Die Straße liebt dich nicht


Dylan Mills, besser bekannt als das Hip-Hop-Wunderkind Dizzee Rascal, ist vorsichtig geworden.

nach weniger als einem Jahr Pause wird in diesen Tagen sein zweites Album SHOWTIME veröffentlicht. Mit dem überwältigenden Erfolg des Debüts BOY IN DA CORNER kamen allerdings auch Probleme. Nicht nur Neider machen ihm Sorgen. Es ist ihm auch besonders unangenehm, permanent in der Öffentlichkeit zu stehen. Der 19jährige, der 2003 den renommierten britischen Mercury-Award einheimste, hat schlechte Erfahrungen mit der Presse gemacht. „Du musst das verstehen“, zuckt er mit den Schultern: „Ich musste sehr schnell sehr viel lernen.“ Die britischen Boulevardblätter campierten vor seiner Wohnung, fingen seine Mutter im Supermarkt ab. Seine neue Anschrift verrät er keinem – nicht mal der Plattenfirma. Doch seine Aufgabe im Marketingrummel will er trotzdem bestmöglich erfüllen: „Wenn ich ein Magazin aufschlage und nichts über mich darin finde, habe ich ein Interview zu wenig gegeben“, analysiert er. Rascal möchte Profi sein. Er möchte seinen Bekanntheitsgrad steigern und seine Intimsphäre wahren. „Freiheit ist das aller wichtigste“, nuschelt er, und kaum ein anderer könnte diese Phrase authentischer dreschen.

Der Teenager, der mit hektischen Beats, verwegenen Reimen und atemberaubend schnellem Sprechgesang sowohl die Kritiker als auch den britischen Underground beeindruckt, verlebte keine Bilderbuchjugend. Er wuchs im Londoner East End auf. Sein Taschengeld verdiente er mit Gras-Dealerei und kleineren Diebstählen. „Doch das ist vorbei“, betont er. „Die Straße ist nicht cool. Die Straße liebt dich nicht. Sie zerstört dich. Und jeder, der etwas anderes behauptet, ist entweder dumm oder hat Angst, sich weiterzuentwickeln.“ Angst ist neben Trotz ein fester Bestandteil in Dizzees Leben. „Mein erstes Album heißt boy in da corner, und genau so habe ich mich gefühlt: klein und mit dem Rücken zur Wand. Immer musste ich mich verteidigen.“ Dass es nicht bloße Rektoren Willkür war, die ihm beispielsweise drei Schulverweise einbrachte, sieht er heute allerdings ein: „Ich war ein wilder Junge. Mich hat die Schule nicht interessiert. Ich wollte lieber Musik machen.“ Doch ausgerechnet in der Schule begann seine Karriere. Sein Musiklehrer Tim Smith entdeckte das besondere Talent des Jungen und ermöglichte ihm, Instrumente, Aufnahmegeräte und Computer des Musikraumes zu nutzen. „Dort habe ich jede freie Minute verbracht. Irgendwann bin ich mit einem Tape nach Nordlondon gefahren und habe es beim wichtigsten Piratensender abgegeben. Danach lief alles wie von selbst.“

Nachdem er sein Können nicht nur im Underground, sondern auch auf der großen Bühne eindrucksvoll bewiesen hat, tritt Dizzee Rascal selbstbewusst aus seiner Ecke. Showtime ist grandios großmäulig. Explizit und autobiographisch resümiert er die Ereignisse des letzten Jahres. Er hat sich aus dem Ghetto gekämpft und ist mit The Streets, N.E.R.D. und Jay-Z aufgetreten. Er hat eine Menge Geld, Preise und Aufmerksamkeit bekommen und das Kiffen aufgegeben. Doch seine Goldmedaille hat eine Kehrseite: Ehemalige Freunde haben ihn des Sell-Outs bezichtigt, Neider ihn auf offener Straße niedergestochen, und um seine Privatsphäre muss er hart kämpfen. Er hat seinen Rücken von der schmutzigen Wand im East End gelöst, um hinter sich gleich eine neue vorzufinden. Trotzig schiebt er die Unterlippe vor und sagt: „Aber ich habe allen gezeigt, was ich kann. Ich habe Respekt verdient.“ „You people are gonna respect me/if it kills you“, formuliert Dizzee Rascal sein Hauptanliegen auf dem Track „Respect Me“. Dass so manche Silbe wie schmerzhaft zwischen den Zähnen hindurchgepresst klingt, ist kein Zufall. Er lupft sein T-Shirt und entblößt die Narbe einer Stichverletzung gleich am Herzen: „Ich habe Glückgehabt. Aber ich lasse mich nicht unterkriegen. Noch während ich mit Nadel und Faden bearbeitet wurde, habe ich einen Teil des Songs aufgenommen. Man kann es hören: Wenn ich ein bisschen neben dem Beat liege, hat es kurz weh getan.“ Das klingt nach einem kleinen Jungen, der mit überstandenen Abenteuern protzt, doch Dylan Mills ist nicht nur jung, sondern auch schlau. Er hat tatsächlich in sehr kurzer Zeit sehr viel gelernt. Er sagt: „Stichverletzungen heilen wieder, doch Worte können ganz schön lange weh tun.“