Die dunkle Seite der Macht


Die Indie-Rock-Routiniers machen in Kutten-Dance: Caligola heißt das neue Projekt von Gustaf Norén und Björn Dixgård. Es möchte dunkel und geheimnisvoll sein, ist aber auch ein kleines bisschen albern.

Herr Wollter ist ein sehr freundlicher Mann. In Anzug und Winterjacke empfängt er den Journalisten in der Lobby des Hotel de Rome in Berlin. Was man denn schon über Caligola wisse, fragt er. Nun, dass es angeblich keine Band ist, sondern ein Künstler-Kollektiv, das schon existiert haben soll, bevor die zwei Typen von Mando Diao ein Album unter dem gleichen Namen aufnahmen, und das „für sich selbst sprechen“ wolle. Kurzum: das, was die Plattenfirma und das Internet bisher verlautbarten.

Das, so entgegnet Caligola-Pressesprecher Herr Wollter, der mit Vornamen Christopher heißt und eigentlich ein schwedischer Schauspieler ist, der immerhin schon mal in einem „Tatort“ ein paar Sätze sagen durfte, sei richtig. Es gehe um die Unterordnung des künstlerischen Egos in ein größeres Ganzes. Die Caligola-Idee sei schließlich sehr alt. Sie sei in den 70er-Jahren von einer älteren Dame namens Violetta entwickelt worden, habe 30 Jahre geschlafen und erwache nun durch Maler in New York, Ausstellungen in Stockholm, Filmemacher in Hongkong und eben diese Platte rund um die Welt zu neuem Leben. Wie viele Mitglieder es insgesamt gibt, weiß Herr Wollter nicht, behauptet er. „Wir können dann mal zu den Jungs gehen“, sagt er und führt den Journalisten ein Stockwerk höher in einen vertäfelten Salon mit hohen Decken und Kamin. In schwarzen Kutten malen Gustaf Norén, Björn Dixgård, die HipHop-Brüder Salla und Masse Salazar und Reggae-Musiker Nutty Silver dort ein Bild, legen Platten auf zwei Turntables auf, hängen auf der Couch ab.

Der erste öffentliche Auftritt von Caligola liegt bald ein Jahr zurück. Damals spielten Mando Diao bei Rock am Ring und Caligola auf der Aftershowparty. Im November traten Norén und Dixgård bei den Musikexpress Style Awards in Berlin auf und kehrten für die Zugabe scheinbar spontan in eben jenen Kutten zurück, in denen sie nun ihre Interviews geben. Verstörung im Publikum, Irritation beim Modeexperten: von einem „albernen Wichtelmännchen-Spektakel“ sprach ME-Autor Jan Joswig.

Gustaf Norén und Björn Dixgård waren zuletzt fleißig. Innerhalb von vier Jahren veröffentlichten sie mit Mando Diao ihr fünftes Hitalbum Give Me Fire, eine Unplugged- und eine Greatest-Hits-Platte. Sie tourten ausgiebig, eine schwedischsprachige Veröffentlichung ist in der Pipeline. Und: Nun steht also das Caligola-Debüt Back To Earth in den Läden. Das Vorabvideo zu „Sting Of Battle“ zeigt Bilder von Initiationsriten, Jungfrauenopferungen und komisch gewandeten Gottesjüngern. Ist das nun Musik für Leute, die die Romane von Dan Brown oder Stieg Larssons Schweden-Trilogie ernst nehmen? Wie ernst nehmen Caligola sich denn selber? „Wir sind keine Sekte, nicht politisch und nicht religiös“, sagt Dixgård, lächelt müde und spricht davon, dass Kunst solche Dinge eben dürfe. Aber davon hat Herr Wollter ja schon erzählt.

Auf Back To Earth gastieren unter anderem die schwedische „Pop Idol“-Gewinnerin Agnes („Release Me“), Johnossi-Drummer Oskar Bonde und die Gospel-Diva LaGaylia Frazier. Der Techno-Vielflieger Paul van Dyk soll für Remixe sorgen, das Video zu „Sting Of Battle“ stammt von Lovisa Inserra, die mit Mando Diao auch schon die Clips zu „Ochrasy“ und „Good Morning, Herr Horst“ gedreht hat. Im Studio haben die beiden Mando-Diao-Chefs das letzte Wort. Es sind ihre Songs, die improvisierend zu Beats, etwa auf Partys und in Cafés, und nicht wie bei Mando Diao daheim in der Küche oder im Bad entstanden sind.

Tatsächlich orientieren sich Tracks wie „My Sister Rising“, „Morning Light“, „Violettas Dance“ und der Tanzflächenfüller „Forgive/Forget“ deutlich mehr an Reggae, HipHop und Disco als an Rockmusik. Es sind Stücke, die bei Mando Diao nicht direkt im Mülleimer gelandet wären, aber auch nicht auf ein Album gepasst hätten. Überraschend klingen sie nicht. Vielleicht, weil die Musik von Mando Diao schon wegen der Stimmen der Macher nicht allzu weit entfernt ist. Insgesamt entsteht der Eindruck: Hier wird musikalische Planwirtschaft mit schwarzen Kutten, falschen Legenden und komischem Kunstkram kaschiert.

