Eine kurze Geschichte des Afrobeat


Schon Miles Davis, das große Vorbild Fela Kutis, hatte erklärt, dass dem Afrobeat die Zukunft der Popmusik gehört. Inzwischen wird unter dem Label Afrobeat so etwas wie der weltweite Siegeszug der Polyrhythmik gefeiert.

Was macht Afrobeat im engeren Sinne aus, neben dem genial organisierten Rhythmusgestrüpp, dessen Erfindung Fela Kutis Drummer und Bandleader Tony Allen zugeschrieben wird? Der Bigband-Bläser-Sound und die Loop-artigen-Tracks, die in langen Schleifen um Soundmuster kreisen, die Transzendierung von Jazz und Funk, Improvisation und Performance als Teile einer ganzheitlichen Soul-Lehre. Afrobeat im weiteren Sinne bezeichnet die Orchestermusiken afrikanischer Provenienz, die im Zuge von Fela Kutis Funk-Revolution entstanden und sich durch regionale Traditionen und Instrumente zum Teil deutlich voneinander unterscheiden.

Viele kleine Afrobeats

NIGERIA Der Lagos-Funk der 70er war der definitive Mainstream des Afrobeat, beispielhaft interpretiert von Musikern wie Segun Okeji und Segun Bucknor. King Sunny Ade schrammte ein Jahrzehnt später mit seiner Weiterentwicklung komplexer Beats unter Zuhilfenahme von Talking Drums knapp an einer internationalen Karriere vorbei.

ÄTHIOPIEN Der Kuti-Saga vergleichbar ist vielleicht nur die Geschichte des Keyboarders und epochalen Arrangeurs Mulatu Astatqe, der in England studierte und die USA besuchte. Sein Äthiobeat integriert Latin-Elemente, thematisiert die Liaison mit dem US-Jazz und Funk, der nur in homöopathischen Dosen in das kulturell isolierte Äthiopien drang. James Browns „The Popcorn“ wurde dennoch zu einer Blaupause für den äthiopischen Funk zum Finale der Haile-Selassie-Ära.

GHANA Ende der 60er dominierte der Fusion-Sound Highlife die Musiklandschaft Ghanas, interpretiert von kleinen Gitarrenensembles und Bigbands. Zu dieser Zeit begannen ghanaische Bands auch, Beatles und Stones zu imitieren, Soul-Stars wie Wilson Pickett und Ike & Tina Turner traten in Accra auf. 1969 feierten Osibisa weltweite Erfolge, eine halb ghanaische, halb karibische Afrojazzrock-Band. Osibisa blieben die Ausnahme: Anders als in Nigeria, wo EMI und Decca Musiker mit größeren Budgets ausstatteten, operierten ghanaische Bands auf einem Low-Budget-Level. Ghana blieb lange der kleine LoFi-Bruder des großen Nigeria.

MALI, längst Synonym für Afro-Blues. Nach dem Tod von Ali Farka Toure im März 2006 treten die großen Interpreten von Ngoni (ein Urahne des Banjos) und Kora (21saitige afrikanische Harfe) in den Mittelpunkt der Popmusik made in Mali. Mit dem Ende der 60er erfasste der Siegeszug des anglo-amerikanischen Beat die Musikszene des Wüstenstaats. Mali entwickelte im Gleichschritt mit Nigeria so etwas wie eine aus eigenen Traditionen erwachsene Beat-Variation. Das war zu großen Teilen das Verdienst der Super Rail Band, die zwei später global operierende „Weltmusiker“ beheimatete: Mory Kante und Sauf Keita. Der Rail-Band-Sound war wesentlich weicher als der muskelbepackte, fordernde Fela-Funk – ein Schmelztiegel, in dem sich die Geschichten der Mandingo mit den Pop- und Rock-Moden der Zeit mischten, immer mellow, meistens tanzbar. Das Instrumentarium blieb stilbildend für den Mali-Pop der 70er: Gitarren, Saxofone, Percussion und Balafon.

SENEGAL Youssou N’Dour und Baaba Maal katapultierten Senegal in den i99oern auf die Weltkarte des Pop. Ihre Vorläufer in den Sixties spielten für eine bourgeoise Elite Covers von kubanischen und Latin-Hits. Eines dieser Nightclub-Orchester war die Star Band, aus der die später einflussreichsten Ensembles des Landes hervorgingen (Orchestre Baobab und Etoile de Dakar). Mit der Star Band begann auch die Re-Afrikanisierung der Popkultur des Senegal, die sich im Gesang der Griots, der Benutzung der Muttersprache Wolof und der Nähe zur Jugend Bahn brach.