Interview

Kein Maifeld Derby 2020: Warum das Liebhaber-Festival eine Pause braucht

Das Maifeld Derby in Mannheim steht und fällt mit seinem Veranstalter Timo Kumpf. Er hat das Liebhaber-Festival ins Leben gerufen und sich damit einen hervorragenden Ruf erarbeitet. Doch jetzt hat er entschieden, es 2020 pausieren zu lassen. Wir haben mit ihm über die Gründe dafür geredet. Das Gespräch zeigt, dass gerade Menschen aus dem Kulturbereich immer wieder in die Selbstausbeutungs-Falle tappen und woran die deutsche Festivallandschaft allgemein krankt.

Timo Kumpf ist gelungen, was er sich schon mit 16 erträumt hatte. Damals zog er mit Freunden sein erstes kleines Festival hoch. Und da wusste er: Eines Tages mach ich ein richtiges Open-Air! So kam es tatsächlich. Timo spielte als Bassist in verschiedenen Bands, ging an die Popakademie in Mannheim, lernte Konstantin Gropper kennen, wurde Mitglied in dessen Livebesetzung von Get Well Soon und sammelte auf diesem Weg ausreichend Erfahrungen, Kontakte und Eindrücke, um 2011 mit dem „Maifeld Derby“ in Mannheim an den Start zu gehen.

Die Drei-Tage-Veranstaltung an der Pferderennbahn auf dem Maimarktgelände hat sich seitdem als echtes Liebhaber-Festival einen Namen gemacht. Zuschauer kommen auch aus den großen Städten der Republik und sogar bis aus dem Ausland angereist, um eine ambitionierte Programm-Mischung live zu erleben, die nicht nur relativ exklusiven Acts wie Kate Tempest, Slowdive, Ghostpoet, Future Islands, Efterklang und Brand New einen besonderen Rahmen gibt, sondern eben auch eine große stilistische Breite wagt.

Kooperation

Durch die Kontakte, die durch das Maifeld Derby entstanden sind, wurde Timo Kumpf zudem zum regionalen Veranstalter im Raum Mannheim. Mit seiner vierköpfigen Agentur führte er im vergangenen Jahr fast 100 Konzerte durch. Das Maifeld Derby ist ihm aber immer das wichtigste Anliegen geblieben; es ist „mein Baby“, wie er sagt. Und gerade, weil es ihm so wichtig ist, hat er vor ein paar Tagen entschieden, die Notbremse zu ziehen und für 2020 – da stünde eigentlich das zehnte Maifeld Derby an – eine Pause einzulegen. Hier erzählt er, warum.

Musikexpress: Was sind die Gründe, die dafür sorgen, dass es im kommenden Jahr kein Maifeld Derby geben wird?

Timo Kumpf: Die Gründe sind vor allem persönlicher Natur. Ich habe zuletzt überhaupt keine Ruhe mehr gefunden. Die vergangenen Jahre lief das so, dass ich total erschlagen vom Festivalabbau nach Hause gekommen bin, eigentlich erst mal für Tage absolut handlungsunfähig war, dann aber sofort wieder mit zig Fragen fürs nächste Jahr belangt wurde. Ich konnte deshalb privat auch gar keine Pläne mehr machen. Mit den Konsequenzen muss ich jetzt halt leben. Die Pause möchte ich mir nehmen, um die Prioritäten in meiner Arbeit und meinem Leben neu zu setzen. Ich muss mich und mein Geschäft aufräumen und dann hoffentlich zurückkehren mit viel frischer Energie und Ideen – das hätte das 10. Maifeld Derby einfach auch verdient. Das bedeutet aber nicht, dass ich für dieses Jahr nicht motiviert bin. Gerade weil ich weiß, dass ich mich danach erstmal auf andere Dinge konzentrieren kann, habe ich Megabock.

Das Maifeld Derby steht und fällt tatsächlich mit deiner Person, richtig?