Norén schielt in Richtung Nutty Silver. Der pinselt einige Meter entfernt weiter mit Ölfarben an dem Caligola-Gemälde herum, das zwei weiße Hengste vor dunkelblauem Hintergrund zeigt. Die sollen mit ihren erigierten Schwänzen und dem zentralen Leuchtkern in Form einer Klitoris wohl so eine Art Weltneuschöpfung symbolisieren. Norén erklärt: Man sehe sich selbst in der Tradition von Künstler-Kollektiven aus den Siebzigern. Auch das Studio 54 sei da zu nennen, ohnehin Leute wie Andy Warhol und Lou Reed, aber auch Musiker-Kollegen wie Michael Jackson und Lil Wayne. „Jackson war kein eingefahrener Indie-Typ, der an nur einer Idee festhielt“, sagt Dixgård. „Und Lil Waynes Tha Carter 3 ist wahrscheinlich eines der besten Alben der letzten zehn Jahre“, findet Norén. „Danach veröffentlichte er eines der schlechtesten aller Zeiten. Dafür braucht man schon Eier.“

Oder einen Hang zum Größenwahn, was ein gutes Stichwort ist: Caligula, so lehren die Geschichtsbücher, ist der Name, den sie dem egozentrischen Kaiser von Rom, Gaius Iulius Caesar, nach seinem Tode verpassten. Mando Diao, eine der erfolgreichsten Indie-Rockbands der letzten zehn Jahre, verkündeten schon in ihren Anfängen, besser als die Kinks, die Rolling Stones und Oasis zu sein. Wenn es nun bei Caligola wirklich um die Überwindung der Egos geht, ist die Frage: Sind Dixgård und Norén bescheidener geworden? Ist die Sache mit der Selbstüberschätzung vorbei? „Ja, wir hatten mit Mando Diao unseren Egoboost“, sagt Dixgård genervt und beginnt erneut, von der neuen Netzwerkerei zu schwärmen.

Mal am Rande gefragt: Wenn das nun so eine superdemokratische Angelegenheit ist, warum halten dann bei den Interviews eigentlich er und Norén ihre Gesichter hin und nicht irgendwelche Künstler aus Hongkong? „Wir sind Performer, die ihr Talent bei Caligola einbringen. Man hätte uns doch ohnehin erkannt“, entgegnet Norén. Im Twitter-Account von Caligola posteten sie übrigens neulich das angeblich einzige existierende Foto von Violetta, der wundersamen Gründerin des Projekts. Es zeigt eine selbst gebastelte Madonnenfigur auf einem Balkon. Die Überschrift: „Violetta Calesi, unsere Königin und bescheidene Führerin“. Gustaf Norén und Björn Dixgård stülpen sich am Ende des Interviews ihre Kapuzen über und werfen zum Abschied einen Blick auf das verlaufene Gemälde. Sie wollen es vielleicht dem Berliner Bürgermeister Klaus Wowereit schenken, erzählen sie. Der wird sich bedanken.

Albumkritik ME 3/12

Bands mit Masken und Mysterium

Gorillaz Ende der Neunziger erschufen Blur- Frontmann Damon Albarn und Comic-Künstler Jamie Hewlett ihre virtuelle Comicband – ursprünglich, um der Substanzlosigkeit der Popmusik etwas entgegenzusetzen, heißt es. Sie ließen ausschließlich fiktionale Charaktere für sich sprechen und spielen, kreierten ein eigenes Universum aus Videos, Cartoons und Hologrammen.

Relaxed Muscle 2003 tauchte auf Englands Bühnen ein Elektro-Duo namens Relaxed Muscle auf. Darren Spooner und Wayne Marsden, so die angeblichen Namen, trugen mal Sonnenbrillen und Schnurrbärte, mal Skelettanzüge und Schminke. Ihre wahre Identität flog schon vorher auf: Jason Buckle von The All Seeing I und Jarvis Cocker.

Marsimoto Im HipHop ist die Liebe zum Spiel mit den Identitäten besonders ausgeprägt. Bestes Beispiel: Marsimoto, der zuletzt sein Album Grüner Samt veröffentlichte, ist quasi das zweite Ego des Berliner Rappers Marteria und gleichzeitig eine Hommage an den US-Rapper Madlib, der bisweilen auch als Quasimoto auftritt.

The Network Maskenmänner, deren wahre Identität hervorragend unklar gehalten wird. Eigentlich sind sich aber alle einig: Hinter den Wavern stecken die Stadion-Punker Green Day und ein paar Freunde. Dafür spricht auch, dass die Foxboro Hot Tubs, ebenfalls ein Green-Day-Nebenprojekt, bisweilen Songs von The Network covern.