Brian Wilson wird 70 Jahre alt

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„Ladies and gentleman, from Hawthorne in California „The Beach Boys!“ Eine altbekannte Konzertansage von einer altbekannten Live-Platte aus dem Jahre 1964? Nicht nur, sondern auch die Ankündigung eines Beach-Boys-Konzerts im Dezember 1977 im Inglewood Forum zu Los Angeles. Wolfgang Bauduin war dabei und hatte anschließend große Schwierigkeiten, etwas über das Leben der Strandjungs anno ’78 herauszufinden….

Der Name „California“ besitzt seit gut 150 Jahren eine wahrlich magische Anziehungskraft. Ganz früher besaßen die Mexikaner die Region zwischen Eureka und San Diego und bekämpften erfolgreich die Jagdzüge russischer Pelztierhändler. 1848 wechselte das Land die Regierung und wurde amerikanisch; in den folgenden Jahren durchzogen Scharen von Goldgräbern und Glücksrittern die Gegend, später wanderten Farmer auf der Suche nach Haus und Hof ein, darunter zwei Familien namens Wilson und Love. Das geschah 1905.

Westwärts!

Stets behielt Kalifornien dabei das Flair eines Paradises, eines „Promised Land“, wie Cuck Berry bemerkte, und stand zugleich als Symbol für einen noch heute vorhandenen Gedanken im Selbstverständnis der Amerikaner: Westwärts! Was ehedem das Gold, später riesige Weideflächen waren, ist seit den fünfziger Jahren der angeblich so typische Californian Way Of Life, der die Leute westwärts ziehen läßt und die kalifornische Regierung daher zu drastischen Einbürgerungsbeschränkungen veranlaßt. Eric Burdon flippte hier aus, Luis Trenker drehte einen Film, Polanski griff sich kleine Mädchen und gruppenreisende Japaner beherrschen sowieso das Bild zwischen Hollywood Blvd. und Sunset Strip (Haus No. 77 übrigens wirkt wie eine bessere Bude).

Wie aber kam es dazu, daß Kalifornien in den Augen der Nicht-Kalifornier zum Land voll Milch und Honig werden konnte? Der Hinweis auf Bücher, Fotos, Filme oder Ansichtskarten reicht da nicht aus – es sei denn, man meint ganz bestimmte Ansichtskarten wie „California Girls“, „I Get Around“, „Fun Fun Fun“ oder „Surfin‘ USA“. Und daher müssen wir nochmals auf die beiden Einwandererfamilien Wilson und Love zurückkommen: Murray Wilson, ein Gelegenheitskomponist, zeugte drei prächtige Söhne namens Brian, Dennis und Carl, von denen der erste musikalisch hochbegabt und sensibel war, der zweite sportlich und gutaussehend, der dritte nüchtern und ausgeglichen. Zusammen mit ihrem Vetter Mike Love sowie einem Vierzehnjährigen namens David Marks spielten die drei Wilson-Brüder als Car & The Passions, später Kenny & The Cadets auf High School-Feten. 1961 änderte man den Namen in Beach Boys um, nahm einen lokalen Hit des Titels „Surfin'“ auf und wechselte später für David Marks den angehenden Zahnarzt Alan Jardine ein.

Surf’s up

Der Rest ist weithin bekannt: Brian Wilson, genial wie Ray Davies oder PeteTownshend, schrieb plötzlich Songs am laufenden Band, Songs übers Surfen, übers Autofahren, über Generationskonflikte, Mädchen, Sonne, Strand, Hamburger und Hawaii. Manchmal klang’s gut, meist aber fantastisch, zumal die Beach Boys die besten Vokalharmonien lieferten, die man seit den Everly Brothers gehört hatte.

Als sich aber das Zentrum kalifornischer Rockmusik von Hawthorne nach San Francisco verlegte, man psychedelisch wurde und ausflippte, da waren die Strandjungen beim Ausflippen zwar dabei, in der Publikumsgunst jedoch gesunken. Brian Wilson fertigte mit „Pet Sounds“ ein prächtiges, völlig ungewohntes Album, doch solches nahm man den Beach Boys nicht ab: die hatten gefälligst zu surfen!