Ja, die ganze Veranstaltung ist schon zu sehr auf mich zugeschnitten – von der Organisation der Kloreinigung bis zum allerletzten Programmpunkt. Ich erledige das Booking, die Produktionsplanung, schreibe alle Ankündigungstexte und so weiter. Das war mir ja auch immer wichtig, mir machen all diese verschiedenen Aspekte großen Spaß – von der Optimierung des Geländes bis hin zu einem noch besseren Getränke- und Essensangebot. Deshalb laufen viele dieser Sachen bei uns ja auch anders als bei „normalen“ Festivals.

War es ein Fehler, das Festival nicht auf ein paar Schultern mehr zu verteilen? Oder ist das unter den wirtschaftlichen Voraussetzungen gar nicht möglich?

Ich habe ja jetzt schon viele Leute mit hineingezogen, die freiwillig mithelfen, und natürlich arbeitet auch das Team aus meiner Konzertagentur mit. Ich habe wohl sogar ein paar Freundschaften durch das Festival verbrannt, denn bei der Veranstaltung selbst sind wirklich alle, Freunde und Familie, mit eingespannt. Und ich konnte dann aus Zeitgründen diese Gefallen nicht erwidern. Ich könnte mir allerdings nicht vorstellen, über Inhalte mit einem Programmausschuss oder so entscheiden zu müssen: Das ist meine Baustelle. Aber zu meiner Neuausrichtung wird sicherlich auch gehören, Aufgaben abzugeben und die Strukturen so klar zu definieren, dass andere Leute darin selbständig arbeiten können. Ich habe ein tolles Team, das dieses Vertrauen auch verdient hat.

Geht dir durch den Ausfall des Maifeld Derby 2020 nicht auch Geld verloren?

Mein Geld verdiene ich mit den Shows und Konzerten, die ich mit meiner Agentur übers Jahr veranstalte. Das Maifeld Derby hat inhaltlich zwar die größte Priorität, aber wirtschaftlich gar keine. Wir haben drumherum sogar ein eigenes Zeltfestival auf dem Gelände ins Leben gerufen, um die Infrastruktur zu finanzieren. Dort spielen dann Acts von Cypress Hill bis Nena. Ich versuche hier selbstständig, die Kultur über Kommerz zu finanzieren – das ist als ob ein Nationaltheater in seinem Keller eine Schaumparty durchführen würde.

Was müsste man aus rein wirtschaftlichen Gesichtspunkten anders machen, um ein Festival in der Größenordnung des Maifeld Derby quasi als Selbstläufer durchzuführen?

Man sieht ja, dass sich die großen Festivals in Deutschland dahin entwickelt haben, immer wieder dieselben Bands spielen zu lassen, gerade als Headliner. Und das Publikum scheint das tatsächlich auch zu wollen. Unser Programm soll die Leute aber viel mehr fordern, sie sollen am Montag danach ruhig erst einmal erschlagen sein – weil sie so viel Neues bei uns entdeckt haben. Deshalb versuche ich all die „domestic Acts“ zu meiden, die auf jedem zweiten Festival spielen, und deshalb strebe ich Internationalität und auch eine gewisse Exklusivität an.

Was waren diesbezüglich deine persönlichen Highlights, die bei euch gespielt haben?

Wir hatten direkt nach dessen großen Durchbruch Flume als Headliner, und als The National 2014 bei uns gespielt haben, war das auch ihr einziges Festival in Deutschland. James Blake hatte 2016 zwei Wochen vor seinem Auftritt bei uns sein Album gedroppt – und seitdem auch fast nicht mehr live in Deutschland gespielt. Das war schon ein Highlight.

Aber eben kein „Rock am Ring“-mäßiges Highlight.

Klar, aus Sicht des deutschen Marktes sind das alle Nischen-Acts, obwohl eine Band wie The National einen Marktwert besitzt, der sich eher danach berechnet, wie groß der Zuspruch in London für sie ist – und der ist dort sogar noch einmal deutlich höher als in Berlin. Das war und ist immer wieder unsere große Herausforderung: eine Band zu überzeugen, bei uns für einen Bruchteil der Gage zu spielen, die sie in England, Holland oder Frankreich bekommen können.

