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Dave Grohl über Nirvanas Aufstieg: „Die Leute rasteten komplett aus!“ 

„Smells Like Teen Spirit“ entstand im Januar oder Februar 1991. Ein Kumpel aus einer Cover-Band hatte einen Schuppen mit einem provisorischen 8-Track-Studio, das wir für drei, vier Monate mieteten. Dort wurde der größte Teil von „Nevermind“ geschrieben.

Die Proben begannen immer mit wildem Improvisieren, woraus sich Songs wie „Drain You“ und „Teen Spirit“  herausschälten. „Teen Spirit“ gefiel mir erst nicht sonderlich. Der Song entwickelte sich aus einem der losen Jams, die wir mit einem Ghettoblaster aufnahmen, wir kamen immer wieder drauf zurück, weil man die Gitarrenmelodie nicht mehr aus dem Kopf bekam.

Wir spielten noch eine Show in Seattle, weil wir Sprit-Geld brauchten, um ins Studio nach Los Angeles zu fahren. Als wir den Song zum ersten Mal spielten, rastete das Publikum geradezu aus, die Nummer kam bei den Leuten offensichtlich spontan an.

Kooperation

„Smells Like Teen Spirit“: Ein eher durchschnittlicher Albumtrack

Nachdem „Nevermind“ im Kasten war, hatte ich eigentlich auf „In Bloom“ oder „Lithium“ als Single getippt, während „Smells Like Teen Spirit“ eher ein durchschnittlicher Albumtrack zu sein schien. Aber schon früh war er einer von (Produzent) Butch Vigs Favoriten. Es gab keine Träume von dem großen, weltweiten Erfolg, weil das komplett unrealistisch war. Ich hatte die Hoffnung, „Teen Spirit“ würde es auf die Playlist von MTVs „120 Minutes“ schaffen – um anschließend vielleicht mit Sonic Youth auf Tour gehen zu können. Eine „Hit-Single“ war jenseits unserer Vorstellungsmöglichkeiten.

Als das Album im September 1991 erschien, waren wir unterwegs, spielten aber nur in Klitschen mit 200, 300 Leuten. Dann kamen wir zurück ins Hotel, schalteten die Glotze ein, sahen unser Video auf MTV – und konnten es kaum glauben, wo wir doch gerade in diesem winzigen Club gespielt hatten. Doch die Clubs wurden immer größer, weil immer mehr Leute durch das Video auf uns aufmerksam wurden.

Der Erfolg kam über Nacht

Die offizielle Tournee begann im Opera House in Toronto vor 500 oder 600 Zuschauern. Für mich persönlich war das schon der Durchbruch, der größte Erfolg meines Lebens, schließlich hatte ich vorher mit (Grohls früherer Band, Anm. d. Red.) Scream vor vielleicht 32 Leuten gespielt. Aber als das Video dann wirklich einschlug, spielten wir in einer 500er-Halle, und vor dem Eingang standen weitere 500, die nicht reinkamen. Wenn wir in unserem Van vorfuhren – wir drei, Krists Frau Shelli, unser Monitortechniker Miles und Tourmanager Monte Lee Wilkes –, schien noch alles normal, aber abends war die Hölle los. Und dann fiel uns auch auf, dass im Publikum plötzlich Normalos waren: „Was zum Teufel hat dieser Blender hier verloren?“ Uns dämmerte, dass durch das Video plötzlich auch einige seltsame Zeitgenossen angelockt wurden. Und als wir auf die Bühne gingen, wussten wir, dass unsere ganze Welt über Nacht auf den Kopf gestellt worden war. Holy shit, diese Leute rasteten ja komplett aus!

„Teen Spirit“ etablierte die Laut-Leise-Dynamik, auf die wir später regelmäßig zurückgriffen, insofern wurde dieser Song die Visitenkarte der Band. Aber es war wohl das Video, das daraus einen Hit machte. Wenn die Kids den Song im Radio hörten, dachten sie vielleicht: „Klingt nicht übel“, aber als sie dann das Video sahen, hieß es: „Verdammt cool. Diese Jungs sehen ganz schön fertig aus – so als wollten sie ihre gottverdammte Highschool in Schutt und Asche legen.“ Ich glaube schon, dass das die Erklärung für den Erfolg ist.

Ob ich deshalb glaube, dass es die größte Single aller Zeiten ist? Natürlich nicht. Ich glaube nicht mal, dass es die beste Nirvana-Single ist. Und verglichen mit „Revolution“  von den Beatles oder „God Only Knows“ von den Beach Boys? Da kann ich nur lachen. Sicher, „Teen Spirit“ war für uns ein Einschnitt …, aber ernsthaft: Es gibt Besseres.

Dieser Artikel ist im Musikexpress 11/2011 zum 20-jährigen Jubiläum von NEVERMIND erschienen.


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