Review

„Der Goldene Handschuh“-Kritik: Fatih Akins Schnapsleichen

Fast könnte man ja vor lauter Schadenfreude darüber lachen, dass Fritz Honka schon wieder keinen Steifen bekommt. Der Mann, der Frauen wie Vieh behandelt, hat mit wenig Charme und viel Fusel eine verlorene Seele in seine stinkende Bude gelockt, sie dort beleidigt und erniedrigt. Jetzt liegt sie nahezu bewusstlos auf Honkas Bett, doch zum Schuss wird der Mann mit dem verzogenen Gesicht nicht kommen. Zu viel gesoffen, mal wieder.

Doch ein schadenfrohes Lachen ist hier fehl am Platz, auch wenn Honka verzweifelt die vielen Tittenposter an seiner Wohnzimmerwand (!) bemüht und noch einmal verzweifelt selbst Hand anlegt und dabei wie eine Witzfigur aussieht, dessen schlaffer Penis die gerechte Strafe ist. Denn Fatih Akin hat schon einige Minuten vorher, in der Eröffnungsszene von „Der Goldene Handschuh“ klargestellt, was der Frau in Honkas Bett nun droht: Gewalt, Tod, Zerstückelung.

Jonas Dassler als Fritz Honka.

Fritz Honka, den kennt man in Hamburg sowieso. Im Rest Deutschlands spätestens seit 2016, denn dann erschien Heinz Strunks Roman „Der Goldene Handschuh“ und zeichnete die Morde des schmächtigen Täters nach spürbar viel Recherchearbeit nach. Vier Frauen hat Fritz Honka in den 70ern getötet, die Leichen teilweise in seiner Wohnung versteckt – auch wenn sich die Nachbarn über den Gestank aus der Dachgeschosswohnung beschwerten.

Die Gewalt und die sexuellen Abgründe Honkas (Stichwort Wurst), den Gestank und den Dreck in der Wohnung des Mörders hat Strunk in seinem Roman mit Details beschrieben, die man eigentlich nicht auf der großen Leinwand sehen möchte. Auch deshalb ist nun nicht nur das Berlinale-Publikum, sondern auch der Rest Deutschlands gespannt auf Akins Adaption: Über welchen anderen Wettbewerbs-Beitrag des Festivals kann man das eigentlich noch sagen?

Akin hält sich nicht zurück, beginnt mit der bereits erwähnten Eröffnungsszene und der Zerstückelung einer Leiche. Honka, ein ziemlicher Blödmann, will einen toten Frauenkörper verschwinden lassen und stellt fest, dass der Abtransport im Treppenhaus zu auffällig ist. Also greift er erst zur Pulle und dann zum Fuchsschwanz. Die Leichenteile verschwinden anschließend teilweise im Hof, der Rest in der Wand seiner Wohnung. Die Kameraeinstellungen machen dabei klar, welche Linie Akin hier fährt: Er zeigt maximal grausame Szenen, ohne sich aber an der Gewalt und dem Blut zu ergötzen. Es ist ein Drahtseilakt, den „Der Goldene Handschuh“ aber bis zum Ende des Films meistert. Den Stempel FSK 18 kann man mit dem Material sowieso nicht ausweichen.

Warner Bros


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