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Fatih Akin im Interview: „Dabei wollte ich doch nach Hollywood!“

Er ist ein ganzheitlich arbeitender Filmemacher, mit seiner Produktionsfirma Bombero International betreut er von Buch bis Schnitt stets alles selbst. Nun hat der 43- Jährige erstmals ein reines Auftragsprojekt übernommen – ausgerechnet die Verfilmung von Wolfgang Herrndorfs „Tschick“, bereits jetzt ein moderner Klassiker der jüngeren deutschen Literaturgeschichte.

Vor ein paar Tagen hat Fatih Akin die nach dem Vorbild von Udo Lindenberg als Comeback-Gala mit prominenten Gästen konzipierten Unplugged-Konzerte von Marius Müller-Westernhagen gedreht, nun gibt er Interviews. Wir stehen in einer geräumigen Suite des Berliner Soho-House. Akin will am liebsten gar nicht mehr weg. Ihm gefällt der Ausblick. Weshalb er kurzerhand umbucht und den Raum für die Nacht behält, der eigentlich nur für Interviews gedacht war. Wenige Tage vor dem Gespräch hat sich der misslungene Putschversuch in der Türkei ereignet. Zwar ist Akin in Hamburg geboren und lebt bis heute an der Alster, was man auch deutlich hört, die Heimat seiner Eltern war aber Thema vieler seiner Filme. Auch sonst ist der Regisseur in der Türkeifrage seit Jahren engagiert.

meMovies: Wie hast du den Putschversuch in der Türkei und die Geschehnisse danach erlebt?

Kooperation

Fatih Akin: Auf einer seltsamen Ebene lässt mich das total kalt, was mich sehr wundert. Wahrscheinlich stehe ich noch unter Schock.

Weil es dich nicht überrascht?

Tatsächlich überhaupt nicht, das lag für mich seit Jahren in der Luft. Zur aktuellen Situation habe ich noch keine klare Meinung. Außer dass ein gelungener Putsch beschissen gewesen wäre. Mal schauen, wo die Reise hingeht.

Du kommst aus einer politisch eher konservativen Familie. Was ergeben sich daraus für Konflikte? 

Wir reden nicht mehr über Politik, damit wir uns nicht streiten müssen.

Die türkische Gesellschaft wirkt gespalten. Ein Riss geht durch Familien und Freundschaften.

Man lernt, die Schnauze zu halten. Nicht aus Angst, es bringt einfach nichts. Das ganze Gequatsche mit meinem Vater zum Beispiel. Habe ich jahrelang gemacht. Mein Vater ist ein top Typ, ich liebe den! Aber politisch leben wir auf unterschiedlichen Sternen. Sobald einer mit Politik anfängt, bellen und fauchen wir uns nur noch an. Irgendwann haben wir gesagt: „Leben und leben lassen.“ Ich wollte ihn mal ändern, er mich ebenfalls, beides funktioniert nicht. Das haben wir erkannt.

Dein Film „The Cut“ war eine Auseinandersetzung mit der Armenienfrage. Damals hast du gesagt, du hättest deine Eltern damit für das Thema sensibilisieren können.

Das ist aber etwas anderes. Ich glaube gar nicht, dass so wahnsinnig viele Türken ein Problem mit dem Eingeständnis des Genozids an den Armeniern haben. Das sind nur die, die am lautesten und hysterischsten schreien. Was da läuft, ist der fortgesetzte Versuch der AKP, die Faschisten von der MHP für ihr Lager zu begeistern. So wie die Atompolitik das Programm der Grünen, das Merkel ihnen weggenommen hat, hat Erdogan es mit Armenien und der MHP gemacht. In Deutschland sagen jetzt viele: „Kann man doch wählen die CDU, sind gegen Atomkraft, wollen Flüchtlinge aufnehmen, toll!“ In der Türkei hat Erdogan durch diese Taktik rechte Wählergruppen gewinnen können. Andere Ideologie, ähnliche Strategie.

Trotzdem erinnert der absolutistische Machtanspruch Erdogans in Teilen an das Deutschland der frühen Dreißigerjahre.

