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Meinung

Wie ein viel zu langer Werbeclip: Cros Tour-Film „crostaytru.mov“ bietet Emotionen auf dem Servierteller

Am 28. Juli 2019 veröffentlichte Cro einen Film zu seiner „Stay Tru Tour 2018“, die den maskierten Poprapper vom 8. November bis zum 1. Dezember 2018 über zwölf Termine quer durch Deutschland, die Schweiz und Österreich führte. Was sollen wir sagen: Die Doku „crostaytru.mov“ ist leider sehr unangenehm geworden.

„crostaytru.mov“ von Cro hier im Stream:

Der Film beginnt mit Cros Stimme aus dem Off. Er erklärt dem Zuschauer, dass es zwei Wege gebe, seine Tour wiederzugeben: als ehrliche Version oder als Angeberversion. In diesem Augenblick entscheidet Carlos Waibel, wie Cro mit bürgerlichem Namen heißt, sich für die Angeberversion. Es folgen coole Schnittbilder von ihm und seiner Crew. Party auf der Bühne. Unterlegt von einem eigenen Song. Plötzlich ein Schnitt –und Cro erklärt wieder aus dem Off, dass jetzt ausschließlich die ehrliche Version folge. Was man an dieser Stelle noch nicht ahnen kann: So ehrlich wie der Film die Tour angeblich auch beschreiben soll – die Angeberversion, sie hört nie auf.

Die Geschichte der Tour soll von jetzt an chronologisch aufgearbeitet werden. Sie beginnt damit, dass Cro eine Einschätzung seines momentanen Karrierestandes abgibt. Er erklärt, dass bei ihm immer mehr gehe. Er wolle Weltniveau erreichen, habe aber momentan maximal Europaniveau – einfach sympathisch. Wo Cro hin will? Er möchte ein Niveau erreichen, an dem ihm jeglicher Erfolg zugeflogen kommt und er nur noch das tut, was er tun möchte. Bescheidenheit sieht anders aus, ehrlich ist das wiederum durchaus.

Der ganze Film hat den Charme einer zu langen Nike-Werbung

Von jetzt an werden in „crostaytru.mov“ Emotionen geballert ohne Ende. Dies hat alleine den Zweck, die harte Arbeit und das unglaubliche künstlerische Talent Cros dem Zuschauer so nah wie möglich zu bringen. Durch die damit einhergehende filmische Effekthascherei birgt der Film den Charme einer viel zu langen Nike-Werbung, nicht den einer spannenden Tour-Dokumentation. Die Macher des Filmes – Marvin Ströter (Regie & Schnitt) und truworks (Produktion) – scheinen ihren Zuschauern ohnehin wenig Empathie zuzutrauen, da durchgehend mit Musik und Farbfiltern das Gefühl vermittelt wird, was die Zuschauer jetzt fühlen sollen. Schnittbild folgt auf Schnittbild, ständig liegt Musik darunter und Cro oder jemand aus seiner Crew erzählt die nächste ach so gigantische Anekdote der Tour.

Ein nüchterner oder reflektierter Blick auf die Geschehnisse der Tour wird so gut wie nie gegeben. Gut, ein Künstler selbst ist natürlich voreingenommen, aber die in Videoform dargelegte 25-minütige Selbstbeweihräucherung des eigenen Talents und Schaffens ermüdet den Zuschauer schon früh. Kurz vor der ersten Liveshow steigt die epische Musik ins Unermessliche und Cro erklärt noch einmal eindringlich, wie aufgeregt, aber gleichzeitig fokussiert er vor jeder Show ist. Er möchte alles für „den Fan“ geben.

Cro viel zu selten als reflektierter Künstler zu sehen

Davon, ob Cro sich mittlerweile von der Radio-Maschine zu einem reflektierteren Künstler gewandelt hat, ist in der Dokumentation fast nichts zu sehen. Alleine in dem Augenblick, wo er davon redet, was Erfolg für ihn bedeutet und er denkt, dass die Zeit, als er jeden Tag im Radio lief, wichtig für seine künstlerische Karriere war, blitzt kurz eine nachdenkliche Seite durch. Die wird dann aber fix von Schnittbildern und Musik vernebelt – die Zuschauer könnten ja sonst noch selbst auf die Idee kommen nachzudenken. Zeit zum Atmen hat der sowieso nicht.

Ständigen Stimmen aus dem Off erklären permanent, wie groß der Kunstgedanke bei Cro sei, dass Geld keine Rolle spiele und wie wichtig die Fans seien. Durch das ständige Erklären des Kunstbegriffs, sowohl auf der visuellen als auch auf der auditiven Ebene, wirkt die Dokumentation affektiert und unangenehm.

Aber hey, am Ende folgt noch eine immense Lebensweisheit von Cro:

„Es kommt nicht darauf an, welche Schuhe du anhast. Es kommt darauf an, wohin du mit deinen Schuhen läufst.“

Neben dem Charme der Sneaker-Werbung wirkt „crostaytru.mov“ oftmals wie ein Influencer: Alle paar Minuten eine gute Lebensweisheit, Farbfilter hier, Selbstliebe und Lifestyle da, fertig und nur angeblich persönlich ist die Laube. Und durch seine vorgekaute Gefühlspalette unausstehlich.

 


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