Nachruf

„Ich wäre gern sein Freund geworden“: So bleibt uns Wanda-Keyboarder Christian Hummer in Erinnerung (Nachruf)

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Christian Hummer war vom ersten Ton an unsterblich. Wer 2014 das Debütalbum von Wanda auflegte, wusste das. Auf AMORE schien der Keyboarder nur als Co-Autor eines einzigen Liedes auf: „Bleib wo du warst“. Aber es war „Bologna“, die frühe Sternstunde der Band, in der sich auch Hummer verewigte: Mit diesen mächtigen Piano-Akkorden, die das Herz gleich zu Beginn in andere Sphären reißen.

Christian konnte das. Seine Klangtupfer verwandelten Songs in Kathedralen: das wehmütige Intro von „Stehengelassene Weinflaschen“, der treibende Synthie in „Gib mir alles“. Oder seine Stimme. Auf dem vierten Album CIAO! sang er seine eigene Komposition „Vielleicht“: „So versuch ich übertrieben, meinem Leben Sinn zu geben.“ Jetzt ist dieses Leben viel zu früh zu Ende gegangen. Im Alter von 32 ist Christian Hummer „nach langer, schwerer Krankheit“ gestorben. So steht es auf der Facebook-Seite von Wanda.

Ich lernte Christian 2015 kennen. Für den Musikexpress sollte ich eine Reportage über Wanda schreiben. Es war einer dieser seltenen popkulturellen Momente, in denen sich fast alle auf eine Band einigen konnten. Die Wiener hatten mit AMORE für einen ziemlichen Buzz gesorgt. Wie der Hulk, wenn er vor Wut aus allen Nähten platzt, waren Wanda von einem Moment auf den andern zu groß geworden für die Kellerlokale, in denen sie eben noch für ein Butterbrot gespielt hatten. Etwas lag in der Luft, Euphorie umgab sie. Es war ein Job, von dem jeder Musikjournalist träumt: drei Tage auf Tour mit fünf wilden Hunden.

Den größten Respekt hatte ich vor Christian. Was für ein Typ! Groß gewachsen, stahlblaue Augen, einschüchternd gutaussehend. Aber seine sanfte Art glich das alles aus. Sie passte nicht wirklich zum Lederjacken-Image der Band. Er hörte aufmerksam zu, beantwortete meine vielen Fragen geduldig und klug. Das alles war auch neu für ihn. Noch war der Erfolg nicht fassbar, die Tour fühlte sich ein bisschen an wie eine Klassenfahrt. Nach einem umjubelten Konzert in Bielefeld alberten Christian und Gitarrist Manuel Poppe am Merch-Stand herum. Sie zitierten Szenen aus der österreichischen Kult-Sendung „Alltagsgeschichten“. Minutenlang. Dabei bogen sie sich vor Lachen. Zwei Wiener Buben in der weiten Welt.

Christian Hummer hätte sich auch ein Leben ohne Wanda vorstellen können

Wahrscheinlich war das die unbeschwerteste Zeit. Dann kamen die Stadien. Das dritte Wanda-Album trug den nihilistischen Titel NIENTE, auf dem Cover waren die Band-Mitglieder transparent – und Christian schien tatsächlich immer mehr zu verblassen. Manchmal war er bei Konzerten dabei, manchmal nicht. Die Gründe blieben unbekannt, die Band hüllte sich in Schweigen. Heute weiß man: Es ging ihm gesundheitlich nicht gut. 2020 wurde er am Herzen operiert.

Er hätte sich auch ein Leben ohne Wanda vorstellen können, sagte mir Christian bei unserem ersten Gespräch. Als Musiklehrer vielleicht. Er liebte Joni Mitchell und Stevie Wonder, spielte Mozart und Beethoven auf dem Klavier, malte und zeichnete. In seinen letzten Jahren, da schien er dieses andere Leben immer mehr zu explorieren: Er gründete das Label Radio International, produzierte Newcomer wie Antonio Rampazzo. Gründete eine eigene Band mit dem hinreißenden Namen LoeweLoewe. Gesang und Gitarre: Christian Hummer. Zwei vielversprechende Singles. Ein Album wird es leider nicht mehr geben.

Zu Beginn dieses Jahres habe ich seine Stimme auf der Mariahilferstraße in Wien gehört. Zuerst konnte ich das freundliche Hallo nicht zuordnen. Dann begegneten mir seine Augen. Diese stahlblauen Augen. Und ich erschrak. Das war Christian. Ich hätte ihn fast nicht erkannt. Er war furchtbar dünn geworden. Ich traute mich nicht zu fragen, ob es ihm gut ging. Zu flüchtig war diese Begegnung. Und zu intim die Frage. Wir kannten einander nicht wirklich, obwohl er mir immer so herzlich begegnet war, als wäre ich ein guter Freund. Auch an diesem Tag auf der Mariahilferstraße. Er lud mich zur nächsten Label-Party von Radio International ein. Danach habe ich ihn nicht mehr gesehen. Ich wäre gern sein Freund geworden.

Wandas fünftes Album WANDA erscheint am 30. September 2022. Alle geplanten dazugehörigen Aktivitäten, darunter auch die Release-Party im Berliner Badehaus, wurden abgesagt.


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