Die Ausnahmesituation nach dem Reichstagsbrand, wo die komplette Demokratie ausgehebelt wurde, erinnert daran, was gerade in der Türkei passiert. Auch sonst gibt es interessante Parallelen: Der Putschversuch fand wenige Tage vor dem Jahrestag des Stauffenberg-Attentats statt. Hitler hat damals gesagt, das sei göttliche Vorsehung gewesen, Erdogan bezeichnet den Putsch als Geschenk Allahs. Die Rhetorik ist insgesamt ähnlich.

 

Akin auf er Premiere seines aktuellen Films „Tschick“.
Akin auf er Premiere seines aktuellen Films „Tschick“.

Auch in anderen Teilen der Welt erleben wir eine Zeit der Populisten und der einfachen Lösungen auf komplexe Fragen.

Teile von Houellebecqs Roman „Unterwerfung“ erweisen sich zunehmend als visionär. Übrigens meiner Meinung nach nicht, weil die Leute weniger Butter auf dem Brot haben. Das sind ja alles superreiche Länder. Aber nun kommt einiges zurück: Die Engländer haben über Jahrhunderte Kriege geführt und den Nahen Osten zerbombt. Die Franzosen ebenso. Jetzt ist dort überall Krieg und die Leute hauen ab, woran diese westlichen Länder eine Mitschuld tragen. Und was ist ihre Reaktion? „Nee, die wollen wir hier nicht haben, dann verlassen wir lieber die EU.“

Bisweilen will man einfach nur abhauen, wie es die jugendlichen Protagonisten in „Tschick“ tun. Inzwischen ist der Film abgedreht. Guckst du dir deine eigenen Filme in diesem Stadium noch mal an?

Nicht, wenn sie noch so frisch sind. Jahre später mache ich das manchmal, wenn einer im Fernsehen läuft. Meistens will ich dann gleich alles wieder ändern.


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Was ist dein Hauptkriterium für Erfolg: gute Kritiken, der Umsatz, Lob von wichtigen Menschen, das eigene Gefühl?

Mein Umfeld spielt eine große Rolle. Meine Frau und meine besten Freunde machen ganz klare Ansagen. Leute wie Jan Delay, die erst mal partout alles scheiße finden. (lacht) Zumindest ist es cool, wenn die Coolen sagen, es ist cool. Vielleicht nicht gut, aber cool.

Ab welchem Zeitpunkt bekommst du ein Gefühl dafür, ob ein Film gelungen ist?Das ist so eine Trial-and-Error-Nummer. Mit „Tschick“ war ich lange nicht zufrieden. Beim Drehen hast du keine Zeit, darauf zu reagieren, ob du gerade glücklich oder unglücklich bist. Du drehst einfach, und guckst, was herauskommt. Erst ganz am Ende, also wirklich am vorletzten Schnitttag, dachte ich: „Ach, sieh mal an, so ein Film ist das also geworden.“

Du hast dich im Wesentlichen an die literarische Vorlage von Wolfgang Herrndorf gehalten. Allerdings wurden einige Dinge ausgelassen. Aus besonderem Anlass?

Eine Filmdramaturgie ist keine Literaturdramaturgie, da gibt es ganz wesentliche Unterschiede. Dinge, mit denen man in der Literatur durchkommt, aber im Film nicht. Buchautoren integrieren häufig neue Figuren, wenn sie nicht mehr weiterkommen. Die Kunst beim Schreiben von Drehbüchern besteht darin, mit dem Personal auszukommen, das man hat. Herrndorfs Roman wird irgendwann ab der zweiten Hälfte ein bisschen redundant, weil ständig noch irgendwelche Leute auftauchen. Ich glaube, das wäre in der filmischen Umsetzung langweilig und zäh geworden.

Das Ende des Films ist offener als im Buch.

Wir Drehbuchautoren – Hark Bohm, Lars Hubrich und ich – hatten das Problem, die von Herrndorf gewünschte Wirkung geschickt zu übersetzen. Wir erzählen die Geschichte eines Jungen, der nicht gesehen wird. Und am Ende wird er gesehen, weil er etwas erlebt hat – aber dann ist es ihm nicht mehr wichtig. Bei Herrndorf gibt es später noch Verabredungen mit allen Protagonisten, alles ist irgendwie geklärt, alle können zufrieden nach Hause gehen. Wir wollten das Ende noch offener halten als Herrndorf.

