Konstantin Wecker, Bochum, Ruhrlandhalle


Manchmal, wenn alle Hörer schlafen, legen ARD-Redakteure den „Willy“ auf ihren Plattenteller. Jenen Nachruf für einen linken Polit-Freak, der von Neonazis erschlagen wurde. Eine Schauerballade, die nicht nur zu Herzen geht, sondern bis tief in die Darmregion — dahin, wo sich unausgesprochene Ängste aufstauen. Zehn Jahre lang untermalte Wekkers Live-Gemeinde ihr „Zugabe“-Staccato mit „Willy! Willy-Rufen. In Bochum, der ersten Station seiner „Wieder dahoam“-Tour außerhalb Bayerns, wurde Konny nach mehr als drei Stunden nicht von derartigen Erinnerungen an die Vergangenheit belästigt. Die „Wil-Iy“-Story scheint wohl nicht mehr aktuell zu sein. Hoffentlich.

Sein Orff-Schulwerk-Sound, mit dem Wecker nie in Lindenbergs oder Maffays Marktnische eindringen konnte, ist vorerst vom Programmzettel gestrichen. Live gewinnt er seine Bayern-Power heuer aus anderen fossilen Brennstoffen. Zu hören sind Stevie Winwoods „Gimme Some Lovin'“.

Zitate aus Tschaikowskijs b-Moll-Klavierkonzert und der Jazz-Standard „Mercy Mercy“. Zwischendurch schüttelt der Mann am Klavier einen Liberace oder Jerry Lee Lewis aus dem Ärmel. Unterbrochen wird dieses Wunschkonzert regelmäßig durch noch’n Gedicht.

Musikalischer Höhepunkt des Abends ist das Solo von Drummer Pete York. Welche Steigerung soll Wekker seinen Fans nach diesem Schießbudenzauber bieten? Richtig geraten: Noch’n Gedicht. Der Rezitator benötigt keine 20 Sekunden, um damit die sprichwörtliche Stecknadel wieder in seine Waagschale fallen zu lassen.

Bassist Colin Hodgkinson bekommt auch die Erlaubnis, den Saal zu stehenden Ovationen hinzureißen. Minutenlang huschen seine Finger über den Fender-Baß, als wäre das unförmige Instrument eine winzige Mandoline. Normal sterbliche Bassisten erzeugen Sounds ä la Hodgkinson mit Hilfe elektronischer Effektpedale; Colin macht das in reiner Handarbeit. Eine Live-Persönlichkeit wie Alexis Korner benötigte einst nach Darbietungen von Hodgkinson’s Fingerballett immer drei oder vier Songs, ehe er wieder als Chef im Ring anerkannt wurde. Wecker steckt darartiges weg wie ein siegessicherer Boxer und holt aus zum Gegenschlag: Noch’n Gedicht.

Die Cellistin Hildi Hadlich, Saxophonist Charlie Mariano, Keyboarder Wolfgang Dauner und die anderen Mitspieler dieses erlesenen Ensembles wissen ihre Chance, einem Konstantin Wecker die Schau zu stehlen, weniger konsequent zu nutzen. Ihnen macht es viel eher sichtlich Spaß, zum Gelingen dieses bunten Abends beizutragen.

Als Rausschmeißer präsentierte Konny in Bochum seine 15 Jahre alte „Susi“ — eine Schnulze, die manchen altgedienten Wecker-Fan kopfschüttelnd abwandern ließ. Für die verbliebenen 500 Zuhörer rezitierte er anschließend noch’n Gedicht. Ohne Mikro, ohne Pose, einfach so.