Joe Cocker: Musik für den Körper


Joe Cocker setzte sich damals in das, manchmal schon Übelkeit erregende Karussell der „leichten Musik“. Er selbst sagt dazu: „Ich war immer ein nervöser, gejagter Mann. Aber wenn ich auf der Bühne stehe, fällt alles von mir ab und ich werde merkwürdig ruhig. Die Musik bedeutet für mich, ganz intensiv zu leben“. Obgleich Joe diverse Platten aufgenommen hat, die zu regelrechten Welterfolgen wurden, liess er sich nie beeinflussen und blieb immer seiner eigenen Stilrichtung treu. Eine Lennon-McCartney-Produktion bekommt, von Cocker präsentiert, eine ganz andere Ausdruckskraft, was hauptsächlich auf sein meisterliches Timing zurückzuführen ist.

Wenig freie Zeit….

Das Endresultat überrascht Joe jedes Mal wieder genauso wie die begeisterten Reaktionen des Publikums während und nach einem Auftritt. Es ist nur schade, dass die Plattengesellschaften mit Joe’s Talenten ein wenig achtlos umgehen. Er reiste für die Promotion seiner drei Alben um die ganze Welt, sodass ihm nur wenig Zeit blieb zum Komponieren und Texten. Zum Ausruhen gönnte ihm die Plattenfirma in letzter Zeit überhaupt keine Zeit. Nachdem sein zuletzt erschienenes Doppelalbum so erfolgreich war, denkt er jetzt schon daran, möglichst bald die nächste LP aufzunehmen. Jeder kennt inzwischen wohl schon die Geschichte von „Mad Dogs And Englishmen“. Im letzten Moment wurde für die Aufnahmen eine Anzahl Prominenter zusammengetrommelt. Dazu gehörten unter anderem auch Leon Russell, Chris Stainton, ein paar Freunde von Delaney und Bonnie und noch zwanzig weitere Musiker. John Fogerty von den CCR äusserte sich zu dieser Platte folgendermassen: „Eine Live-LP lässt sich immer gut verkaufen. Verständlich, dass die Plattenfirmen an einer Doppelten besonders gut verdienen. Vor allem in diesem Fall, wo die Gesellschaft weder Mühe noch Kosten hatte, die Leute zusammen zu bekommen“.

Joe Cocker ist ein Mann, der in den Tag hineinlebt und das Leben nimmt, wie es kommt. Er will auch nie zu weit voraussehen, denn das Leben kommt doch immer anders, als man denkt. Einen Wunsch hat er sich bisher noch nicht erfüllen können: Er würde sehr gerne lernen, irgendein Instrument zu spielen. Jedoch ist es wieder der Mangel an Zeit, der ihn davon abhält. Vor einigen Jahren waren noch Elvis Presley, Little Richard und Bill Haley die vielumschwärmten Idole. Ihre Musik war für die damalige Jugend schon beinahe so etwas wie eine Weltauffassung. Später machte der Rock’n’Roll einer neuen Musikrichtung Platz, der „Rock Musik“. Die grössten Leute auf diesem Gebiet waren natürlich die Beatles. Sie lehrten uns, dass die Musik nicht in einer festen Form gebracht werden muss. Sie machten es sich zum Ziel, in erster Instanz den Geist zu erobern. Sie meinten, der Körper würde von selbst folgen. Und das war auch so. Alles stimmte genau und ein paar Jahre nach dem Beginn der Beatles-Periode kam dann die endgültige Perfektion der Rock Musik (Sgt. Pepper).

Ein Schritt zurück für Cocker

Ungefähr zu der Zeit, da die Beatles ihr Album „Sgt. Pepper“ herausgaben, zog ein 25-jähriger Engländer nach Amerika aus. Mit sich nahm er das Arrangement der Beatles „With A Little Help From My Friends“ über den Ozean. Sein Name: Joe Cocker, bis dahin noch mehr oder weniger unbekannt. Eigentlich machte er genaugenommen mit seiner Musik einen Schritt zurück in die Richtung des Rock’n’Roll. Aber es ist eine Tatsache, dass Cocker mit seiner unglaublich swingenden Stimme und seinen faszinierenden Leistungen inzwischen einer der Grössten geworden ist. Vielleicht, weil er mit seinem Sound die Erinnerung an längst vergangene Zeiten in einem wachruft. Sein Stil ist eigentlich altmodisch, scheint aber gerade darum soviel Anklang zu finden. Als Cocker sich in den Staaten niederliess, sah er schon bald ein, dass er zum Opfer von Vorurteilen werden würde. Man fand, dass er sehr dynamisch war, aber weiter nichts besonderes. Joe liess sich jedoch nicht unterkriegen, er glaubte an sich und seine Musik und ebenso an seinen Stage-Act, den er immer mehr perfektionierte. Und langsam aber sicher gewann man in Amerika die Oberzeugung, dass er doch etwas konnte. Man begann, über ihn zu schreiben und der Plattenverkauf stieg.

Joe ist übrigens ein Typ, den nichts so leicht erschüttern kann. Erfolg zu haben findet er zwar ganz schön (und wer findet das nicht?), er weiss jedoch genau, wie vergänglich Erfolg sein kann. Es könnte übrigens passieren, dass wir von ihm nach „Mad Dogs And Englishmen“ eine Weile nichts hören. Bis er dann plötzlich wieder mit einer heissen Scheibe herauskommt. Seine Musik ist ausgezeichnet geeignet für ein Fest oder sowas ähnliches. Ein Fest, bei dem jeder Lust hat zum Tanzen und Springen. Im Gegensatz zu vielen anderen Leuten heute, macht Joe Musik für den Körper. Musik, nach der man sich mal so richtig austoben kann, so richtig verrückt spielen…