Du hast dich bereits nach Erscheinen des Buchs um die Filmrechte beworben, was aber nicht funktioniert hat. Nun kam das Engagement mehr oder weniger aus dem Nichts.

Tja, manchmal kann das Leben eben doch sehr schön sein!

Ich bin wie die Jungs. Ich fahre einfach los und habe kein Ziel.

Allerdings musstest du ein beinahe fertig konzipiertes Projekt übernehmen, nachdem der ursprüngliche Regisseur David Wnendt überraschend abgesetzt wurde.
Ich habe alles umgeschmissen, mit Lars und Hark das Drehbuch umgeschrieben und die Darsteller besetzt. Für mich lebt die Geschichte davon, dass die beiden Hauptfiguren visuell zu jung sind, um dieses Auto zu fahren, deshalb war das wichtig. Ansonsten war meine Haltung bei dem Film: Ich bin wie die Jungs. Ich fahre einfach los und habe kein Ziel.

Kanntest du Wolfgang Herrndorf?

Nein, leider nicht. Sieben Wochen vor Dreh-beginn habe ich begonnen, „Arbeit und Struktur“ zu lesen. Lars Hubrich war Herrndorfs bester Freund, das hat geholfen.

Hubrich hatte offenbar noch mit Herrndorf über eine mögliche Verfilmung gesprochen, oder?

Ganz genau weiß ich das nicht. Aber als Herrndorf schon sehr krank war, hat er wohl irgendwann zu Lars gesagt: „Pass auf, mach du das mit dem Filmkram hier, ich schaff das nicht mehr. Du bist jetzt mein Erbe, was dieses Projekt betrifft.“ Er hat ihm wohl vertraut.

Diese intuitive Herangehensweise an „Tschick“ erinnert ein bisschen an deine ersten Schritte als junger Filmemacher, die ebenfalls etwas Spontanes hatten. Eine Art Punk-Selbstermächtigung, wenn man so will. Auch wenn du später noch studiert hast.

Hm, ich weiß nicht. Das waren eigentlich ganz normale Experimente, ein Ausprobieren. Also klar, über weite Strecken habe ich autodidaktisch gearbeitet. Das liegt aber eher daran, dass ich einfach immer schon unbedingt zum Film wollte. Und damals musste dann halt experimentiert werden. Heute kann das ja jeder. Mein zehnjähriger Sohn macht komplette Filme und den Schnitt mit so einem Ding hier (zeigt auf mein Smartphone). Science-Fiction! Ich musste Kameras leihen und Kassetten, die so groß waren wie Schallplatten. Aber ich bin dankbar, diesen Background zu haben.

Viele Leute schauen Filme und Serien heute auf Computer-Bildschirmen oder Smartphones. Spielt dieser Umstand beim Dreh eine Rolle?

Diese Diskussion führe ich regelmäßig mit meinem Kameramann Rainer Klausmann. Der kommt von Werner Herzog, 35 mm und so. Digital zu drehen konnte er sich überhaupt nicht vorstellen. „Tschick“ ist für uns beide der erste digitale Spielfilm. Für Rainer war das immer Teufelszeug, aber ich fand es total geil, digital zu arbeiten. Eine Befreiung!

Ästheten behaupten das genaue Gegenteil, ihnen fehlt die Tiefenschärfe.

Ich habe kein Problem mit der Tiefenschärfe. Ich brauche keinen Filmgeruch und ich muss auch keine Kassetten wechseln, um mich gut zu fühlen. Kassetten wechseln, was für eine Scheiße! Bei „Tschick“ hatte ich die Kinder drei Stunden netto am Set, was meinst du, was da losgewesen wäre, wenn ich noch Kassetten hätte wechseln müssen? Dann kamen die Diskussionen: „In dieser Einstellung erkennt man nur auf der Leinwand, dass Isa am Fenster steht, nicht auf dem iPhone. Man muss es aber auch auf dem iPhone sehen!“ Rainers Antwort ist dann natürlich: „Ich mache keine Filme fürs iPhone!“ Und ich: „Doch, du machst jetzt auch mal einen Film fürs iPhone. Weil die Leute das nämlich so gucken.“

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