Ich hab gedacht: “ Komm klar damit!“


Markus Kavka, der wichtigste TV-Musikjournalist der letzten zehn Jahre, wird bei MTV nicht mehr gebraucht. Im März startet er nun eine Web-TV-Sendung bei MySpace. Aber...

Tut das nicht weh, wenn dir nach neun Jahren MTV auf einmal die Sendungen gestrichen werden?

Naja, ich hab immer aus erster Hand mitbekommen, wie sich die Dinge beim Sender entwickeln. Es war klar, dass Einsparungen kommen würden.

Redet man sich nicht nur ein, auf alles vorbereitet zu sein? Sarah Kuttner hat ein ganzes Buch über die Angst nach der Kündigung geschrieben … Überraschend war für rmch schon, dass alles so zackig vonstatten ging. Es gab ein Gespräch im Oktober, und ich hatte erwartet, dass meine Sendungen entspannt zum Jahresende auslaufen. Aber in dem Gespräch wurde mir eröffnet, dass die schon Mitte der nächsten Woche das letzte Mal on air sein würden.

Warum hat man dich so schnell an den Rand gestellt?

Das war mir zuerst auch nicht ganz klar, weil es keine unmittelbare Veranlassung gab, so zu reagieren – die Studioverträge liefen ja auch bis Ende des Jahres weiter. Aber aus Sicht eines großen Konzerns ist es auch nachvollziehbar: Niemand möchte Mitarbeiter haben, die wissen, dass sie in zwei, drei Monaten ihren Job los sind. Das ist schlecht fürs Betriebsklima.

Wie beurteilst du die Entwicklung im Musikfernsehen generell – blutet dir das Herz? Die Situation ist 2009 einfach nicht mehr mit den Hochzeiten des Musikfernsehens Mitte bis Ende der 90er-Jahre vergleichbar. Damals war Musik fast exklusiver Content, da hat ein Sender dieser Art noch Sinn gemacht: Hier laufen Videos, hier geht es um Musik, müsst ihr kucken, sonst kriegt ihr nichts mit. Jetzt schaut man sich Videos im Internet an.

Aber Leute wollen noch was über Musik erfahren?

Ja schon, das merke ich ja. Es ist ein großes Informationsbedürfnis da. Vor allem, wenn es darum geht, neue Sachen zu finden. Da haben Musikmagazine — Pnnt wie Online — eine sehr, sehr wichtige Filterfunktion. In gewissem Sinne auch noch MTV. Weil durch das Netz das Angebot so riesig geworden ist, steigen die Leute überhaupt nicht mehr durch. Da ist ganz förderlich, wenn man sie ein bisschen an die Hand nimmt.

In deiner neuen Sendung „Kavka vs. The Web“ stellst du bei MySpace eine „Band der Woche“ und einen „MySpacer der Woche“ vor. Hast du dir das ausgedacht?

Die Idee entstand aus einer Spinnerei – wir haben erst ganz informell geredet. Als es konkreter wurde, haben wir gedacht: Eine Art Personality-Show wäre gut, aber auch eine, in der MySpace gefeatured ist.

Du stellst dich bei der Sendung mit deinem Namen relativ klar in den Dienst von MySpace. Ist dir die Entscheidung leicht gefallen?

Ich weiß ja, wie das bei MTV mit der Eigenwerbung war, wenn neue Formate eingeführt wurden. So lange das noch in dem Rahmen ist, in dem man das unter „Service-Charakter“ abheften kann … Wenn es passt, baut man es eben ein. Vom Konzern sagt niemand, dass wir eine siebenminütige Dauerwerbesendung darüber machen müssen, was alles Geiles auf MySpace passiert.

In der ersten Folge wirkt es trotzdem ein wenig so …

Mir ist es auch erst aufgefallen, als das Ding fertig war-es ist natürlich schon sehr präsent. Aber das ist auch das Maximale, was wir an MySpace-Einbindung haben werden.

Du hast mal bedauert, dass das Fernsehen seinen Bildungsauftrag nicht mehr ernst nimmt. Wärst du als erfahrener Musikjournalist nicht auch mit einem etwas tiefer gehenden Konzept bei z.B. ARTE gut aufgehoben?

Tatsächlich arbeite ich auch konstant an solchen Ideen. Ich sehe mich perspektivisch auch eher beim Öffentlich-Rechtlichen. Auch wenn die noch teilweise Berührungsängste haben. Und was Musik betrifft, sind alle gerade sowieso ein bisschen vorsichtig — wenn es nicht gerade um eine lustige Charts-Show geht. Aber vielleicht wird das wieder besser, „Tracks“ bei ARTE ist ja immer noch vorbildlich.

Hast du je mit dem Gedanken gespielt, in ein „normaleres“ Leben zurückzugehen?

Schon länger nicht mehr. Zum einen hab ich mich inzwischen ganz okay damit arrangiert, in der Öffentlichkeit zu stehen – ich kann mich eben nicht ganz so frei bewegen, wenn ich bei H&M Unterhosen kaufen geh. Zum anderen steh ich einfach auch wahnsinnig gern vor der Kamera. Also hab ich jetzt aufgehört, das in der Grundsätzlichkeit zu hinterfragen. Ich hab mir gedacht, mach einfach, was dir Spaß macht, und komm klar damit. Das geht jetzt auch.

www.markus-kavka.de