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Die Musik des Zufalls – Zum Tod von Conrad Schnitzler

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Conrad Schnitzlers Abschiedsgruß an diese Welt besteht aus vier Worten auf seiner Homepage. In weißer Schrift auf schwarzem Grund ist da zu lesen: „The End Best, Con“. Die Zahl der Nachrufe auf einen der bedeutendsten Pioniere der elektronischen Musik in den Mainstreammedien sind an einer Hand abzuzählen. Ist ja auch kein Wunder. „Con“ Schnitzler hatte wenig Medienkompatibles zu bieten, keine Skandale, keine Aussetzer, keine Drogengeschichten – nur die eben mal aufregendste Musik in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

1937 in Düsseldorf geboren, entdeckte Schnitzler nach seiner Lehre zum Maschinenschlosser in den 1950er Jahren die Avantgardemusik für sich: Karlheinz Stockhausen, Pierre Henry, John Cage. 1961 wurde er an der Kunstakademie Düsseldorf der erste Schüler von Joseph Beuys. Ende der Sechziger zog er nach West-Berlin, eröffnete am Halleschen Ufer in Kreuzberg das Zodiac, den ersten Underground-Club der Stadt, gründete zusammen mit Hans-Joachim Roedelius und Dieter Moebius 1969 die Band Kluster, die er nach zwei Alben wieder verließ, war 1970 auf „Electronic Meditation“, dem Debütalbum der wegweisenden Berliner Elektronikband Tangerine Dream zu hören. Aber Schnitzler war zu sehr Individualist, um sich den manchmal zu demokratischen, manchmal zu diktatorischen Entscheidungsprozessen einer Band unterzuordnen. Nach Gründung der kurzlebigen Band Eruption ging Schnitzler den kompromisslosen Weg einer Solokarriere. In deren Verlauf baute er eine gigantische Soundbibliothek auf und veröffentlichte hunderte von Alben (teils ins Kleinstauflage und als CD-Rs), in denen er aktuelle Strömungen der elektronischen Musik um Jahrzehnte vorweggenommen hatte. Seine Musik war über mehr als vier Jahrzehnte stets der Avantgarde und dem Experiment verpflichtet, der Künstler selber war vorrangig am Geräusch interessiert, wenn doch so etwas ähnliches wie Musik bei seinen Experimenten herauskam, dann aus Zufall.

Trotz seiner Bedeutung für die Geschichte der modernen elektronischen Musik und seiner Gabe, an wichtigen Ereignissen in deren Verlauf beteiligt gewesen zu sein, blieb Schnitzler für die breite Masse der große Unbekannte, seine Musik ein Liebhaberthema. Für die Originale seiner LPs aus den Siebziger Jahren werden heute hunderte von Euros bezahlt. Zuletzt arbeitete Schnitzler mit dem neuen Berliner Elektronik-Label m-minimal zusammen, das seine Klassiker wie „Zug“ und „Ballet Statique“ wiederveröffentlichte.

Seit ein paar Jahren beteiligte sich der Künstler an dem Projekt „Global Living“. Er schickte Haare von sich in alle Welt und ließ sie begraben, auf Lanzarote, am Nordkap, im Odenwald, in Liverpool. Und zuletzt, am 23. Juli, nicht einmal zwei Wochen vor seinem Tod, an der Siegessäule in Berlin. „Ich schicke meine DNA an verschiedene Orte in der Welt. Das bedeutet, ich bin auf der ganzen Welt. Ich bin überall, sogar wenn ich tot bin. Niemand muss zu meinem Grab nach Berlin kommen. (…) Ich bin nun auf der ganzen Welt zuhause. Ich liebe dieses Gefühl.“

Am 31. Juli beendete Schnitzler die Arbeiten an dem Stück „ 00/830“ – es sollte sein letztes werden. Conrad Schnitzler starb am vergangenen Donnerstag nach schwerer Krankheit im Alter von 74 Jahren.

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