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Meinung

Überraschend gut: Kitschkriegs „5 Minuten“ feat. Cro, Henning May und Trettmann

Schon die bloße Nachricht lässt Böses erahnen: Das State-Of-The-Art-Produzententeam Kitschkrieg hat einen neuen Song veröffentlicht. Sein Titel: „5 Minuten“ – und das bei einer Laufzeit von „nur“ dreieinhalb Minuten. Als Gaststimmen darauf zu hören: Kitschkrieg-Inventar Trettmann, Annenmaykantereit-Sägeblatt Henning May und Ich-bin-kein-Sexist-aber-Rapper Cro.

Das klingt alles bereits so, als sei Kitschkrieg ihr Erfolg und das Kritikerlob zu Kopf gestiegen und sie im Zuge ihrer neuentdeckten Megalomanie der gemeingefährlichen These „Viel hilft viel“ empfänglich geworden. Schließlich treffen auf „5 Minuten“ drei vollkommen verschiedene Charakter der deutschen Pop-Landschaft aufeinander, die diese auf ihre jeweils ganz eigene Weise in den vergangenen 2 bis 10 Jahren maßgeblich mitgestaltet haben.

Wie soll man all das zusammenbringen, ohne fatal zu scheitern? Zum Beispiel, indem man sich eine andere Losung vergegenwärtigt: Weniger ist mehr. Denn genau dieser Ethos macht aus dem vermeintlichen Crossover-Horrortrack ein verblüffend gutes Stück zeitgenössischer deutscher Pop-Musik.

Kooperation

Kitschkrieg kontrastieren ihre imposante Gästeliste nämlich mit Understatement und beweisen ihre ganze Klasse als Produzenten. Das Gerüst von „5 Minuten“ besteht aus keinen pumpenden Subbässen, keinen flirrenden Synthiekaskaden, ja selbst das von den Berlinern so heißgeliebte Autotune ist wohl temperiert eingesetzt. Eine etwas windschiefe Surf-Gitarre und ein knackiger, voller Drumbeat ist alles, was „5 Minuten“ braucht, um im Ohr zu bleiben. Bei so offensiv dargestellter Fragmenthaftigkeit ist es gerade der lang anschwellende Synthie, der als Brückenelement alles miteinander zu Eins werden lässt.

Keine Zeit für Kapriolen

Auch im vokalen Part des Songs beharren Kitschkrieg darauf, dass „5 Minuten“ nicht zu einem ausufernden Schwanzvergleich dreier aktuell sehr gefragter deutscher Acts wird. Sowohl Henning May als auch Trettmann haben exakt eine Strophe, um dem Song ihre Stimme zu leihen – keine Zeit für Kapriolen, die sowohl May (diese erdigen, vielleicht irgendwann ja wirklich nach Tom Waits klingenden Klagerufe) als auch Trettmann (lieber noch etwas mehr Autotune), eigentlich so herausstechen lassen.

Und bei all dieser Cleverness, die „5 Minuten“ innewohnt, vergisst man glatt, dass das ja Cro ist, der die Refrains dahinsäuselt. Der Panda-Rapper wird für Kitschkrieg zum Dienstleister, der seinen Job mit diesem leichten Frank-Ocean-Soul, der in den Endungen seiner Noten durchschwingt, erledigt und so nicht Gefahr läuft, sich mit neuen, fragwürdigen bis rasend-wütend machenden Zeilen über Sexualität und Frauen weiter als bigotter Unsympath zu profilieren.

So bleibt nach den dreieinhalb Minuten von „5 Minuten“ nur die Erkenntnis, dass Kitschkrieg ganz genau wissen, was sie als Produzenten zu tun haben, und genau das mit einem weiteren guten Popsong nachgewiesen haben.

Hört Euch „5 Minuten“ von Kitschkrieg feat. Cro, Henning May und Trettmann hier im Stream an:

Seht Euch das Video zu „5 Minuten“ hier an:


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