Interview mit „Paterson“-Regisseur Jim Jarmusch: „Ich habe keine Ahnung, was zum Teufel meine Filme bedeuten“

Ihre weißen Haare sind Ihr Markenzeichen geworden. Aber wie fühlte es sich für Sie an, als Ihre Haare in sehr jungen Jahren grau wurden?

Nicht besonders gut. Denn ich war damals noch ein Teenager. Ich erinnere mich noch sehr gut, wie die Mädchen in meiner Klasse mich ausgelacht haben: „Wenn du das Haus deiner Eltern gestrichen hast, solltest du dir vielleicht mal die Haare waschen.“ Das war echt mies, Mann. Es war ja nicht meine Schuld. In dieser finsteren Phase fing ich irgendwann an, schwarze Klamotten zu tragen.

Als modischen Protest?

Genau. Die Inspiration war so eine Mischung aus Hamlet, Zorro und Roy Orbison. Der Look gefiel mir dann aber so gut, dass ich dabei geblieben bin. Als ich dann „Stranger Than Paradise“ gemacht hatte, schrieb ein Kritiker: „Was für ein prätentiöser Idiot. Er zieht sich schwarz an, färbt sich die Haare weiß und macht einen Schwarz-Weiß-Film ohne irgendeine Form von Action.“

Wie haben Sie reagiert?

Ich fand das ganz schön kaltherzig. Aber ich habe da eine wichtige Lektion gelernt. Wenn dich irgendjemand nach deinem Äußeren beurteilt: Just fuck them! Das ist deren Problem. Und deswegen darf ich es nicht persönlich nehmen. Es gab allerdings eine Zeit, in der ich darüber nachgedacht habe, mein Haar schwarz zu färben. Aber dann hätten sie wahrscheinlich geschrieben: „Was für ein prätentiöser Idiot, der sein Haar schwarz färbt.“ (lacht) Irgendwann habe ich die Haare einfach so akzeptiert, wie sie sind.

Viele Künstler beginnen Ihre Karriere als Teil der Gegenkultur. Mit dem Erfolg werden sie Mainstream. Sie gelten immer noch als unangepasst und unabhängig. Wie haben Sie das gemacht?

Ich mache eben Filme auf meine Art und dafür habe ich gekämpft. Letztendlich geht es ja darum, dass dir die Menschen, die dir das Geld geben, um einen Film zu machen, nicht vorschreiben dürfen, was du zu machen hast. Es liegt auch daran, dass ich extrem störrisch bin: Auf so einen Kompromiss würde ich mich nie im Leben einlassen. Solche Projekte interessieren mich nicht.

Man hat Ihnen doch bestimmt einmal viel Geld angeboten, um einen Blockbuster wie „Star Wars“ zu drehen, oder?

„Star Wars“ hat man mir zwar nie angeboten, aber man wollte mich damals tatsächlich für sehr seltsame kommerzielle Projekte anheuern. Mir wurde dann allerdings ziemlich schnell klar, dass die nicht einmal meine Filme kannten. Die hatten nur meinen Namen als einen der aufstrebenden Regisseure in Branchenblättern wie „Variety“ gelesen.

Tilda Swinton hat Sie als einen Rockstar beschrieben. Möchten Sie sich davon distanzieren oder stimmen Sie dem zu?

Ich würde mich nie von etwas distanzieren, was Tilda Swinton gesagt hat. (lacht) Sie ist meine furchtlose Führerin. Ich würde alles tun, was sie sagt. Und ich wünsche mir, sie wäre die Königin der Welt. Ich liebe sie so sehr, dass können Sie sich gar nicht vorstellen. Sie ist ein fantastischer Mensch.

Es geht allerdings auch Indie: Tilda Swinton als depressive Vampirin in Jim Jarmuschs "Only Lovers Left Alive". Ab 19. Dezember 2013 in den deutschen Kinos.
Tilda Swinton und Tom Hiddleston in „Only Lovers Left Alive“.

Was könnte sie damit gemeint haben?

Keine Ahnung. Aber ich nehme es als Kompliment. Wenn ich zu lange darüber nachdenke, wird es mir sicher peinlich.

Einige Kritiker haben „Paterson“ als Ihren persönlichsten Film bezeichnet. Was halten Sie von solchen Theorien?

