Die Charlie Chaplin-Story – Mit Watschelgang und Melone


Zeitkritik im Film

Zurück ins Jahr 1929. Chaplin spielt mit dem großen russischen Regisseur Eisenstein Tennis, arbeitet an „City Lights“ weiter und erhält für „Circus“ einen der Oscars die in diesem Jahr erstmals von der amerikanischen Filmakademie verliehen werden. Im nächsten Jahr stellt er „City Lights“ fertig, und wer sich bei diesem Titel abgefilmte Großstadt vorstellt, kennt unsern Chaplin schlecht.

Realismus hält er, gar nicht zu unrecht, für künstlich, unecht und langweilig. Wichtig ist, was die Imagination daraus macht. In den „Lichtern der Großstadt“ ist Charlie der Alte geblieben, doch die Umgebung hat sich verändert. Das blinde Mädchen, das den Tramp liebt, hält ihn für einen Millionär; der Millionär, den er vor dem Ertrinken rettet, behandelt ihn nur dann gut, wenn er betrunken ist. Zur Tücke des Objektes kommen nun noch Widrigkeiten der Gesellschaft. Charlie bekämpft sie mit Gags. So hat er kein Geld für Zigaretten und fährt mit dem Rolls Royce auf Kippensuche. Schließlich findet er eine, stürzt aus dem Wagen und läßt einen entsetzt-wütenden Bettler zurück, der ebenfalls die Kippe aufheben wollte.

Die Idee zu „Modern Times“ erhielt Chaplin durch die Berichte eines jungen Reporters über das unmenschliche Fließbandsystem, das in Chicago junge Männer aus der Landwirtschaft in wenigen Jahren völlig auslaugt. Er macht aus dieser Vorlage den vielleicht wichtigsten Film der 30er Jahre. Angesichts der Massenarbeitslosigkeit gibt er den Solo-Vagabunden auf. Charlie steht verloren am Fließband, vor einer riesigen Apparatur und wird schließlich zur Testperson einer gigantischen Frühstücksmaschine. Am Schluß bleibt kein Lachen, sondern die Aussicht auf eine Ungewisse Zukunft. Vor drei Jahren leitete gerade dieser Film bei uns eine Chaplin-Renaissance in den Kinos und im Fernsehen ein. Daß er das Spaßmachen nicht verlernt hat (das wird er wohl nie), beweist Chaplin bald mit „The Great Dictator“, einer bitterbösen Satire auf die Nazis. Der Tramp hatte denselben Schnurrbart wie Hitler – da lagen genügend Möglichkeiten für Burleske, Pantomime und Komik. Der Film beginnt mit einer Szene, in der die Dicke Berta, Deutschlands Wunderwaffe im 1. Weltkrieg, abgefeuert wird und unter gräßlichem Fauchen die Ladung mit Mühe eben aus dem Rohr fällt. Herrliche Szenen wie Hitlers Gigantomanie-Anfall (er spielt mit der Weltkugel wie mit einem Luftballon) oder die Darstellung des mißtrauischen Duce machen den Film über eine grausame Realität fast zum Vergnügen. Dazu muß man aber wissen, daß zum Zeitpunkt der Dreharbeiten noch niemand in den USA wußte, was Hitlers Herrschaft wirklich bedeutete.

Schwierigkeiten mit der Justiz…

In den USA wächst der Antikommunismus ständig. Brecht, Eisler und andere europäische Berühmtheiten werden vor den Ausschuß für unamerikanisches Verhalten zitiert. Nachdem er sich an einer Kampagne für eine zweite Front gegen Deutschland beteiligt hat, macht man Chaplin als „Kommunistenfreund“ einen Sensationsprozeß, den außer der „schweigenden Mehrheit‘ niemand so recht verstehen kann. Zwar wird er freigesprochen, doch kehrt Chaplin Amerika später den Rücken: „Ich werde niemals mehr dorthin zurückkehren, auch dann nicht, wenn Jesus Christus Präsident der USA werden würde“, sagte er 1953 in einem Zeitungsinterview.

… und mit der Zensur

1946 beendet Chaplin seinen „Monsieur Verdoux“, eine Version über Leben und Untaten des Pariser Frauenmassenmörders Landru. Und prompt kriegt er mit der Selbstzensur der Filmwirtschaft Ärger. Diese Institution wurde schon in den 20er Jahren zur Abwehr mächtiger Frauen- und kirchlicher Verbände gegründet und präsentierte 1929 immerhin eine Tabu-Liste mit elf Mal „Tu nicht . . .“ und 25 Mal „Sei vorsichtig . . .“. Chaplin bekam für „Monsieur Verdoux“ Auflagen wie: „Das nackte Bein oberhalb des Strumpfbandes darf nicht erscheinen“ oder „Über Klosetts im Badezimmer darf es keine Andeutungen geben, und sie dürfen auch nicht gezeigt werden“. Das hat das Faß zum Überlaufen gebracht; enttäuscht meint das Genie des Films über die ehemalige Traumfabrik: „Hollywood liegt in den letzten Zügen . . . Die Arbeit, die dort geleistet wird, besteht nur noch daraus, Kilometer um Kilometer Zelluloid sinnlos zu belichten.“

