Juliane Werding hat mein Leben verändert

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Dieses Lied habe ich seit Ewigkeiten nicht mehr gehört. Aber „Stimmen im Wind“ von Juliane Werding hat mein Leben verändert. Meine Art Musik zu hören, und vor allem, welche Art von Lieder mich eher erreichen würden als andere.  Als der Song 1986 erschien, war ich elf, und „Stimmen im Wind“ musste sich erst einmal hinten anstellen. Hinter dem Top Gun-Soundtrack, Rocky 4 und True Blue von Madonna.  War aber kein Problem. Denn vor diesem Song gab es über Monate kein Entkommen. Er lief überall, vor allem bei der ZDF-Hitparade.  Und er sickerte langsam in mich rein.

Das ist ja das Gemeine am Schlager. Er berieselt, sickert langsam rein. Aber zwischen den Zeilen steckt dann doch mehr drin, als man wahrzunehmen meint. Man kann es auch an den Gesichtern der Schlagersänger ablesen.  Dass hinter Roy Black und seinem „Für Dich allein“ etwas zutiefst Trauriges steckte, bemerkt man ja auch schon als Kind. Ganz gefährlich für einen Elfjährigen, der Musik langsam zu verstehen lernt. Und sich wie ich, im Schlafanzug, vor den Fernseher setzte. Im Frieden. Es ist ein vordergründig  freundliches Setting, das die „ZDF-Hitparade“ bietet. Lauter schläfrige Senioren im Publikum. Nur gelegentlich wurden die wach, wenn die Quasselstrippe Heck wieder loslegte. Der Rest war Happyness.

Nein. In Wirklichkeit ging es da um traurige Schicksale, die Sänger waren traurig, und die Songs auch. Die Hitparade war also eine regelrechte Falle.

Juliane Werding, 30 damals, stach unter allen hervor. Sie hatte stets etwas Maskenhaftes. Das war ihre heimliche Stärke. Werding wirkte wie die Überbringerin fremder Botschaften.  Sie versuchte gar nicht erst so zu tun, als hätte sie die ganzen Sachen selbst getextet. Sie kam ehrlich rüber.  Und in „Stimmen im Wind“ war sie die Geisterbotin.

Was ist das für ein Text. Wahnsinn. „Schwarze Vögel, roter Himmel, Frau am Meer. Riecht an Blumen, aber ihre Hand ist leer“.  Klarer Aufbau der Szene. Wie ein kleines Bild. Rot und schwarz, diese Kombination bedeutet auch den Tod. Keine Frage, die Frau im Song ist ein Geist. Ein Geist, der nicht weiß, dass sie ein verstorbener Mensch ist.  So Twilight-Zone-mäßig. „ Sieht ein Schiff im Sturm versinken, hört Menschen schreien. Sie ist nicht verlassen, nur allein.“  Es geht also um Tote, die auf dem Meeresgrund ihr Geisterdasein fristen müssen, nur die Frau steht noch am Ufer, darf noch nicht runter. Und sowas in der ZDF-Hitparade? Eben.

„Sei nicht traurig, Susann, es fängt alles erst an.“ Ja, was denn. Der Alptraum?

Das Lesegold in „Stimmen im Wind“ verbirgt sich hinter Strophe zwei. „Lächeln in erschreckten Augen, blind vom Licht“ (das Licht am Ende des Tunnels, der Tod), „Tränen wie aus Eis verbrennen ihr Gesicht“ (sie alle wollen noch nicht sterben), und dann, endlich: „ Pärchen auf vergilbten Fotos der Fantasie, Menschen die sich lieben sterben nie“. Ich finde diese Zeilen genial. Ich will heute immer noch wissen, wer das getextet hat. Was für Einsichten da abgehandelt werden. Es geht um Menschen, die Angst haben vor dem Tod. Um das, was nach dem Tod kommt. Und um Wiedervereinigung. Es ist ganz simpel, aber es stimmt. Love Is Stronger Than Death.

„Sehnsucht ist unheilbar“ hieß das dazugehörige Album. Vielleicht der beste Plattentitel aller Zeiten. Songs in Moll schlagen seitdem jeden Song in Dur, so ist das bei mir. Danach ging es für mich folgerichtig weiter mit Depeche Mode. Ich musste ja auch mal älter werden. Depeche. Genau das Richtige für die Pubertät, und alle Fragen, die man sich dann stellt.

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