Feminismus und Empowerment: So ging es bei der ME-Nacht auf dem Reeperbahn Festival 2022 ab

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Blaue Lichter flackern über den Boden, in Scharen drängen sich die Menschen im Konzertsaal des Hamburger Clubs Gruenspan. Als alyona alyona die Bühne betritt, geht ein Ruck durch die Menge, wie bei den Nachwehen einer Lawine. Die ukrainische Star-Rapperin, die erst vergangenes Jahr den ANCHOR Award des Reeperbahn Festivals entgegen nehmen durfte, trägt heute einen mit Printmuster versehenen Zweiteiler, Sneacker und geflochtene Zöpfe. Sie stellt sich vor die Ukraine-Flagge, die am DJ-Pult hängt, beginnt zu rappen – und das Publikum fängt an zu springen. Kein Halten mehr. alyona alyona ist die dritte Künstlerin des Abends, die im Rahmen der Musikexpress-Nacht im Gruenspan auftritt. „Ich weiß, wir leben in einer Zeit, die von der Klimakrise geprägt ist,“ sagt die 31-Jährige vor ihrem letzten Song des Abends. „Aber ökologische Krisen können nicht überwunden werden ohne Sicherheit. Sicherheit ist das, was mein Land jetzt braucht.“

„Egal, was ich getan hab, es war immer falsch“

alyona alyona ist heute nicht die einzige Musikerin, die mit politischen Botschaften aufwartet. Auch Mia Morgan, der erste Act des Abends, ist wütend: auf das Patriarchat, ungesunde Körperbilder, gesellschaftlich verordnete Heteronormativität. Auf ihrem Debütalbum FLEISCH, das im Frühjahr 2022 erschien, verpackt die Musikerin aus Kassel harte Themen in zuckrigen Pop, garniert mit Rock-Elementen. Morgan tanzt und windet sich während ihres Konzertes auf der Bühne, nimmt den Beat des Schlagzeugs in ihrem Körper auf, stampft auf den Boden. Das Publikum liegt ihr zu Füßen, die meisten Menschen im Saal sind bereits Fans, können jedes Wort mitsingen. „Vielleicht bin ich untot / Vielleicht bin ich depressiv / Vielleicht bin ich Jennifer Check / Vielleicht bin ich verliebt“. singt Morgan. Mitten in ihrem Set hält sie kurz inne und spricht über sich selbst, über den Kampf mit ihrem eigenen Körper, ihre frühere Magersucht, das Gefühl, nicht zu genügen. „Mal war ich zu dick, zu dünn, zu laut, zu leise, hab zu viel Raum eingenommen und dann wieder zu wenig“, sagt sie mit fester Stimme. „Egal, was ich getan hab, es war immer falsch.“

„Baby, I had an abortion – and I’m not sorry!“

Auch die Petrol Girls haben keine Lust mehr, sich von irgendjemandem etwas vorschreiben zu lassen, wer sie zu sein haben und was sie mit ihren Körpern anstellen sollen. Die britische Band rund um Sängerin Ren Aldridge macht feministischen Punk, möchte laut und unbequem sein. Und so schreit Aldridge feministische Kampfansagen wie Mantren ins Publikum, damit sie endlich jemand hört. „Abtreibungen sind normal, Abtreibungen sind Health Care, Abtreibungen sind üblich“, sagt die Sängerin, bevor sie ihre eigenen Songlyrics zitiert: „Baby, I had an abortion, and I’m not sorry!“ Aldridge trägt ein rotes Cropped-Top und eine mit Pailetten besetzte Shorts, sie springt und rennt ohne Pause über die Bühne, brüllt ins Mikro, kriecht auf dem Boden herum. Die Energie, die diese Band mitbringt, ist elektrifizierend. „It’s my body, my goddamn choice“, ruft Aldridge bei ihrem letzten Song des Sets unzählige Male, das Publikum antwortet jedes Mal.


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