Don des Dub


Er verhalt dem Reggae zu einer vierten Dimension aus der Echokammer: Sly Dunbar hält den Rhythmus.

Dub. Manchmal reicht der Klang dreier Buchstaben aus, um vor dem geistigen Ohr ein kleines musikalisches Weltreich auszubreiten. Wie verlief die Karriere eines Genres, das sich vom Geschrammel provinzieller Musikanten zu einer nicht wegzudenkenden Säule des Pop entwickelt hat? Wer das genau wissen will, sollte in London bei Sly Dunbar anrufen. Der jamaikanische Schlagzeugerwar nicht nurvon Anfang an dabei, sondern gilt heute noch als wichtigster Spediteur des Dub. Klar, dass Sly viel zu tun hat. Einleuchtend, dasserauch mal nicht zu Hauseist. Und logisch, dass er auf seinem Anrufbeantworter nur ein einziges Wörtchen zur Begrüßung hinterlassen hat: „Dub“. Vielleicht ruft er ja zurück, der Dub. Tut er dann auch. Und erzählt vom Sender Channel One, „wo.The Jamaicon Bandstand‘ lief, mit Musik von Jackie Moson und den Skatalites“. Aber zu jener Zeit ist die Karibik auch ein elektrisierender Sud aus Calypso, Country, Western, Mento, Ska, R&B, Rock’n’Roll und Blues. Zu seinem Vornamen kam Lowell Dunbar, weil er so gerne Sly Stone hörte: „Und ich dachte, verdammt, das kannst du auch spielen, besser spielen.“ Mitte der 70er Jahre hatte er sich durch rhythmische Innovationen bereits einen Namen gemacht und auf Hitsingles getrommelt.

„Trotzdem spielte ich noch last jeden Abend in einem kleinen Club“, erzählt Dunbar mit dunkler Stimme am Telefon und grübelt eine Weile, wie dieser Club hieß: „77! For Tot! In den Pausen schlenderte ich die Straße runter und schaute in anderen Läden vorbei. Im Evil People zum Beispiel, wo dieser Bassist spielte… wie ich vorhernoch keinen spielen gehört habe.“

Es war Robbie Shakespeare, Protege des väterlichen Aston Barrett. Auch Robbie war kein Unbekannter, sondern schon auf Platten Bob Marleys zu hören gewesen. „Bold darauf jammten wir erstmals miteinander“, erzählt Dunbar. „Es war sofort klar, dass wir perfekt zusammen groovten“. Die beiden nannten sich The Riddim Twins und veröffentlichten bald mit ihrer eigenen Band, den Revolutionaries, Platten auf Jamaika. Ihr stoischer, präziser, fast maschineller Groove unterschied sich fundamentalvom üblichen nebulösen Gestampfe, so dass Sly & Robbie als Session-Musiker künftig nur noch im Gespann gebucht wurden.

„Wir kamen runter von der Insel und sahen die ganze Welt , schwärmt Sly Dunbar noch heute. Bei Word Sound & Power, der Begleitband von Peter Tosh, vertieften sie nicht nur ihr Zusammenspiel, sondern verdienten sich auch ihre ersten kommerziellen Lorbeeren: „(Keep On Walking) Don’t Look Back“ mit Mick Jagger und Peter Tosh wurde ihr erster Nummer-eins-Hit. Bis wanted dread or alive wirkten sie gemeinsam auf fünf Platten von Peter Tosh. „So spannend und gut bezahlt die Tourneen waren“, erzählt Dunbar, „Robbie und ich haben uns jeden Cent vom Mund abgespart, um unser eigenes Label zu gründen“. Taxi, so der Name der kleinen Firma, erlaubt Sly und Robbie künstlerische Unabhängigkeit und den Luxus, sich einer anderen Band anzuschließen, deren Sound sie für die nächsten Jahre prägen sollten. Black Uhuru entwickelten sich zur innovativsten Reggae-Band ihrer Zeit. Nach brutal und positive aber wandten sich die Taktgeber anderen Dingen zu. Erstens dem Dub, als einer Art avantgardistischem Privatvergnügen. Und zweitens der Zusammenarbeit mit internationalen Stars. „Erst mal kümmerten wir uns um Groce Jones. Und von da an ging ’s erst richtig ab. „

Auf drei Alben von Jones bilden Sly & Robbie das rhythmische Rückgrat, Hits wie „Pull Up To The Bumper“ wären ohne das Know-How der beiden wohL nur im Charts-Mittelfeld gestrandet. „Vielleicht war es ja auch einfach nur der bizarre Look von Groce“, rätselt Dunbar mit koketter Bescheidenheit. Nach dem Erfolg mit Grace Jones gab es kein Halten mehr für das Duo dahinter: Mit Bob Dylan, Joe Cocker, Herbie Hancock, Carly Simon, Maxi Priest, lan Dury und Barry Reynolds ist nur ein Bruchteil ihrer Auftraggeber genannt.

Eine weitere Wende kam gegen Ende der 80er Jahre, als elektronische Beats das Feld zu erobern begannen. „Da gab es also plötzlich ein Genre“, schmunzelt Dunbar, „das genauso hieß, wie Robbie und ich unseren Stil immer nannten: Drum ’n‘ Boss. „Es war ein Leichtes für die beiden, Fachwelt wie Publikum mit the summit (1988] an diese interessante Parallele zu erinnern. Dunbar: „Ich war ohnehin über die Jahre zum Produzenten geworden. Also mochte ich mich hungrig über die neuen Möglichkeiten her, Rhythmus zu produzieren. Robbie blieb beim Boss, ich spielte mit dem Computer herum. Vielleicht, weil ich heute noch das Gefühl nicht loswerde: Dorthin, wo die Jungs von den Skatalites waren, komme ich mit meinen Mitteln nicht mehr.“

Mitten in dieses Rückzugsgefecht vor der Moderne platzte Sly & Robbie ein weiterer Welthit: „Murder She Wrote “ von Chaka Demus. „Also zogen wir uns befriedigt zu unseren Wurzeln zurück“, kommentiert Dunbar. Weite Teile der 90er Jahre verbrachte das Duo mit der Arbeit an Kompositionen anderer Leute, während sie selbst nur hin und wieder in kleinen Clubs auftraten.

Ging’s doch mal wieder ins Studio, dann wegen cooler Drum’n’Bass-Koryphäen wie Howie B, die Sly & Robbie längst als ihre Ahnväter ausgemacht hatten. Und Sly entdeckte seine Leidenschaft für Groove und Dub wieder. „Wenn neuerdings alle so spielten wie wir früher“, resümiert er, „dann mussten wir die Sache eben noch ein bißchen weitertreiben. Und weiter. Und weiter.“

Und so führt die Entwicklung schnurgerade auf das aktuelle Album zu, auf dem sich Neal Fraser alias Mad Professor einen Jugendtraum erfüllen durfte: Stücke seiner Platte oub me crazy werden hier von seinen Idolen vertont, die so die Chance nutzen, an ihre Rockers-Roots zu erinnern. „Das war wie früher“, brummt Sly. Mit einer Stimme, in der schon die ganze Geschichte mitschwingt, selbst wenn sie nur ein kleines Wörtchen auf den Anrufbeantworter spricht: „Dub“.