Reportage

Chaos, Rock’n’Roll und Amore: Wir waren drei Tage mit Wanda auf Tour


Vor einem Jahr tauchten Wanda wie aus dem Nichts auf. Ihr Debütalbum AMORE eroberte die Herzen im Sturm, im Oktober soll bereits die zweite Platte folgen. Der Erfolg ist ihnen sicher - falls sich die Wiener nicht vorher ins Grab spielen. Auf Tour mit der vielleicht letzten wichtigen Rock'n'Roll-Band unserer Generation.

Erstmal eine rauchen: Marco Michael Wanda bei einer seiner Lieblingsbeschäftigungen
Erstmal eine rauchen: Marco Michael Wanda bei einer seiner Lieblingsbeschäftigungen

Auf den ersten Blick wirkt dieser Mann ziemlich unscheinbar. Er sieht aus wie ein verlotterter Prinz. Seine Haare sind zerrupft. Knochige Knie lugen aus Löchern in seinen Jeans. Die alte Raulederjacke, vor Jahren für fünf Euro auf einem Berliner Flohmarkt erstanden, hat schon bessere Tage erlebt. Doch dann schlägt Lukas auf die Snare, und Marco verwandelt sich mit einem Schrei.

Ein Wanda-Konzert, sagt er, sei ein Balzritual. Und wirklich: Wenn man es schafft, den Blick von der Bühne abzuwenden, kann man dabei zuschauen, wie das Publikum der Band verfällt. Dem leichtfüßigen Bassisten Reinhold „Ray“ Weber, dem dauergrinsenden Schlagzeuger Lukas, Christian Hummer, dem Beau am Keyboard und dem nicht weniger feschen, herrlich kaputt aussehenden Gitarristen Manuel Christoph Poppe.

Vor allem aber natürlich Marco, diesem Strizzi, der vorne seine Späßchen treibt, herumwirbelt, hinfällt, aufspringt, lacht, leidet und die Lenden kreisen lässt, als wolle er mit einer unsichtbaren Geliebten Amore machen. Wenn er zum Publikum spricht, dann dehnt er die Worte, die Zwielaute verschwimmen zu einem Vokal. Was für Implikationen das mit sich bringt! Meint er das, was er sagt, ernst? Ist er arrogant? Ist er charmant? Oder beides?

Die Leipziger grinsen. Sie grinsen, wie man grinst, wenn einem jemand an der Bar ein besonders schönes Kompliment macht, und man plötzlich merkt, dass man große Lust hätte, mit ihm zu schlafen. Beim zweiten Song, „Kairo Downtown“, werden die Blicke tiefer, beim vierten, „Bleib wo du warst“, wird schon geknutscht im Publikum. „Schickt mir die Post“, „Auseinandergehen ist schwer“. Man ist endlich in der heimischen Garçonnière angekommen, schält sich gegenseitig aus den Lederjacken, fällt aufs Bett. „Ich will Schnaps“, ein wildes Vorspiel. Hinausgezögerte Ekstase. Und dann wird gevögelt. „Wenn jemand fragt, wohin du gehst, sag nach Bologna!“ Der Höhepunkt, ein lustvolles Sterben.

Danach liegt man zufrieden da. Starrt an die Decke. Raucht sich eine an. Lächelt. Die Hände wandern schon wieder zum andern hinüber. Es ist noch nicht vorbei. „Easy Baby“. Man fällt ein zweites Mal übereinander her. „Ans, zwa, drei, vier, es ist so schön bei dir“. Guter Sex muss nicht geistreich sein. „Fünf, sechs, sieben, acht, ich bleib’ die ganze Nacht“ – die allabendliche Lüge, bevor sich die Band davonstiehlt. „Wir sehen uns wieder!“, verspricht Marco und wirft ein Küsschen ins Publikum. Die Leute schauen ihm lange nach.

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TAG 2 – LEIPZIG/BIELEFELD

Lukas ist besorgt. „Wenn uns jemand erwischt, sind wir g’fickt“, warnt er. „Geh’ bitte, uns erwischt niemand“, beruhigt ihn Marco. Wir streifen durch die Auen des Cospudener Sees im Süden Leipzigs. Marco möchte fischen. Eine Erlaubnis haben wir dafür nicht. Egal. Wir werden vorsichtig sein.

„Da drüben ist es perfekt“, ruft Marco und schreitet voran. In einer ruhigen Bucht lassen wir uns nieder. Tennisballgroße Libellen fliegen durch die Luft. Frösche quaken. In der Ferne macht eine nackte Frau mit gewaltigen Brüsten einen Kopfstand. Marco zieht sein Shirt aus und krempelt die Hose hoch. Als er fünf war, hat ihm sein Vater das Fischen beigebracht. „Ich glaube, ich hab’ eine Form von ADHS“, erklärt er. „Beim Fischen kann ich mich auf eine Sache konzentrieren.“

Beim Angeln kann er sich konzentrieren, sagt Marco Michael Wanda.
Beim Angeln kann er sich konzentrieren, sagt Marco Michael Wanda. Vielleicht gefiel ihm deshalb dieses Foto so gut – es ziert das Cover von Wandas zweitem Album BUSSI

Er präpariert die Angel, eine Spinnrute. Damit fängt man Raubfische. Marco hat sie gestern erst gekauft. Auch deshalb hat die Fahrt nach Leipzig so lange gedauert. „Wir haben eine Dreiviertelstunde im Geschäft gustiert“, erzählt Dominik, ein tiefenentspannter Mann, der sich von seiner Dreifachbelastung als Tourmanager, Sound-Techniker und Busfahrer nicht aus der Ruhe bringen lässt. „Du kannst dir vorstellen, wie begeistert die anderen waren.“

Allzu begeistert wirken sie auch jetzt nicht. Am Abend sollen sie beim „1LIVE“-Festival in Bielefeld spielen. Zwischen See und dort liegen gut 350 Kilometer auf der Autobahn. Marco stört das nicht. Er stakst in den See. In hohem Bogen wirft er die Angel aus. Bleich wie ein Vampir steht er da, die Zigarette im Mundwinkel. Ein Fischer namens Wanda.

Die Anderen warten geduldig am Ufer. Wie sie da sitzen, in Jeans und Lederjacken, sehen sie aus wie eine Motorrad-Gang. Ray ist ein naturcooler Hund mit kreisrunder Sonnenbrille. Vor zwei Jahren wurde er rekrutiert, weil er sein Instrument spielen und gleichzeitig rauchen konnte. Eine Voraussetzung für einen Job bei Wanda.

Manuel begleitet Marco bereits seit zehn Jahren. Die beiden haben in Rock- und Funkbands gespielt, Verschiedenes ausprobiert. Manuel weiß mehr über Rainhard Fendrich als für irgendeinen Menschen gut sein kann. Er hat Marcos Potenzial als Liederschreiber früh erkannt. „Mach einfach, du führst uns schon irgendwo hin“, soll er einmal zu ihm gesagt haben.

Daniel Gebhart de Koekoek Musikexpress
Daniel Gebhart de Koekkoek Musikexpress