Ben Kweller: Changing Horses

von

Ben Kweller hat es nicht leicht. Zumindest aus kommerzieller Sicht. Zu seinem Pech kennen ihn viele nur durch Adam Green, weil dieser es zuließ, Kweller auf dem Beach Boys-Cover „Kokomo“ ein paar Zeilen singen zu lassen. Seitdem ist er zwar in die Adam Green-Freundschaftsliste aufgenommen, richtige Popularität hat er dadurch nicht erlangt. Vielleicht ist das Typenfrage. Während Adam Green nie davor zurückschrak, auf jeder Platte künstlerische Anarchie zu vertonen, sich auf Privatsendercouches zu räkeln, de facto, trotz all wohl kalkulierter Verplantheit, ein gewisses Vermarktungskonzept anzuwenden, blieb Ben Kweller auf dem Status des „netten Jungen von Nebenan“ sitzen. Es wäre unfair, Kweller das anzulasten, so steckt doch jeder in seiner selbst gewählten Rolle. Der Vergleich mit Adam Green ist trotzdem nachvollziehbar, da die musikalische Sozialisierung offenbar starke Parallelen aufwies.In der Frühphase beider Songwriter atmeten die Songs die Aura des Postgrunge, mit einer Tendenz zum Lofi-Punk, nur die Freakfolk-Albernheit hat Kweller ausgelassen. Adam Green gelang der Quantensprung von den recht unstrukturierten Ergüssen seines Solodebüts zu der, zumindest auf musikalischer Ebene, enorm reifen Platte „Friends of Mine“. Und wer mit knapp 20 einen Song wie „Jessica“ schreiben kann, hat Annerkennung verdient. Bei Kweller, seit jeher mit dem Melodieverständis im Referenzbereich eines Ben Folds oder Weezer gesegnet, vollzog sich die Entwicklung langsamer. Während sich Adam Green stets darum bemüht, auf jeder danach folgenden Platte begierig jedwede musikalische Inspirationsquelle aufzugreifen und die Stimmungen von Song zu Song zu ändern, verfolgt Kweller deutlich konventionellere Konzepte. Leichte Abnutzungs- erscheinungen haben sich bei Adam Green bereits auf seiner letzten, sehr ehrgeizigen Platte SIXES & SEVENS gezeigt. Die Eigenständigkeit hat sich Green durch seine musikalische Offenheit erarbeitet, nur geht seine schiere Experimentierwut auf Kosten der Kohärenz. Der Wechselkurs seiner Songs nimmt immer rasantere Züge an, das führt zu Übereizung, und die Gefahr der Übersättigung schwingt unvermeidlich mit. Dies könnte sich langfristig zum Vorteil Kwellers erweisen.Eine Platte wie CHANGING HORSES brauchte wohl diese Zeit. Sein letztes, selbstbetiteltes Album ließ sein Poptalent hell erstrahlen. Die an sich feinen Songs wurden durch die aalglatte Produktion allerdings ein wenig neutralisiert. Wer eine Platte wie CHANGING HORSES aufnimmt, will nicht ins Fernsehen. Fast rührend ist, wie er die neuen Stücke in fein eingwebte Country- strukturen überführt und dabei so authentisch bleibt. Fernab der Texas-Trucker-Schiene hat Kweller eine lupenreine Countryplatte aufgenommen, die auch durch die passenden Texte einen gewissen Konzeptalbumanstrich erhält, sich aber ihren zeitlosen Charakter bewahrt. Langsam taucht man ein in diese unprätentiösen, im Kern immer sehnsuchtvollen Lieder. Nebenbei wird deutlich, dass Kweller ein noch besserer Geschichten- erzähler geworden ist. Für das Auswanderdrama „On Her Own“ würde man ihn in einer besseren Welt mit Preisen überschütten. Sei es drum.Man mag CHANGING HORSES zunächst beiseite legen, da der innere Schweinehund sich gegen die scheinbare Berieselung von Countrysongs sperrt, doch ist dieses Problem überwunden, wird man schnell glücklich. Größtenteils spartanisch instrumentiert führt Kweller sein Können vor. Das durch dezente Streicher- arrangements angereicherte „The Ballad Of Wendy Baker“ drückt auf die Trändendrüse, während er es im grandiosen Boogiestück „Sawdust Man“ rumpeln lässt und subtil aber doch erkenntlich „Let’s Spend The Night Together“ zitiert. Schwächen hat CHANGING HORSES nur dort, wo der Countryschmalz ein wenig zu sehr tropft und ihm wie in „Wantin Her Again“ kurzzeitig die Ideen ausgehen. Den sehr positiven Gesamteindruck kann das jedoch nicht trüben.Video:

Kai Wichelmann – 17.04.2009


Ausbeutung von Ghostwriter*innen – Shirin David antwortet auf schwere Vorwürfe
Weiterlesen