Kommst Du mit nach Mitte?

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Irgendwann im Interview zitiert Roman Fischer Brian Eno. Der habe einmal gesagt, dass die Arbeit an einem Popsong nicht in erster Linie Resultat eines Prozesses im Studio, sondern eher die Auseinandersetzung mit den eigenen Umständen und den eigenen Gefühlen sei. Ein Argument, das dem Songwriter einleuchtete und das er immer wieder hervorkramte – wenn er ungeduldig wurde, wenn er ein Stück nicht zu Ende bringen konnte. Und er steckte immer wieder in der Sackgasse. Wohl auch, weil der Berliner anders arbeitete als früher und die Songs seines dritten und selbstbetitelten Albums nicht an Gitarre und Klavier schrieb, sondern die meisten Zeit am Computer saß. Er glaubt, die klassische Klangarbeit könnte über weite Strecken komplett durch dieses Aneinandersetzen von Loops und Patterns ersetzt werden: „Langfristig könnte das bedeuten, dass sich die harmonische Struktur von Popmusik grundlegend verändert.“Roman Fischer versucht allerdings auch am Rechner den perfekten Popsong zu finden, was neuen Stücken wie „Not For Everyone“ oder „Some Other Man“ durchaus anzuhören ist. Und die musikalische Grundbildung, die bei den ersten Songwritern aus der Generation der digital natives keine große Rolle mehr spielen wird, darf bei ihm noch vorausgesetzt werden: „Eine Kirchenorgel, ein Klavier, ein paar Geigen, ein Cembalo“, so erzählt Roman Fischer, hätten in seiner Heimat, im bayrischen Windach, eine runde halbe Autostunde westlich von München, herumgestanden. Das Geigespielen lernte er mit sechs, dann setzte er sich ans Klavier – und auch die Arbeit mit Gitarre und Schlagzeug wurde von seinen Eltern, beides Musiker, unterstützt. Aber Windach, das ist eine zeitlang her. Auch das beschauliche Augsburg, wo er Mitglied der Szene um Anjo, Nova International und anderen Musikern war, hat Roman Fischer hinter sich gelassen. Und damit auch diese Phase der Selbstfindung, fast eremitenhaft um sich selbst kreisend, die die Texte seines Vorgängers PERSONARE noch gekennzeichnet hatten. Der Bayer ist heute ein Berliner, aber besonders „inspirierend“ findet er die Stadt nicht. Er sagt: „Es wird soviel geslackt.“ Zu viel Easygoing, zu wenig Drive. Das habe ihn anfangs richtig nervös gemacht. Dafür war er noch nicht entspannt genug. Doch inzwischen weiß er den Musiker und den privaten Menschen Roman Fischer – der eine kein Indie-Wunderkind mehr und der andere auch erwachsen geworden – besser auszubalancieren. Er sagt: „Ich kann auch einfach mal eine gute Zeit haben. Das musste ich lernen. Als Musiker ist es verführerisch, sich zu zerstören, weil das so eine Art Konsens ist: Wenn man traurig ist, so sagen sie einem, schreibe man die besten Songs. Ich glaube nicht, dass das so einfach ist.“

Jochen Overbeck – 29.07.2010


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