Göttliche Goldkehlchen


Neville Brothers-Fan Bette Midier besorgte ihnen einst einen Plattenvertrag, Keith Richards hielt ihre LP FIYO ON THE BAYOU für das beste Album des Jahres 81, und die amerikanischen Kritiker feiern sie nach Strich und Faden. Warum, verdammt noch mal, nimmt sonst keiner Notiz von ihnen? Simple Erklärung: Die Neville Brothers, „The First Family Of New Orleans Funk“, sind zu vielseitig.

Ihre Musik paßt in keine modische Schublade, sie ist einfach nur zeitlos gut. Nach zwei – schnell aus dem Katalog gestrichenen – Studio-LPs gibt es jetzt eine Chance, die Unterlassungssünden der vergangenen Jahre wieder gut zu machen. NEVILLE-IZATION (hierzulande beim Berliner Zensor-Label erschienen) präsentiert die Gebrüder Neville live- und das ist die Situation, in der sie am besten sind. Hinter den frischen Klängen von NEVILLE-IZATION stecken über drei Jahrzehnte Musikerfahrung. Art Neville (46) war 1954 als Teenager Lead-Sänger des New Orleans-Carni val-Klassikers „Mardi Gras Mambo“ und gründete in den 60er Jahren die legendäre Sessionband The Meters; Aaron (43) erreichte mit seiner Ballade „Teil It Like It Is“ 1966 einen Nr. 1 -Hit; Charles (45) spielte Saxophon für Bobby Bland und B.B. King – und „Nesthäkchen“ Cyril (35) stieg später bei Meters als Sänger ein u.a. auf verschiedenen Tourneen mit den Stones. Obwohl die Neville Brothers als Band erst seit 1977 bestehen, haben sie seit frühester Kindheit zusammen Musik gemacht; ihr klassisch schöner Harmonie-Gesang kommt daher heute mit traumwandlerischer Sicherheit.

„Wir sind in einem sozialen Wohnungsbau-Projekt aufgewachsen. Dort setzten wir uns auf die Parkbänke, schlugen auf Radkappen, Cola-Flaschen und sangen Doo-Wop-Songs,“ erinnert sich Aaron Neville (Spitzname: „golden throat“-Goldkehle), dessen bullige Figur einen eigenartigen Kontrast zur sehnsüchtig schmachtenden Falsettstimme bildet. Die Vorbilder waren damals Gesangsgruppen wie Spaniels und die Flamingos: „Das waren halt immer fünf Jungs, die zusammen sangen. Wir taten das an der Straßenecke, sogar in der Schule: Statt in den Unterricht zu gehen, standen wir auf dem Klo. Dort gab’s nämlich einen schönen Sound. “ Auf vorliegender Live-LP greift das brüderliche Quartett tief in die Musikgeschichte ihrer Heimatstadt, von Rumba-Rhythmen („Big Chief“) bis zu traditionellem Rythm & Blues („Mojo Hannah“), von Jazz (Duke Ellingtons „Caravan“) bis zu synkopiertem Funk (Little Willie Johns „Fever“). Ihr rhythmisches Musikgebräu tischen die Brothers und ihre vier Begleitmusiker (darunter Aarons Sohn Ivan) jedoch nicht als puristische Gralshüter auf, sondern im Stil der 80er Jahre – mit einem lebendigen Percussions-Teppich und sparsamen Synthi-Einsatz. Und wie nennt man das Ganze nun? Art Neville: „Ich nenne es Voodoo-Musik. Wir haben es hiermit etwas zu tun, das wir selbst nicht verstehen. Ich könnte es nicht definieren. Wir sind nur dankbar, daß wir es in uns haben.‘ 4 Come on, y’all, get neville-ized!