Bianco on the rocks


Jeder hört’se, keiner kennt’se — Matt Bianco, ein wohlgestyltes Blümchen, das klammheimlich in den Charts Wurzeln schlug. „Whose Side Are You On?“ hielt sich dort über ein Jahr lang. Und trotzdem: kaum Interviews, vage Assoziationen von Cocktail und Jazztrend. Und dann hat dieser Sänger da doch mal bei Blue Rondo gespielt. Kurz: Genaues weiß man nicht.

Das „Gerücht“ Matt Bianco soll nun also live, d.h. höchstpersönlich vor Publikum Farbe bekennen. Die MIDEM-Gala gab nicht mal einen Vorgeschmack: Mark Reilly mit nervöser Gestik und schwacher Intonation zum instrumentalen Play-Background („Ich konnte mich nicht hören, bekam kein Feeling für die Songs. Es machte keinen Spaß“). Oder kann er etwa gar nicht singen? Bei Blue Rondo bekam er sein Geld jedenfalls fürs Gitarrespielen. Um dann bei Matt Bianco rundum erfolgreich den Ton anzugeben: Mark schrieb, sang und produzierte. Ein Perfektionist mit Phantomband?

Keyboarder Danny White und Sängerin Basia sprangen nach dem LP-Debüt ab (ein Solo-Projekt ist im Werden). Fließnder Personalwechsel ohne häßliche Gefühle. Bei „Yeh Yeh“ („Ich glaube, Georgie Fame ist stinksauer; dabei hat er das Lied nicht einmal geschrieben.“) waren schon die Nachfolger am Werk: Zweitstimme Jenny Evans und Mark Fisher., Tastenmann der Funk-Band Second Image.

Eine Wachablösung, die man dem Sound kaum anmerkte — mal ganz zu schweigen von der kompletten Verwirrung, als für die Playback-Promotion eine gewisse Shirley Lewis „Yeh Yeh“ mimen durfte, weil sich Jennies Bauch mittelfristig rundete.

Mittlerweile herrschen endlich klare Verhältnisse: „The two Marks“ bilden den „Nucleus“. Sie schreiben, arrangieren und produzieren. Wer sonst noch mitmischen darf, hängt ganz von den jeweiligen Songs ab. Und die bewegen sich auf der neuen LP (die schlicht wie die Band heißt) mal wieder zwischen Latin und Jazz. Plus ein wenig R&B (Vorabsingle „I Just Can’t Stand 1t Anymore“). Lauter tanzbare Ohrwürmer von zwei Herren, die sich nun mal gerne Latin-Jazz anhören und im Moment auch nicht viel anderes spielen mögen — im Pop-Gewand, versteht sich.

„Die Freiheit, immer wieder andere Leute einzusetzen, ist uns sehr wichtig. Der eine ist eben Spezialist für dies; der andere kann jenes gut. “ Mark und Mark wollen die Entwicklung fest in der Hand behalten — und geben sich ansonsten unberechenbar: „Kein Konzept. Gut ist, was am besten klingt. “ Und was sich dabei hochbezahlt macht: „Hätten wir straighten Jazz gespielt, würden wir nichts verkaufen. Harte Dance-Sounds sind wichtig, damit unsere Musik kommerziell bleibt. „

Eine Jazzcombo zu sein, hat Matt Bianco ja nun wirklich nie beansprucht.

Live soll die Vorliebe für Swing und Improvisationen aber unüberhörbar werden: „Wir wollen die Songstrukturen aufbrechen. Es wird sicher mehr Soli geben. “ Was noch? Trompete und Sax, Percussion, Keyboards und Female Vocals (je hoch zwei) plus Baß, Drums und Mr. Reilly himself on the microphone.

Also ging man auf die Suche nach „Spezialisten für Alles“. Fest gebucht wurden neben Jenny Evans zum Beispiel Ronnie Ross (Sax-Veteran, der schon auf Lou Reeds „Wild Side“ zugange war) und Steve Sidwell (setzte in Cannes die Attrappen-Trompete zu früh an).

Mark Fisher hofft auf Besucher fast jeglichen Alters und auf eine aufgekratzte Dancefloor-Stimmung. Worauf es bei der Tour im April sonst ankommt? Na, die Credibility möchte bitteschön sprunghaft steigen. Fans der Musik sollen die Band lieben lernen.

In diesem Zusammenhang sei ausgeplaudert, daß Mark Reilly mehr der schüchterne Lederjackenträger von gegenüber ist. als die meisten vergoldeten Popgrößen, denen dies unentwegt nachgesagt wird. Mit alten Freunden versteht er sich immer noch am besten. Bei allem Wissen darum, daß ohne Style kein Pop zu veranstalten ist. paßt er besser in den Pub als in die obligatorische Neonbar.

„Es kommt darauf an, wie man etwas präsentiert. Man kann auch Jeans mit Stil tragen. “ Auch wenn er’s ausschließlich privat versucht.

Daß die mondäne Aura Matt Bianco auch herbe Trend-Vorwürfe einbrachte, ärgert einen Musiker, dem nichts wichtiger sind als „Songs to remember“: „Warum soll man nicht gut aussehen und trotzdem…“

Bereuen tut er, daß die erste LP manchmal zu kalkuliert war (kein Wunder —- bei zwei Jahren pränataler Bastelarbeit!). Und daß Songs wie „Sneaking Out The Back Door“ denn doch allzu „poppy“ gerieten. Zum Live-Repertoire werden eh nur noch drei oder vier Titel von WHOSE SIDE ARE YOU ON gehören. Der neue „direktere“ Stoff soll dominieren, erweitert vielleicht um eine Cover-Version.

Und damit das ein für alle Mal klar ist: Die Fine Young Cannibals werden nicht als Vorgruppe auftreten. Mark ist zwar nicht mehr so richtig sauer über die Ladung Yoghurt, mit der ihn der Kannibalen-Gitarrero Andy Cox (linksdrehend) vor versammelter M1DEM- und TV-Zuschauermannschaft entstellte. Aber da hört für ihn doch immer noch jeglicher Spaß auf: „Es war nicht komisch. Ich weiß, daß er es aus einem blöden Grund getan hat. Der Sieger sollte was abkriegen. Jennifer Rush wäre ihm um liebsten gewesen. Und das ganze aus mangelndem Respekt vor der Gala. Andy Cox fand die ganze Veranstaltung beschissen. Sowas ist blödsinnig arrogant. „