Neurosen

In den folgenden Jahren erlangte die Band dann den heimlichen Ruf der kaputtesten Gruppe der gesamten Szene. Die Mitglieder warfen reichlich Drogen, verzettelten sich in Transzendentaler Meditation, machten erst eine brilliante und prompt danach eine unbrauchbare Platte, und vor allem Brian Wilson, das eindeutige Rückgrat der Band, litt erheblich unter Drogen und Neurosen. Wie die Beach Boys dann Anfang der siebziger Jahre wieder auf die Beine kamen, ist ziemlich unklar. Chicago-Produzent James Guerico rühmt sich, die Gruppe wieder hochgehievt zu haben – doch diesen Verdienst schreiben sich noch mindestens zwanzig andere Leute zu, die Band natürlich eingeschlossen.

Für uns deutsche Fans schien jedenfalls letzten Sommer endlich die Gelegenheit gekommen, Wiederhören mit den Beach Boys zu feiern: Beim Loreley-Festival sollte die Band im alten Glanz erstrahlen, weshalb Leute wie ich ihren Urlaub um vier Tage verschoben. Daß sie dann nicht auftraten, war schon ärgerlich, daß sie aber ihr Publikum an der Nase herumführten, eher schon bedenklich. Nicht irgendwelche Ausrüstungsprobleme oder Terminschwierigkeiten ließen den Auftritt platzen, sondern die schlichte Tatsache, daß die Band lieber in London bei einem Meeting der Firma CBS auftrat die sie seitdem unter Vertrag hat. Immerhin wird uns dieser Vorfall innerhalb der kommenden drei, vier Monate zwei neue Beach-Boys-Alben bescheren: Das eine schuldet die Gruppe noch ihrer alten Firma, mit dem anderen debütiert sie bei der neuen.

16.000 Fans

Aber was ist uns denn nun im letzten Sommer an der Loreley entgangen? Nun denn, 27.12.77, Inglewood Forum, 16.000 Fans, einziges Konzert der Jungs seit längerer Zeit. Nach drei Songs kocht die Halle, in der selbst zwölfjährige die alten Hämmer offenbar auswendig können. Aber hier klemmt’s bereits zum ersten Mal, denn so erfrischend und locker die alten (,,Be True To Your School“) und mittelalten („California Saga“) Songs auch sind, das neuere Material kann dem kaum das Wasser reichen. Sicher, die Jungs spielen routiniert, aber nicht glatt, sie haben auch das Rocken nicht verlernt, wie „Johnny B. Good“ zeigt, aber die neueren Songs wie „Lady Linda“ (?) oder „Love Is A Woman“ hinken mitunter deutlich.

Bei den Beach Boys selbst scheint auf den ersten Blick alles in Ordnung: Mike Love ist noch immer der Anmacher und Clown, Carl Wilson und Al Jardine halten die Sache zusammen und Dennis Wilson schlagzeugt, orgelt und singt besser denn je. Daß die Band mit Begleitmusikern auftritt, ist auch klar: Den Leadgitarristen Billy Hinsehe braucht man ebenso wie Baßmann Ed Carter, desgleichen Elmo Peeler an den Tasten. Über fünf Bläser jedoch kann man schon streiten, zwei weitere Tastendrücker scheinen mir hingegen völlig unnötig, was auch für Bläser Charles Lloyd gilt, der außer einigen vergessenswerten Soli lediglich für eine optische Bereicherung sorgte.

Ja, und dann ganz rechts in der Ecke, am weißen Flügel, kauert ein bärtiger Mann, streicht sich alle zwanzig Sekunden durch die Haare, ist nach einer Konzerthalbzeit zunächst nicht aufzufinden, singt falsch, spielt teilweise falsch und hinterläßt den nachhaltigen Eindruck eines total Abwesenden. Auf dem rechten Ohr hört er nichts, und als während „Good Vibrations“ das Publikum den Refrain minutenlang skandiert, da geht Dennis Wilson zu ihm, hält ihm den Arm und versichert: „Hörst du, Brian, die Leute mögen es, sie lieben die Good Vibrations“.

Apathie

Und Brian klopft zögernd den Takt, singt lauter und scheint für kurze Zeit am Konzert teilzunehmen. Der Rest ist wieder Apathie und Haarestreichen.