Als letzte Arbeit vor der Übersiedlung nach Europa beendet Chaplin 1952 „Limelight“, Rampenlicht, die reizvolle, melancholische Geschichte eines alternden Clowns, die ihn einen Teil des Ärgers der letzten Jahre vergessen läßt. Die Uraufführung findet schon in London statt, wo sie als Royal Performance Chaplin einen triumphalen Einstand in seiner Heimat gab.

Viele Musikfreunde kennen einen unvergänglichen, schönen Teil des Films: den Titelsong, der zu Chaplins schönsten Kompositionen gehört. So wie er ein Spitzenschauspieler wurde, ohne je Unterricht gehabt zu haben, konnte er komponieren, ohne es studiert zu haben. Wie zu erwarten ist, gab es in seinem großen Bekannten- und Freundeskreis Musiker und Komponisten von Rang (mit Strawinsky bastelte er mal am Plan einer surrealistischen Oper), und natürlich hatte er erstklassige Arrangeure zur Unterstützung. Doch wie stets waren es seine Ideen und Melodieskizzen. Überhaupt hatte er mehrmals bewußt Musik als Stilmittel eingesetzt. Der Song „Too Much Mustard“ gab ihm die Anregung für „Twenty Minutes of Love“, einer frühen Komödie; „Violetera“ schafft die Stimmung in „City Lights“ und das altirische „Auld Lang Syne“ erklingt in „Goldrausch“.

Triumph in Europa

1953 kauft sich Chaplin den wohlverdienten Familien- und Alterssitz in Corsier, einem 1400-Seelendorf oberhalb des schweizerischen Vevey. Er bricht seine Zelte in den Vereinigten Staaten völlig ab und verlagert sein privates Filmarchiv (das umfangreichste Chaplin-Archiv der Welt).

Wo auch immer Charlie Chaplin in den nächsten Jahren in Europa hinkommt, veranstaltet man Galas und Empfänge. Die weltberühmte Comedie Franchise gibt eine Ehrenvorstellung für die Chaplins, in Paris und Rom erhält der Meister Orden; er trifft mit Picasso, Aragon und Sartre zusammen, plaudert mit Tschu En-Lai und Nehru, wird Ehrendoktor der Universität Oxford und – dreht noch zwei Spielfilme.

1956 erscheint „A King In New York“, eine autobiographisch gefärbte Darstellung eines amerikanischen Schicksals und zehn Jahre später „A Countess From Hongkong“ mit Sophia Loren und Marlon Brando in den Hauptrollen. Erst 1971 meldet sich Chaplin wieder zu Wort: Bei den 25. Filmfestspielen von Cannes gibt er die Wiederaufführung seiner elf wichtigsten Filme bekannt. Ein Jahr später schließt sich der Kreis seiner einmaligen Karriere. Zwanzig Jahre, nachdem er tieftraurig und ohnmächtig-wütend die USA verlassen hatte, kehrt er für die Gala-Wiederaufführung von „The Kid“ ohne Groll nach New York zurück und wird in Hollywood mit dem verdienten Ehrenoscar ausgezeichnet.

Charlie Superstar

Fachleute bescheinigen seinen Streifen schlechte Technik, schlechte Ausleuchtung und Photographic und ungeschickt konzipierte Drehbücher. Mag sein, und trotzdem lieferte er – wie der große französische Regisseur Jean Renoir schrieb „die Meisterwerke des Films . . .

Die großen Kunstwerke sind eben nicht perfekt“. Und Bert Brecht stellte schon 1924 fest: „Das einzige, was diese Städte bisher als Kunst produzierten, war Spaß: die Filme Charlie Chaplins und den Jazz.“

Als Darsteller ist Chaplin einer der größten, vielleicht der genialste Komödiant und feinfühlendste Harlekin. Als Autor aber, als Geschichtenerzähler ist er einmalig. Er blieb seiner Kindheit treu und hat keine der Entbehrungen und Nöte vergessen oder verdrängt. Seine Kunst brauchte keine Theorie und ganz

wenig Technik, und doch hat er es stets geschafft, den Zuschauer zu treffen, manchmal betroffen zu machen. Mit Watschelgang, Schnauzbart und Melone trat er an. die Menschen lachen zu lassen – und wurde der Superstar des Jahrhunderts.