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Jan Joswig kontrolliert: Bands jenseits von Modetrends

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Was für ein Befreiungsschlag, wenn Popmusiker nicht mehr Modeaffen mimen müssen! Schneidiger 60s-Anzugträger, verwunschene Gothic-Prinzessin oder derber Trapper… Wo kommen nur diese Stylingauswüchse in jüngster Zeit her?

Popmusiker sind doch keine Multitalente, die so gut musizieren wie tanzen wie sich kleiden können (außer in Ausnahmefällen, wie bei Snoop „Lion“ Dogg). Meistens sind diese Gesamtinszenierungen das Ergebnis gemeinsamer, konspirativer Anstrengungen. Die Sicherheitsnadeln hat Malcolm McLaren den Sex Pistols angesteckt, hinter Lady Gagas Kostümen steht Nicola Formichetti, hinter Franz Ferdinands Anzügen John Varvatos. Alles ein fauler Bluff mit unsichtbaren Strippenziehern also. Und beim Beispiel Franz Ferdinand auch noch verpfuscht. Unglücklich und unglaubwürdig ragten den armen Jungs die Gliedmaßen aus den ach so smarten Varvatos-Anzügen. Konfirmation, ihr Helden.

Smarter ist es, sich außerhalb der Mode zu stellen. Man kreiert keine Antimode, die doch nur wieder den Impuls zur nächsten Mode gibt. Man hält sich einfach raus – so wie es der Schlurfi-Look der US-amerikanischen Indie-Szene der späten Achtziger vormachte. R.E.M., Galaxie 500, Pixies oder Lemonheads beließen es beim Schlabber-T-Shirt plus Allerweltsjeans. Fertig. Man kann diese Szene nicht einmal als Slacker titulieren, dabei schwingt noch zu sehr ein modisches Programm mit. Echte Indie-Schlurfis ahnen gar nicht, was für Signale in den Klamotten stecken könnten. Sie verharren in einem Zustand der modischen Unschuld.

Einer wie Tommy Grace allerdings hat dieses Nichtwissen, diese Unschuld perfektioniert. Der Keyboarder von Django Django, unseren Lieblings-Newcomern aus dem Jahr 2012, ist der Inbegriff des modisch ahnungslosen Normalos. Beim Rest der Band finden sich jenseits ihres uniformierten Bühnen-Looks einzelne Elemente aus dem aktuellen Streetwear-Katalog: eine enge, umgekrempelte Jeans, eine Jacke mit Lammfellfutter, eine College-Jacke, eine Chino. Nur Tommy Grace hält sich mit Bootcut-Jeans und unifarbenem T-Shirt oder Rundausschnittpul­lover komplett raus. Er steht so souverän jenseits aller Mode, wie es die Hipster angestrengt vorzutäuschen versuchen. Auf diesen Vorsprung durch Nichtwissen kann man nur neidisch sein.



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