Nun bin ich zwar kein Psychotherapeut, aber daß Brian Wilson immer noch nicht voll gesund ist, darauf wette ich ’nen Zehner. Der Wahrheit halber muß ich sogar zugeben, daß mich als alten Beach Boys-Fan diese Szenen um und mit Brian Wilson ein bißchen getroffen haben – man stelle sich vor, Ray Davies oder Pete Townshend würden lethargisch in der Ecke kauern und gegen die Wand starren. Die Kinks und die Who wären am Ende. Und die Beach Boys? Wenn die Songs stimmen, können sie auch heute noch überwältigend sein, wenn nicht…

Diese Ungewisse Zukunft der Beach Boys findet ihre Fortsetzung in der Art, wie die Presseagenten der Band Informationen preisgeben: nämlich gar nicht. Nach viermaligem Anlauf bei PR-Mann Sandy Friedman und viermaliger Vertröstung habe ich versucht, wenigstens aus Zeitschriften Neues zu erfahren. „Creem“ meldete umwerfend Interessantes: Mike Love verweigere jedes Interview, weil er nicht länger darüber diskutieren wolle, ob Dennis Wilson nun tatsächlich mit seinem Abschied aus der Band gedroht hat, wenn Steve Love Manager der Gruppe bleibt. Die Beach Boys anno ’78 Mal erzählte man mir, das kommende (welches?) Album hieße „California Feelings“ und würde in Iowa aufgenommen, andere hatten die Band in einem Studio in Long Beach gesichtet und so weiter. Endlich, durch Zufall sickerte (Paula sei Dank) doch noch einiges an glaubwürdigen Informationen durch und die lassen wenigstens ein bißchen hoffen. Dennis Wüson nimmt derzeit nach seinem ersten Soloalbum „Pacific Ocean Blue“ bereits den zweiten Alleingang auf, denkt jedoch nicht an eine eigene Karriere. Im Gegenteil wollen die Beach Boys im März Australien, im weiteren Verlauf des Jahres noch Europa und Japan betouren (der in Deutschland kursierende Termin Mai ’78 wurde nicht bestätigt) und sich dabei in voller Urbesetzung präsentieren. Daran sollen auch Mike Love’s Aktivitäten nichts ändern, die unter anderem das Label „Love’s Songs“ sowie den Soundtrack zum Film „Almost Summer“ umfassen. Der Fortbestand der Band wird sogar durch interfamiläre Beziehungen dokumentiert: Karen Lamm, Ex-Gattin des Chicago-Musikers Robert Lamm und nunmehr mit Dennis Wilson liiert, übernimmt die Hauptrolle in diesem Mike Love-Film.

Mike selbst hat während seines letzten Kurses mit Transzendentaler Meditation (auch Al Jardine steht darauf) in der Schweiz innerhalb von sechs Monaten rund 50 Songs komponiert, von denen einige auf der kommenden CBS-LP erscheinen sollen, daneben arbeitet Love zum ersten Mal seit fünf Jahren wieder mit Brian Wilson am gemeinsamen Schreibtisch.

Neue Songs

Nach den vielen Entttäuschungen der letzten Jahre, den zahlreichen Gerüchten, Dementis und Gegendementis, muß man natürlich skeptisch bleiben. Brian Wilson etwa taucht regelmäßig zweimal pro Jahr mit der Meldung auf, er sei voll mit Komponieren beschäftigt. Der Effekt solcher Anstrengungen war jedoch nur gering, wie die letzten Beach Boys-Alben „15 Big Ones“ und „Love You“ zeigten. Und ohne Brian läuft’s nicht, da ändern auch 50 Mike Love-Songs kaum etwas. Zudem scheint auch das Ur-Problem der Beach Boys weiterhin ungelöst: Außer Derek Taylor, der ebenso für die Byrds arbeitet, besaß die Band nie den optimalen Presseagenten, litt stets unter Querelen mit diversen Managern (wozu die Meldung aus „Creem“ genau paßt) und ließ allzuoft ein zukunftsträchtiges Konzept vermissen. Gut, Mike Love schrieb just eine Menge Songs, aber beim nächsten TM-Kurs fährt er vielleicht wieder auf völlige Verinnerlichung ab. Dennis Wilson ist momentan offenbar stark wie nie, aber so war er auch, bevor er Ende der Sechziger seine Villa verkaufte und in einen Keller umzog. Und hinter Brian steht, besonders seit den Erlebnissen im Konzert, sowieso das größte und entscheidende Fragezeichen. Schade ist das. Wäre doch verdammt schön, wenn man demnächst ’ner Beach Boys-LP mal wieder mehr als drei Sternchen geben könnte….


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