Als „Only Lovers Left Alive“ in die Kinos kam, haben sie auch geschrieben: „Sein persönlichsterFilm.“ Und ich erinnere mich sehr gut, dass die Reaktionen auf „Broken Flowers“ auch in dieselbe Richtung gegangen sind. Es ist etwas kurios. Für mich ist jeder meiner Filme gleichermaßen persönlich. Ich muss aber auch gestehen, ich bin nicht besonders gut darin, meine Filme zu vergleichen oder zu analysieren. Ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung, was zum Teufel sie bedeuten.

Untertreiben Sie da nicht ein bisschen?

Ich folge einfach meinen Instinkten. Und es fällt mir wirklich schwer, anschließend einzuordnen, was ich da gemacht habe.

Warum wollten Sie einen Film über einen Poeten machen und welche Rolle spielt Poesie in Ihrem Leben?

Als Teenager habe ich angefangen, die französischen Symbolisten zu lesen, in der englischen Übersetzung natürlich. Ich habe Baudelaire und Rimbaud entdeckt. Dann habe ich mir die amerikanischen Poeten vorgenommen. Mit Walt Whitman habe ich angefangen. Irgendwann habe ich auch William Carlos Williams und seine Paterson-Gedichte gelesen. Wissen Sie, warum ich Poeten mag?

Weil Sie unangepasst sind?

Ich habe nie einen Poeten getroffen, der diesen Job für Geld gemacht hat.

Stimmt, Geld ist mit Poesie nicht zu verdienen.

Adam Driver in Jim Jarmuschs „Paterson“.
Adam Driver in Jim Jarmuschs „Paterson“.

Poeten meinen wirklich, was sie machen, weil sie die Poesie lieben. Als ich dann aus Akron in Ohio entkommen konnte, wo ich aufgewachsen bin, und endlich in New York gelandet war, war ich total begeistert von den Dichtern der New York School. Das Buch „Anthology Of New York Poets“ war damals meine Bibel. Und wenn man eines Tages eine Art cineastisches Äquivalent zu den Gedichten der New York School definieren würde, wäre ich überglücklich, wenn ich unter diesen Regisseuren wäre. Diese Poeten gehören zu meinen absoluten Helden.

Wird man Ihnen in Paterson jetzt ein Denkmal bauen, weil man durch Ihren Film wieder über diese Kleinstadt spricht?

Das bezweifle ich stark. (lacht) Paterson hat eine interessante Geschichte. Es liegt relativ nah bei New York und trotzdem wissen viele New Yorker nicht, dass es existiert. Der einzige Grund, aus dem man heute überhaupt noch über Paterson spricht, ist der Rapper Fetty Wap. Er ist der König von Paterson, weil er im vergangenen Sommer diesen Riesenhit „Trap Queen“ hatte. Ich bin ja ein großer HipHop-Fan, obwohl mir seine Musik etwas zu glatt und kommerziell ist.


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Was mögen Sie eigentlich an HipHop? Diese Musik scheint so gar nicht zu Ihnen zu passen.

Für mich ist Hip-Hop eine wunderbare Weiterentwicklung von Blues, Funk, Reggae, Calypso und Soul. Die Texte können unglaublich komplex und großartig sein. Ich hatte vor Jahren mal diesen Streit mit einem Freund von mir. Er hat als Rockkritiker für den „Rolling Stone“ geschrieben und ist ein großer Blues-Fan. Er meinte: „Jim, was ist eigentlich mit dir los? Du bist ein weißer Junge aus Akron, Ohio. Was findest du an dieser Ghetto- Musik über Drogendealer und solche Sachen?“ Da habe ich ihm geantwortet: „Du hörst Blues und bist ja wohl auch noch nie auf dem Mauleselkarren zum Baumwollpflücken gefahren worden, oder?“ Für mich ist all diese Musik eine weitere Form des Geschichtenerzählens. Obwohl es auch eine Menge Dinge gibt, die ich an der Hip-Hop-Kultur nicht mag. Vieles dreht sich inhaltlich nur um Geld, Bling–und es wird oft frauenfeindlich. Diese ganze Macho-Attitüde ist nicht meine Sache.

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