Woran liegt das, dass solche Bands nicht nur im Pop-Mutterland Großbritannien, sondern auch in Benelux, Skandinavien, Spanien oder Frankreich mehr für Festivals gebucht und offensichtlich besser bezahlt werden?

Das ist kompliziert und hat sicherlich unterschiedliche Gründe. In Holland zum Beispiel, glaube ich, spielt es eine wichtige Rolle, dass das Publikum besser Englisch kann. Auf der anderen Seite sind dort ja nicht nur Gruppen wie The National und War On Drugs größer als bei uns, sondern zum Beispiel auch Scooter absolut riesig. Ein krasser Kontrast. Mit Get Well Soon habe ich wiederum in Frankreich viele großartige Erfahrungen gesammelt. Dort läuft nicht nur die Kulturförderung besser, sondern ich habe schon das Gefühl, dass das Publikum mehr Respekt, mehr Wertschätzung für Kunst zeigt. Das dortige „Rock Dans Tous Ses Etats“ wurde sogar zu meinem Vorbild fürs „Maifeld Derby“: Da standen wir 2008 neben und nach Sachen wie der japanischen Post-Hardcore-Band Envy, den verrückten Folkern von O Death und Gossip auf der Bühne. Keine Schubladen, keine Genrebeschränkungen – es ging einfach nur um Musik, um Qualität.

Aber wie lässt sich ein relativ kleines Festival wie das Maifeld Derby mit knapp 5000 Zuschauern pro Tag unter solchen Vorgaben überhaupt wirtschaftlich durchführen?

Festivals mit so einem Anspruch brauchen mittelfristig Förderung – Punkt. Man muss sich die Festivallandschaft in Deutschland ja nur einmal anschauen. Es gibt da nur sehr wenige Veranstaltungen, die inhaltlich getrieben sind.

Und die haben dann zumeist auch eine Förderung.

Ja, aber es gibt da sehr unterschiedliche Arten und kein bundesweit greifendes Konzept. Wir bekommen einen kleinen Zuschuss der Stadt Mannheim, zwischen 3 und 4 Prozent des Gesamtbudgets. Ein schwieriges Thema, denn auf der Seite von Politik und Verwaltung herrscht oft diese Angst, dass etwas von dem öffentlichen Geld in meine Tasche fließen könnte. In Wahrheit zahle ich mir seit zwei Jahren überhaupt erst ein kleines Gehalt aus dem Festival aus – und liege damit bei meiner Krankenkasse noch unterm Freibeitrag.

Möglicherweise musst du dich als Rockfestival-Veranstalter immer noch mit Vorurteilen herumschlagen, du wirst mutmaßlich als weniger seriös angesehen …

Man hat auf jeden Fall den Eindruck, dass viele Verantwortliche überhaupt nicht einschätzen können, was das Maifeld Derby überhaupt ist. Da kommen Ansagen wie: „Das ist ja ein erfolgloses ,Rock am Ring‘!“ Da geht mir der Hut hoch! Aber da tun sich Jazz oder Klassik eben einfacher. „E-Musik“ versteht eh keiner, damit haben sie sich abgefunden, das wird einfach als Kunst anerkannt. Ich sehe mich aber als Brückenbauer zwischen dem, was früher „U-Musik“ und „E-Musik“ genannt wurde – und das müsste doch hinsichtlich einer nachhaltigen Förderstrategie, die auch die Jugendpolitik mit im Auge hat, ein Anliegen sein. Stattdessen höre ich manchmal Sprüche wie: „Wo so viel Bier verkauft wird, das kann keine Kultur sein!“

Hast du dir für den Juni 2020 jetzt eigentlich schon etwas anderes vorgenommen?

Nö. Aber das ist ja das Geile! Ich habe allerdings 20-jähriges Abi-Treffen und da kann ich jetzt auf jeden Fall auch hingehen. Und danach kann ich mit meinem Camper durch die Prärie düsen und endlich wieder andere Festivals besuchen.

Das 9. Maifeld-Derby findet vom 14. bis 16. Juni 2019 auf dem Maimarktgelände in Mannheim statt. Tickets gibt es auf der Festival-Homepage.


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