-Simon: „Ich wäre ein Erdmännchen.“ Laurens: „Ich wär ne Hummel. Ne schnelle Hummel.“

Auf Tour mit Tocotronic – Tag 1, Bremen: Smells like Frühling

Tammo Kasper

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