Der beste Weg zum Ohrenschmaus


Vom Klirren zur Klangtreue: Was bedeutet eigentlich HiFi“? Der natürliche Klang – die sogenannte hohe Klangtreue – bei der Wiedergabe von Sprache und Musik, das ist das Ziel, dem alle Techniker und Entwickler zustreben, seit die Grundlagen für die modernen Wiedergabeverfahren der Tontechnik geschaffen wurden. Schon in den dreißiger Jahren behauptete man, diesem Ziel ganz nahe zu sein, schon damals sprach man von High Fidelity. Darunter versteht man, daß bei der Wiedergabe der Klang der Musik nur noch ganz geringfügig von dem im Studio erzeugten Sound abweicht, und zwar so geringfügig, daß das menschliche Gehör den Unterschied fast nicht mehr feststellen kann.

Nun wird der Klang des Instrumentes im Studio sehr oft durch elektronische Mittel ganz bewußt beeinflußt, sodaß man nicht so einfach sagen kann: Das ist das Original. Die Bezugsgrösse ist also letztlich das Masterband aus dem Aufnahmestudio (obwohl beim Schneiden der Lackfolie im Preßwerk auch noch einiges beeinflußt – und manchmal versaut – wird).

„HiFi“ ist also ganz entschieden eine Frage der Aufnahme- und Wiedergabe-Qualität.

High Fidelity, abgekürzt HiFi (was man einer Übereinkunft zufolge wie „heifei“ auspricht) und Stereophonie werden oft in einen Topf geworfen und drucheinandergebracht. Dabei haben beide Begriffe zunächst nichts miteinander zu tun. Der Begriff HiFi bezieht sich wie gesagt auf die Qualität, wohingegen Stereophonie eine Übertragungs- und Wiedergabemethode ist. Das eine kann also ohne das andere durchaus existieren.

Im Laufe seiner Entwicklungsgeschichte hat sich der Mensch die Eigenschaft erworben, räumlich zu hören. Er kann also mit dem Gehör allein feststellen, wo sich ein Klangereignis abspielt, er kann die Klangquelle mit dem Gehör orten, und zwar erstaunlich genau. Unsere Umwelt läßt von allen Richtungen Schallwellen auf uns los, und genau das nachzuahmen hat die Technik der Musikwiedergabe lange Zeit nicht geschafft. Erst im Jahre 1954 entstanden bei der EMI in London, im Studio Abbey Road, erste Stereo-Aufnahmen, und die erste für den Hausgebrauch taugliche Stereo-LP führte die Decca am 24. August 1957 in New York vor.

Zurück zur High Fidelity; zu einer Klangübertragung und -Wiedergabe bester Qualität. Es gibt ja eine Menge Leute, die halten HiFi für die Spinnerei von Typen, die nicht wissen, wohin mit ihrem Geld. Sicherlich kann man mit einem Kofferadio oder mit Opas alter Dampfmusiktruhe auch die Hitparade und die Nachrichten hören – das bestreitet niemand. Viele Leute sind sogar ganz selig mit ihrer Uralt-Musiktruhe mit den Zierleisten im Gelsenkirchener Barock. „Die klingt so schön voll!“ sagen sie. Und merken gar nicht, daß dieser „volle“ Klang in Wirklichkeit total verfälscht ist: die alte Mühle ist einfach nicht in der Lage, alles zu übertragen, was der Musiker abliefert und was der Mensch hören kann. Oder um es einmal technisch auszudrücken: Der sogenannte volle Klang entsteht durch eine willkürliche Beschneidung des oberen Teiles des hörbaren Frequenzbereiches, verbunden mit einer ebenso willkürlichen und unnatürlichen Anhebung des unteren und mittleren Bereichs.

Etwa das Gegenteil passiert bei einem kleinen Kofferradio (obwohl man sagen muß, daß die neueren Modelle eine relativ gute Klangwiedergabe bieten): da die Lautsprechermembran sehr klein ist, und der Verstärker – auch mit Rücksicht auf den Batterieverbrauch – nur eine vergleichsweise geringe Leistung abgibt, ist das Kofferradio – verglichen mit der HiFi-Anlage – nicht fähig, tiefe Frequenzen mit dem nötigen Schalldruck abzustrahlen. Die Musik klingt dünn und blechern. Und wenn man die Lautstärke voll aufdreht, dann leistet sich so ein kleines Gerät ein gehöriges Quantum an Verzerrungen. Technisch gesagt: einen hohen Klirrgrad. Und der läßt das Hören nach kurzer Zeit zur Qual werden.

Klirrgrad oder Klirrfaktor ist ein häufig gebrauchter Begriff, wenn von HiFi die Rede ist. Man kann ihn so definieren: Der Klirrgrad ist der Anteil von Frequenzen im Ausgangssignal, der im Eingangssignal noch nicht vorhanden war. Diese vom Gerät – ob Plattenspieler, Cassettendeck, Rundfunkempfangsteil, Verstärker oder Boxen – hinzugefügten Frequenzen entstehen als Oberschwingungen in sehr vielen Übertragungssystemen. Sie werden aber nicht nur hinzugefügt; sie verformen auch die Originalfrequenzen. Logischerweise sollte dieser Anteil an hinzugefügten und verzerrenden Frequenzen so klein wie möglich bleiben. In Datentabellen wird der Klirrgrad (oder Klirrfaktor, was dasselbe meint) in Prozent angegeben; und je kleiner die Zahl, die davor steht, umso besser.

Leider ist es zur Gewohnheit geworden (oder besser: Industrie und Handel haben den Kunden eingeredet), die Ausgangsleistung eines Verstärkers als Qualitätsbeweis zu betrachten. Aber das ist völlig falsch. Ein „starker“ Verstärker mit 2 x 100 Watt sinus ist keine Garantie für guten Klang.

Genauso falsch ist die Auffassung, eine Lautsprecherbox mit höherer Belastbarkeit sei die bessere Box. Vielmehr muß man sich das so vorstellen: Wenn ein Lautsprecherpaar nach dem Prinzip der acoustic Suspension arbeitet, also hinter der Schallwand luftdicht geschlossen und dazu stark bedämpft ist, hat es aller Erfahrung nach einen geringen Wirkungsgrad. Folglich muß der Verstärker, damit die Boxen einen ausreichenden Schalldruck erzeugen – sagen wir mal: Zimmerlautstärke -, eine höhere Ausgangsleistung abgeben. (Den geringen Wirkungsgrad findet man vor allem bei geschlossenen Mini-Boxen).

Nun muß der Verstärker aber Reserven aufweisen: Gerade bei Rockplatten wird vom Verstärker plötzlich für Sekunden die zehnfache Leistung verlangt. Da aber der Klirrgrad stark ansteigt, wenn der Verstärker seine letzten Reserven aufbietet, ist es schon nützlich, wenn er nicht zu schwach ist; also ausreichenden Spielraum besitzt.

Überhaupt ist eines wichtig: alle Glieder der Übertragungskette sollten ungefähr die gleiche Qualität haben. Es nützt nichts, wenn man an einen guten Verstärker schlechte Boxen anschließt. Oder einen Plattenspieler, der unter aller Kanone ist. Es ist immer das schwächste Glied, welches die Qualität einer ganzen Anlage bestimmt.

Peter Kaiser Im nächsten Musik Express geht’s weg von der Theorie: wir stellen neue Geräte vor!